Blog 651 - 18.10.2020 - Steine, Steine, Steine und kaltes Feuer

Der Wahnsinn schlägt mal wieder zu. Mein persönlicher Wahnsinn. Am Sonntagnachmittag sehe ich bei Ebay, - ich habe keine Ahnung, warum ich momentan in diesem Bereich überhaupt gucke -, dass es im Nachbarort gebrauchte, schön verwitterte Betonpflastersteine gibt. Angesichts der Pflaster- und Wegepläne, die ich für meinen Garten habe, eine schöne Sache. Was mich einige Minuten überlegen lässt, ist, dass es etwa 30 Quadratmeter sind, dass die Steine noch als Wege und Garagenauffahrt liegen und dass ich es angesichts der frischen Rücken-OP des Gatten und der räumlichen Abwesenheit der Söhne komplett alleine machen muss.

Wo andere sofort abwinken, die viele Arbeit sehen, die Probleme ahnen, den Muskelkater spüren und sachlich und vernünftig bleiben, denke ich: Warum nicht? und sage zu. Erst danach gucke ich mir die Steine vor Ort an. Wäre ja auch blöd, zuerst hinzufahren, begeistert zu sein, und währenddessen klickt jemand "sofort kaufen" und sie sind weg. Beim Angucken denke ich zuerst: "Oh ja, die sind schön" und sofort danach: "Oh ha, das sind schon eine Menge". Zum Glück liegen sie nur in einem Sandbett und sind nicht einbetoniert. Das ist im Übrigen die Voraussetzung, dass ich es überhaupt mache.

Gleich am nächsten Morgen fange ich an. Und gleich zu Beginn zeigt sich, dass die Steine zum Teil doch in einem dünnen Betonbett liegen und meistens nicht mit einem kurzen Ruck anzuheben sind. Wenn ich sie endlich gelöst habe, hängt eine dünne oder auch mal dicke Betonschicht an ihnen. Na toll! Gerade denke ich, dass ich dann doch keine Lust habe, da kommt ein Bereich, ab dem sich die Steine tatsächlich leicht lösen lassen, weil sie wirklich nur in Sand und Erde liegen.

Ab jetzt geht es relativ flott. Relativ. Ich hacke mehrere Steine mit der Spitzhacke locker, bücke mich, lege in zwei bereitstehende Eimer jeweils fünf Steine - jeder Stein wiegt 2,4 Kilo -, und wanke mit den insgesamt 24 Kilo Steinen den Weg entlang bis zum Zwischenstapelplatz nah an der Einfahrt. Es ist anstrengend und staubig. Und ich mache es viele Stunden lang. Abends gehe ich unter die Dusche und schlaf danach fast sofort ein. Nachts wache ich mehrfach auf, weil meine Bauch- und Schultermuskeln beim Umdrehen weh tun.

Am nächsten Tag beginne ich damit, die ersten Steine in vielen Autotouren nach Hause zu bringen und dort aufzustapeln. Witzigerweise wird während meiner Fahrten unmittelbar neben den Stapeln ein Baustellenschild aufgestellt, das gar nichts mit mir zu tun hat, sondern auf einen Bereich dahinter weist. Es passt aber perfekt.

Jeden Tag hacke ich Steine aus der Erde und transportier sie nach Hause. Es ist schon eine elendige Schlepperei. Zwischendurch halte ich mich für total bescheuert und verdrehe die Augen, aber ich ziehe es durch. Nicht nachdenken, wie viel Arbeit es noch ist, sondern immer nur die nächsten zehn Steine sehen. Und je mehr Steine ich nach jeder Fahrt vor dem Haus gestapelt sehe, desto freudiger male ich mir aus, was ich damit alles pflastern kann. Die ersten Nachbarn, sowohl an der Baustelle, als auch bei mir zuhause bleiben stehen und erkundigen sich, was ich mache und ob ich das alleine mache. Alleine? Meistens gibt es ungläubige Blicke, lachendes Kopfschütteln und positive Worte. Ich merke aber, dass die meisten meine Idee für völlig verrückt halten. Das ist sie ja auch.

Um mich zu motivieren, rede ich mir ein, dass ich gerade extremen Kraftsport mache und meinen Body definiere. Oder shape. Body-shaping. Wie praktisch! Definieren kann ich vor allem schmerzende Bauch-, Schulter- und Rückenmuskeln, überanstrengte Knie und müde Fingergelenke. Wenn ich abends aufs Sofa falle, ist mir völlig egal, was ich schon definiert oder geshaped habe, Hauptsache, ich kann liegen.

Der frisch rückenoperierte Gatte darf einen Stein nicht mal anheben, geschweige denn tragen. Stattdessen trägt er zwischendurch ein Korsett, um dem Rücken Halt zu geben. SEINEM Rücken, meiner muss sich bewegen. Beim Aufstapeln guckt mir der Gatte zu und gibt durch seine Anwesenheit moralische Unterstützung. Allerdings ändern sich seine Kommentare im Laufe der Zeit von: "Boah, das ist wirklich viel! Da freust du dich, was?" über: "Oh je, was willst du mit den ganzen Steinen machen?" bis zu: "Jetzt ist aber mal gut!" Meine Laune ist, bis auf einen kurzen Durchhänger am zweiten Tag, als ich mal eben überlegte, WIE VIEL Arbeit das ist, durchgehend sehr gut. Es ist eine total bescheuerte Idee, aber es ist auch eine Herausforderung.

Als es vor dem Haus wie bei einer Baustoffgroßhandlung aussieht und der baustellenerfahrene Nachbar anerkennend schätzt: "Das sind vier bis fünf Tonnen!", verdränge ich immer noch, dass ich das alles auch noch bis oben in den Garten schleppen muss. Nur nachts werde ich wach und überlege, wie lange das wohl dauert, bis die Steine oben sind - ich vermute Monate -, und wo ich sie im Garten überhaupt stapeln kann, denn so viel freien Platz für breite Steinstapel habe ich da gar nicht.

Andere horten in Coronazeiten Toilettenpapier und Nudeln, ich hole mir Steine. Viele Steine. Sollte es einen Lockdown geben, könnte ich wochen- und sogar monatelang im Garten Wege bauen. Ein ganzes Wegesystem. Ein Freund, dem ich ein Foto maile, schreibt: "Andere bauen Mauern, du baust Wege." Das ist doch mal ein schöner Satz!

Außer den Steinen gibt es in dieser Woche nur ein anderes Thema: Kaminöfen mit künstlichem Kohlefeuer finde ich blöd und überflüssig. Wenn schon Feuer, dann richtig. Aber dann brauche ich ein Heizöfchen für das kleine Kellerstudio und entscheide mich ohne jedes Zögern für ein altmodisch-verspieltes Modell mit zwei Heizstufen und künstlichem Feuer. Schon der Anblick der lodernden Flammen, ohne dass eine Heizleistung überhaupt angestellt ist, gibt mir das Gefühl, dass es zehn Grad wärmer ist. Großartig. Vielleicht muss mit dem Heizöfchen nie geheizt werden, weil es reicht, das lodernde Feuer zu sehen. Ich glaube, demnächst verschwinde ich immer mal mit einem Buch in den Keller und lese gemütlich vor dem kalten Kaminfeuer.   

         
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