Blog 647 - 20.09.2020 - Blauer Himmel, gefillte Fisch und der Spezi

Der zweite Tag des Wochenendkurses "Niederländisch für unterwegs" bei John Beekman ist nicht wirklich leichter als der erste. In der Aussprache geht einiges schon viel flüssiger und manche Sätze laufen fast von alleine, aber dafür stauen sich in den letzten beiden Kursstunden die vielen neuen Vokabeln in meinem Hirn und lassen sich nicht mehr locker abrufen. Zu viel Input. Die Aufnahmeabteilung streikt. Da werde ich in Ruhe nacharbeiten, ordnen und sacken lassen müssen.

Ein so intensiver Kurs ist etwas anstrengend, bringt aber viel. Ich bin selber erstaunt, was für Texte ich jetzt schon lesen und verstehen kann. Das finde ich viel besser, als zwei Tage entspannt rumzudödeln und dann nur einige Touristensätze zu können. "Ik wil niet rumdoedelen" ist übrigens keine korrekte niederländische Übersetzung dafür. Glaube ich. Sicherheitshalber gucke ich im Wörterbuch nach. Oh, es gibt tatsächlich ein "doedelen". Ik doedel, jij doedelt, ik heb gedoedelt. Und den "doedelzak", den Dudelsack.

Kaum habe ich den Fremdsprachenkurs absolviert, fahre ich mit dem Gatten und im Kopf herumspringenden niederländischen Sätzen nach - Sachsen. Das ist sprachlich anders, aber Probleme mit dem Verständnis und der Aussprache kann es dort auch schon mal geben. Niederländisch hilft mir da aber nicht. Die Fahrt geht in der Nacht einmal quer durch Deutschland, durch den drei Kilometer langen Jagdbergtunnel bei Jena, bis nach Chemnitz. 

In Chemnitz wohnt der Sohn und wir sind zum Frühstück da. Meistens gibt es, wenn ich dort bin, strahlend blauen Himmel, so dass mir die Stadt später vermutlich als immer sonnig in Erinnerung bleiben wird. Außerdem werde ich an schöne alte Häuser und breite Straßen denken.

Zum Glück erlebe ich Chemnitz immer nur positiv und treffe überall nette Leute, auch wenn ich weiß, dass nicht alles so schön ist, wie es aussieht. Für den Abend haben wir im jüdischen Restaurant "Schalom" reserviert, das für hervorragendes Essen bekannt ist. 2018 war es in den Schlagzeilen, weil es von Neonazis angegriffen wurde. Wie beschämend, dass das heute in Deutschland noch passiert.

Das "Schalom" ist drinnen sehr gemütlich, leichte Jazz- und Bigbandmusik der 40er-Jahre läuft in angenehmer Lautstärke und die Atmosphäre ist "gehoben". Die Servicekräfte sind freundlich, aber so korrekt, dass ich heimlich fürchte, ihren Anforderungen bezüglich des Benehmens und des Besteckgebrauches nicht gewachsen zu sein. Das würden sie in ihrer kerzengeraden Butlerhaltung sofort registrieren, es mich aber natürlich nicht merken lassen. Die Speisekarte mit ihren Erklärungen zum jüdischen Leben zeigt allerdings, dass es im "Schalom" humorvoll zugeht.

Zum ersten Mal esse ich "gefillte Fisch", ein Gericht, von dem ich in vielen Büchern gelesen habe, von dem ich aber keine Ahnung hatte, wie es schmeckt. Sehr, sehr lecker - zumindest so, wie es im Schalom zubereitet wird. Die Gerichte dort sind allerdings so gut gemacht, dass sie nicht unbedingt mit normalen Zubereitungen zu vergleichen sind. Der Gatte bestellt als Vorspeise "Salat mit Chili". Zum Salatteller werden ihm in einem Extra-Schälchen etwa zehn Stückchen grob geschnittener Chili gestellt. Der Chili ist sehr, sehr scharf. Zwei Stückchen schafft er im Salat, eins probiere ich und finde, dass es den kompletten Salatgeschmack wegbrennt. Die restlichen Chilistücke lässt er im Schälchen. Als der korrekte Kellner die Vorspeisenteller abräumt, stockt er kurz, deutet auf das Chilischälchen und fragt leise, aber vorwurfsvoll: "Und der Chili?" "Der ist ziemlich scharf", erkläre ich, woraufhin er völlig ernst und anscheinend emotionslos: "Ah ja" sagt, die Teller mitnimmt und das Chilischälchen demonstrativ stehen lässt. Gerade die Korrektheit und Höflichkeit, mit der er den Tadel anbringt und die Ruhe, mit der er dann ohne Chilischälchen weg geht, machen die Situation sehr witzig. Ich könnte wetten, er steht danach hinter der Ecke und grinst. Eine Situation wie bei Loriot - ich liebe das!

Das Essen ist großartig. Wir essen alles komplett auf, der Gatte schmuggelt sogar die letzten Chiliringe in sein Hauptgericht und schluckt sie mit. Vermutlich, damit der Kellner nicht nochmal vorwurfsvoll gucken kann. Der linst bestimmt um die Ecke und lacht sich weg. Wir haben Spaß und ein tolles Essen. Dicke Empfehlung: Das "Schalom" in Chemnitz!

Am nächsten Tag gibt es das Kontrastprogramm beim "Vietnamspezi". Schon alleine der Name des Fast-Food-Restaurants ist ein Grund, dort mal Essen zu holen. Dass es "vietnamesische, chinesische, thailändische, japanische und deutsche Spezialitäten" gibt, macht mir etwas Angst, aber als ich sehe, dass im "Spezi" hauptsächlich Asiaten sitzen oder kommen und Essen abholen, bin ich sofort positiv gestimmt. 

Hatten wir am Vortag im jüdischen Restaurant noch vorbildlich, korrekten Service in einer ruhigen, gehobenen Atmosphäre, sitzen hier mehrere asiatische Gäste zum Teil tief über das Essen gebeugt an den Holztischen und einige schaufeln das Essen schnell und hörbar schmatzend in sich rein. Einer zieht dabei ständig laut die Nase hoch, was in China tatsächlich höflicher als Naseputzen ist. Ich komme mir vor wie in einem asiatischen Straßenrestaurant und finde es sehr authentisch. Und das in Sachsen. Die Preise sind niedrig, die Sommerrollen sehr frisch und lecker, und bis auf eine vietnamesische Soße, bei der wir nicht wissen, ob sie wirklich so schmecken muss und Vietnamesen vielleicht daran gewöhnt sind, ist alles gut.

Am Ende der Woche geht es - wieder in der Nacht, weil da deutlich weniger Autoverkehr ist - einmal quer durch Deutschland zurück ins Rheinland. Fünf Stunden und einige Minuten brauchen wir, was für die Strecke unser persönlicher Rekord ist. Bei mehr Autoverkehr kann das auch mal sieben Stunden dauern. Zuhause mache ich Sommerrollen mit Erdnusssoße. Ein bisschen muss ich beim Einrollen noch üben, aber der Geschmack ist schon nah dran und es ist sehr lecker.

In den nächsten Tagen werde ich meine Niederländischvokabeln sortieren. Sehr schön ist, dass die Gruppe aus eigenem Antrieb einen Folgetermin gefunden hat, an dem wir alle zusammen nochmal mit dem Dozenten John Beekman wiederholen, üben und festigen können. Wat leuk! Was für ein Spaß!

         
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