Blog 650 - 11.10.2020 - Krankenhausgänge und Nationalpark

Am Sonntag sieht das Wetter weitgehend trocken aus und der Anbau bekommt den zweiten Anstrich und ist damit fast fertig. Jetzt muss ich nur noch die Fensterlaibungen und den Sockel streichen, was Feinarbeit ist, die ich demnächst bei schönem Wetter machen werde. Weil das Haus in den Hang gebaut wurde, liegen die Fenster von außen ungewohnt tief, was etwas seltsam aussieht. Von innen sind die Fenster aber nicht in Schienbeinhöhe, sondern völlig normal. 

Am Montagfrüh, es ist noch dunkel und wirkt wie mitten in der Nacht, muss der Gatte ins Krankenhaus, was nichts mit dem Renovieren zu tun hat, sondern ein geplanter, allerdings dringlicher OP-Termin ist. Seit einigen Monaten drückt eine Verengung im Rücken auf die Nerven, was das Laufen zunehmend einschränkt. Wobei das Laufen an sich funktioniert, allerdings inzwischen keine 1000 Meter mehr am Stück. Und wie weit kommt man, wenn man nach 500 Metern umdrehen muss, um den Rückweg noch zu schaffen? Die Wahl zwischen "nicht mehr mobil" und "Wirbel-OP" ist blöd, aber schnell entschieden. Vor allem, weil bei den Untersuchungen herauskommt, dass drei Wirbel von Geburt an viel zu eng sind und sich da von alleine nichts mehr bessern wird.

Während der Gatte am Vormittag auf dem OP-Tisch liegt, kommt der Sohn bei mir vorbei und wir holen die Kettensäge aus dem Schuppen. Die Zeit ist günstig, denn für die nächsten Stunden kann der Gatte nicht anrufen und ich muss keine Sorge haben, im Sägekrach das Telefonklingeln zu überhören. Der alte, morsche Kirschbaum, der bei jedem Sturm dicke Äste von oben fallen lässt, ist zum Sicherheitsrisiko geworden und muss abgesägt werden. Ich weiß, dass einige Äste schon komplett abgestorben sind, andere wirken von außen noch ganz gut, zeigen nach dem Absägen aber, dass sie es nicht sind.

Gleich daneben steht ein wilder Kirschbaum, dessen Stamm völlig unauffällig sehr hoch gewachsen ist und gefährlich schräg zum Nachbarsgarten ragt. Und weil die Säge gerade in Aktion ist, sägen wir gleich noch den zweiten großen Essigbaum um. Das wird seine Reste sofort dazu animieren, tausend Ableger loszuschicken, aber es ist Herbst, und ich hoffe, dass er nicht mehr viel Energie hat und ich bis zum Frühjahr die meisten seiner Wurzeln ausgegraben habe. Wir hinterlassen eine wie sturmverwüstete Landschaft, die ihren eigenen Reiz hat und vermutlich sofort zum naturbelassenen Nationalpark erklärt werden könnte. 

Im Krankenhaus besuche ich den Gatten, der am zweiten Tag nach der OP schon wieder durch die Gänge läuft. Jede Stunde darf er 15 Minuten lang laufen, was er vorbildlich macht und davon Muskelkater bekommt, weil er solche Strecken seit einigen Wochen nicht mehr schaffen konnte. Auch wenn der Rücken noch nicht wieder ganz stabil ist, manche Bewegungen noch verboten sind und die Schnittwunden heilen müssen, geht es ihm doch viel besser als vorher. Jetzt muss alles gut zusammenwachsen und ganz langsam wieder belastet werden.

Viermal fahre ich in dieser Woche nach Köln zum Krankenhaus. Einmal zum Hinbringen, zweimal zum Besuchen und einmal zum Abholen. Als in Köln bei Bauarbeiten eine Fliegerbombe entdeckt wird, stehe ich natürlich unmittelbar davor im Stau, kann nach gefühlten 120 Ampelphasen endlich umgeleitet abfahren und weiter nach Hause fahren.

Zwischendurch gehe ich die Notizen meines Niederländisch-Wochenend-Kurses durch und beginne damit, sie sauber aufzuschreiben. Schwarzen Tee mit Milch kann ich schon lässig bestellen und auch fragen, ob es ein ruhiges Hotelzimmer für zwei Personen und mit Frühstück gibt. Blöderweise habe ich gar nicht vor, demnächst nach Holland zu fahren. Aber vielleicht treffe ich zufällig mal einen Holländer, den ich nach einem Tee oder einem Hotelzimmer fragen kann. Für diesen Fall bin ich vorbereitet.

Am Ende der Woche ist der Gatte wieder zuhause. Während er auf dem Sofa liegt, die Wunde heilen lässt und zwischendurch langsam herumgeht, um mobil zu werden, säge und häcksel ich im Garten die Baumreste meines persönlichen Nationalparks klein. Es ist immer wieder erstaunlich, wie wenig Platz ganze Bäume einnehmen, wenn die Stämme in Stücke gesägt und die Äste in Schnipsel gehäckselt sind. Beim Häckseln der Essigbaumzweige fällt mir plötzlich auf, dass sie schon ihre roten Fruchtstände tragen. Ach herrje! Die ersten habe ich schon kleingehäckselt. Bin ich eigentlich blöd, dass ich auf diese Weise vermutlich Massen von kleinen Samen als Häckselschicht im Garten verteile? Ab da reiße ich sie ab, bevor ich die Zweige in Stücke schredder. Meine wahnwitzige Vorstellung, dass auch aus jedem der kleinen Holzstückchen wieder neue Essigbäume austreiben, schiebe ich in das Reich der Phantasie. Ich traue mich aber auch nicht, im Internet nachzusehen, ob das so sein könnte. Auch wenn ich die Bäume sehr liebe, hat sich eine leichte Essigbaumpanik entwickelt.

Corona macht mich ziemlich kontaktarm, aber noch genieße ich das meistens. Nur hin und wieder denke ich, wie nett es doch wäre, sich mal wieder mit Leuten zu treffen, sie bei der Begrüßung einfach zu umarmen, eng nebeneinander zu sitzen, zu lachen, zu singen und Spaß zu haben. Aber Sicherheit geht vor. Ich hoffe schwer auf das nächste Jahr.

         
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