Blog 649 - 04.10.2020 - Eddi und Sari, farbliche Einheit und das Haus Usher

Gardinenstoffe aus Organza sind sehr dünn und rutschig und lassen sich nicht ganz einfach mit der Nähmaschine nähen. Ich muss aber ran, denn für meine überarbeitete Haustüre hätte ich gerne Gardinen vor den kleinen Fenstern. Die passen zur alten Haustür und sie verschleiern sanft meine lächerliche Verkittung der Scheiben.

Ein bisschen zögernd und in Erwartung eigener Flüche beginne ich mit dem Umnähen der rutschigen Kanten, aber dann geht es doch unerwartet gut und der Stoff macht willig mit. Am Ende spannen sich verspielte Scheibengardinchen vor den kleinen Fenstern und vom Kitt ist nichts mehr zu sehen.

Lust auf dicht gedrängte Zuschauer bei Veranstaltungen habe ich nicht, aber in Hygienekonzept-halb-gefüllte Theater gehe ich langsam wieder. Im Pantheon treten Eddi Hüneke und Tobi Hebbelmann auf und als Gast ist Sari dabei, Eddis Kollege aus Wise Guys Zeiten. Oder wie Tobi es beschreibt: "Eddi und Sari. Und das Hygienekonzept. Und der Typ im blauen T-Shirt". Kaum stehen Eddi und Sari nebeneinander auf der Bühne, habe ich das Gefühl, ich wäre zehn Jahre in der Zeit zurückgeschleudert. Wie oft habe ich das gesehen, und wie normal kommt mir das vor! Hinter der Bühne warten noch Dän, Clemens und Ferenc, und gleich kommen sie lachend dazu.

Dass ich immer noch in der sehr alten Besetzung denke und die zwischenzeitlichen Ausstiege und Wechsel völlig verdränge, liegt an der Zeitspanne, in der ich intensiv dabei war und die nun mal voll von Dän, Eddi, Sari, Clemens und Ferenc belegt ist. Da reicht der Anblick von Eddi und Sari, um sofort wieder drin zu sein. Aber auch wenn die Stimmen und Gesten der beiden noch völlig vertraut sind, und es Spaß macht, wie locker und witzig sie auf der Bühne miteinander umgehen - und wie locker und witzig Tobi mit ihnen umgeht -, ist es musikalisch doch anders als früher. Das ist auch völlig OK und ich erwarte keinen Wise Guys Abend. Im Gegenteil. Neue Zeit, neue Konstellation, neue Lieder. Aber trotzdem schön, die beiden mal wieder zu sehen und zu merken, wie vertraut alles noch ist.

Zuhause habe ich Spaß mit Snapchat. Normalerweise vermeide ich Apps und nutze mein Handy tatsächlich nur zum telefonieren, aber es gibt Gründe, warum ich auf einmal Selfies mache und laut lache. Da ist bestimmt was für den nächsten Reisepass mit dabei!

Bevor der Herbst vorbei und der Winter da ist, will ich unbedingt noch die Außenwand des Anbaus streichen. Auch da müssen zuerst die Efeureste abgeflämmt und mit der Drahtbürste entfernt werden, was zehn Minuten lang Spaß macht und danach nur noch anstrengend ist. Aber da muss ich durch. Am Ende ist alles so gut wie möglich abgebürstet und nichts weggebrannt, was eigentlich noch da sein sollte.

Am nächsten Tag ist "Tag der deutschen Einheit" und anstatt Sekt aufzumachen, öffne ich früh morgens den Farbeimer und streiche die Wand. Das finde ich für den Tag total passend, denn auch das Haus und der Anbau werden damit farblich wieder vereint. Der erste Anstrich deckt schon gut, den zweiten kriege ich demnächst auch noch hin.

Abends gucke ich mir, organisiert vom Kulturkreis Erftstadt, den "Der Untergang des Hauses Usher" von der "Bühne Cipolla" an. Sie machen Figurentheater für Erwachsene. Sicherheitshalber lese ich mir vorher die Zusammenfassung des "Hauses Usher" von Edgar Allen Poe bei Wikipedia durch, denn ich weiß schon, dass die Cipollas bildgewaltig inszenieren und man als Zuschauer schon mal den Überblick verliert, wenn man keine Ahnung hat, worum es in der Grundgeschichte geht. Sie spielen eben nicht Klassiker brav mit Puppen nach, sondern zeigen ein spannendes, gewaltiges, künstlerisches Theaterstück. 

Und wie sie das machen! Mit großer Intensität, überzeugenden Charakteren, tollen Figuren, berührenden Szenen und eindringlichen, das Stück wie mit Filmmusik untermalenden Celloklängen, die mal sanft, mal drängend und dann wieder spitz und scharf sind, spielen sie so spannend und mitreißend, das das Publikum während der ganzen Vorstellung mucksmäuschenstill ist. Sebastian Kautz erlebt als Besucher des Hauses Usher verstört die dortigen Umstände und führt dabei die Puppen, die alle einen eigenen Charakter und ein Eigenleben haben. Natürlich weiß und sehe ich, dass dort Figuren bewegt werden, und natürlich gucke ich besonders interessiert wie sie bewegt und belebt werden, aber ich bin auch immer wieder sofort in ihrem Bann und akzeptiere sie als Personen.

Und der Musiker Gero John, der mit Maske und Kleidung mysteriös wirkt und wie eine eigene, spannende Geschichte aussieht, spielt so wunderbar die Szenen begleitend und verstärkend, dass Bilder, Sprache und Musik eine energiereiche Einheit werden. Toll! Große Klasse! Ich bin sehr begeistert und würde gerne sofort wieder spielen und auftreten. Auf dem Nachhauseweg denke ich, dass ich doch mal ein Stück nur für Erwachsene machen sollte. Mit Brüllen und Gruselfaktor und Schock. Das würde mir wirklich Spaß machen.

         
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