Blog 655 - 15.11.2020 - Katastrophenfilm und Sonne am Horizont

Es ist wie in einem der Katastrophenfilme, wenn die von Aliens oder versehentlich aus einem Labor entkommenen Viren verseuchte Bevölkerung getestet und separiert werden muss. Das denke ich, als ich in der Autowarteschlange eines Corona-Testzentrums stehe. Mitarbeiter, die weiße Kittel, Mund-Nasen-Schutz und manchmal sogar Haarnetze tragen, prüfen ernst und knapp die Papiere, klemmen Zettel unter den Scheibenwischer und sagen den vorrückenden Fahrern eindringlich: "Lassen Sie die Fenster geschlossen!" Das ist schon etwas spannend und ziemlich skurril.

Zum Glück sind wir nicht wegen Husten, Schlappheit oder irgendwelchen Verdachtsgründen da. Der Gatte braucht einen aktuellen Coronatest für seine OP-Nachbehandlung. Ich bin nur die Begleitung. Nach dem Abstrich des Gatten-Rachens fahren wir nach Hause und warten auf das Ergebnis.

Am nächsten Tag haben wir es schriftlich: der Gatte ist coronafrei. Ich bin es damit vermutlich auch. Vermutlich. Gerade haben wir einen Coronafall bei einem Paar in der Verwandtschaft, bei dem er Corona inklusive Schlappheit und Müdigkeit hat, während sie virenfrei ist. Er steckte sogar noch die Enkel an, wegen denen dann eine ganze Schule geschlossen wurde. Zum Glück haben alle einen leichten bis mittelleichten Verlauf der Krankheit. So lange nicht geklärt ist, warum einer eine Coronainfektion bekommt und der andere nicht, und warum sie bei vielen leicht ausfällt und bei manchen - egal in welchem Alter - einen schweren oder tragischen Verlauf nimmt, sollte man Corona lieber nicht bekommen. Abstand - Maske - Hände waschen! Das ist nicht Diktatur, sondern vernunftbasiertes Handeln in einer sozialen Gemeinschaft. 

Der Herbst zeigt sich mal nebelig auf einsamen, komplett stillen Landschaften, dann wieder sonnig mit strahlend buntem Herbstlaub. Es ist meistens trocken und mild und mir gefällt er sehr gut.

Im Garten finde ich den letzten Kürbis des Jahres. Ich denke an den Uralt-Witz: "Wie fanden Sie das Schnitzel?" "Als ich das Salatblatt anhob, sah ich es." Auch der Kürbis war von einem einzelnen, trockenen Kürbisblatt verdeckt. Ich lass ihn mal noch draußen, vielleicht wächst er einige Millimeter, ehe ich versuche, Suppe daraus zu kochen.  

Jeden Tag trage ich mindestens 20 Pflastersteine vom Bürgersteig hoch in den Hof. Dafür muss ich zweimal runter und hoch gehen, mache insgesamt 240 Schritte und befördere 50 Kilo. Meine Kondition und mein Ehrgeiz steigern sich. War ich zu Beginn nach drei Gängen schon ziemlich außer Atem, mache ich inzwischen sechs oder auch acht Gänge nacheinander. Das freiwillige Aufstocken meiner Mindesttagesleistung ist an den schrumpfenden Steinhügeln deutlich zu sehen. Ich werde wohl nicht erst im März 2021, sondern noch in diesem Jahr alle Steine oben haben.

Abends beim Sonnenuntergang Steine zu tragen, ist ein malerisches Bild, aber auch anstrengend. Malerisch ist auch eher der Blick zum Horizont, nicht der Blick auf die Frau in dreckiger Arbeitskleidung, die keuchend mit zwei Eimern voll Steinen den Weg hochschwankt.

Ich denke nicht weiter darüber nach, dass ich die Steine im Frühjahr vom Hof noch viel weiter nach oben in den Garten tragen muss, und dass ich die Stellen im Garten, die ich pflastern möchte, überhaupt erst freihacken und planieren muss. Außerdem brauche ich zum Pflastern dann noch recht viel Split, den ich ebenfalls bis nach oben tragen muss. Bloß nicht im Detail überlegen, sonst frage ich mich selber, ob ich das überhaupt schaffe und ob das nicht zu viel ist. Alles in kleinen Schritten. Zwischenziele sehen und sich beim Erreichen darüber freuen. Jetzt freue ich mich erstmal, dass in wenigen Wochen der Bürgersteig wieder frei von Pflastersteinhügeln ist. Bis mal oben alles in Wegen und Plätzen liegt, werde ich noch viele Zwischenziele haben, über die ich mich einzeln freuen kann.

         
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