Blog 644 - 30.08.2020 - Farbmix-Geheimtipp, Filme und Tomaten

Die Wandfarbe im Keller ist trocken, jetzt möchte ich die Treppenstufen und den Boden streichen. Weil nicht mehr genug Farbe vom Waschbodenstreichen übrig ist, fahre ich mit dem Gatten zum Baumarkt. "Hast du ein Foto von der Farbdose gemacht?", fragt der Gatte. Nein, denn ich weiß genau, welche Farbe es ist. Ich weiß sogar, in welchem Regal sie steht. Ganz rechts, zweites Fach von unten. Da: "Bodenfarbe, silbergrau, seidenmatt". Eine mittlere Dose reicht, denn ungefähr so viel Farbe habe ich noch zuhause. Zack, ein Griff, schon liegt sie im Wagen.

Zuhause rühre ich beide Farben zusammen und lege los. Es klappt recht gut, auch wenn die Farbe sich nicht ganz so schön gleichmäßig verteilen lässt wie in der Waschküche. Egal. Spätestens nach dem zweiten Streichen wird es super sein. Als ich endlich bei den letzten Treppenstufen ankomme, ist nur noch wenig Farbe in der Dose und ich habe das Gefühl, dass sie immer zähflüssiger und matter wird. Was ist los? Ist es zu warm? Aber vor drei Wochen war es beim Streichen doch deutlich wärmer! Irgendetwas stimmt nicht. Aber was?

Als ich fertig bin, gucke ich mir die alte und die neue Farbdose genauer an. "Seidenmatt", "Silbergrau" und auch der Hersteller - alles stimmt. Aber dann sehe ich es: Auf der einen Dose steht "Fußbodenfarbe", auf der anderen "Zementbodenbeschichtung". Die Fußbodenfarbe ist eine wasserlösliche Acrylfarbe, die Zementbodenbeschichtung ein wasserunlöslicher Lack. Und was sollte man niemals vermischen, weil das überhaupt nicht geht, nicht zu verarbeiten ist und auf keinen Fall hält? Acrylfarbe und Lack.

Hmm. Und jetzt? Ich habe verrührt und gestrichen, und der erste Anstrich ist zwar nicht ganz gleichmäßig, aber noch akzeptabel. Für eine Mischung aus Acryl und Lack ist er sogar ganz hervorragend. Gibt es jetzt beim Trocknen Risse oder kräuselt sich die Oberfläche? Geht die Farbe später beim Drüberlaufen ab? Wird der Betonboden weich und ich sinke ein? Löst sich die Bodenplatte komplett auf? Ich finde die Situation schon blöd, muss aber auch lachen. Zufällig ruft in dem Moment ein Freund an, der sich mit Klebern und Farbe auskennt und dem ich von meinem Farbmix berichte. Beruhigend sagt er: "Das ist gar kein Problem. Kannst du so machen." Ich bin erstaunt, dass er damit Erfahrung hat, da endet er lässig: "In drei Wochen wird der Boden explodieren." Ich grinse, freue mich, solche Freunde zu haben und warte erstmal eine Nacht ab.

Am nächsten Morgen kräuselt sich auf dem Boden nichts, es sind keine Risse zu sehen und ich sinke nicht ein. Erstaunlicherweise ist die Farbe, die unvermischt jeweils eine lange Trocknungszeit braucht, jetzt schon völlig trocken. Ich überlege kurz, den Tipp "Wenn man wasserlösliche Farbe mit wasserunlöslichem Lack mischt, trocknet der Anstrich viel schneller!" als Youtube-Influencer-Video ins Netz zu setzen, lasse es aber lieber. Wäre vielleicht besser, das als persönlichen Geheimtipp für mich zu behalten. Schon alleine wegen der Schadensersatzforderungen.

Ich riskiere es, hole im Baumarkt die richtige "Zementbeschichtung" und überstreiche den Boden nochmal. Die Farbe bleibt bis zur letzten Stufe schön streichfähig, deckt alles glatt ab und glänzt zunächst vorschriftsmäßig. Wenn ich Glück habe, hält sie. Auch noch in drei Wochen. Wenn nicht, nicht. Das Ergebnis gefällt mir jedenfalls so gut, dass ich nach dem Trocknen täglich zehnmal in den Keller gehe, nur um mich freudig umzusehen.

Das kurze 16-mm-Filmstück von der Hochzeit meiner Großeltern ist fertig digitalisiert und ich kann die Aufnahmen zum ersten Mal ansehen. Es sind nur etwa 30 Sekunden, in denen in verschiedenen Einstellungen die junge Oma und der junge Opa in die Kirche gehen und aus der Kirche kommen. Außerdem sind ihre Eltern zu sehen, drei mir unbekannte Blumenstreumädchen, ein mir unbekanntes Schleiertragemädchen und viele, mir ebenfalls völlig unbekannte Zuschauer.

Die Aufnahmen sind von Mai 1939. Zur damaligen Zeit privat zu filmen, noch dazu mit einem Farbfilm, konnten sich nur wenige Leute leisten. Meine Großeltern nicht. Sie bekamen die kurze Aufnahme von ihrem Chef, Herrn Hetzer geschenkt, der damals das Opelhaus in Berlin-Charlottenburg führte. Mein Opa war Fahrer bei ihm, meine Oma das Kindermädchen der 1937 geborenen Tochter Heidi. Von der Heidi Hetzer, die später das Autohaus übernahm, Ralleys fuhr, ab 2014 noch mit ihrem Oldtimer um die Welt fuhr und erst im April 2019 gestorben ist. Meine Oma erzählte mir mal, dass Herr Hetzer ihnen für die Hochzeit seinen größten und besten Opel zur Verfügung gestellt hat, ein Umstand, der die neugierigen Zuschauer an der Treppe wohl zu der Annahme verleitete, dass da ganz wichtige Leute heiraten. Und wichtig waren sie ja, vor allem für mich. 

Ebenfalls digitalisieren lasse ich einen eigenen alten Super-8-Film aus den Achtzigerjahren. Das Material ist bei weitem nicht so gut erhalten wie der Film aus den Dreißigerjahren, aber schön ist es trotzdem, einen Blick in die eigene Vergangenheit zu werfen. Und lustig.

Im Garten beginnt langsam der Herbst. Ich glaube, im nächsten Jahr werde ich keine kleinen Tomatenpflanzen mehr kaufen. Die fünf Pflanzen in meinen Töpfen mickern vor sich hin, müssen ständig gegossen werden und schmecken nicht mal besonders gut. Dagegen sind die vielen Cocktailtomaten, die ungeplant und wild aus Tomatensamen im Kompost wuchsen, sehr wuchsfreudig, völlig unkompliziert und sehr lecker. Im nächsten Jahr werde ich abwarten, was von alleine kommt.

Meine verschiedenen Sorten Tafeltrauben haben unterschiedliche Reifezeiten und fallen in der Traubenmenge jedes Jahr anders aus. Mal hat der eine Stock wenige, der andere gar keine und der nächste sehr viele Trauben. Das hängt vom Wetter im Frühjahr ab und kann im nächsten Jahr genau andersherum sein. Wenn Trauben dran sind, sind sie aber immer sehr lecker. Den Mengenrekord macht in diesem Jahr der Stock mit den kleinen, zuckersüßen Rosinentrauben.

Den Geschmacksrekord hatte eine Tafeltraube mit großen, hellroten Trauben, von denen es in diesem Jahr aber nur sechs Stück gab. Sechs Einzeltrauben, nicht komplette ... wie nennt man die...? Dolden? Traubenbüschel? Auf jeden Fall waren es sechs einzelne Geschmackserlebnisse, die bewusst, mit träumerischem Blick und halb geschlossenen Augen genossen wurden.

         
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