Blog 643 - 23.08.2020 - Fragebogen, Drei-km-Lauf und Schneebrillen

Ich bin selten woanders unterwegs und habe wenig Lust, mich an Orten aufzuhalten, wo mir fremde Menschen zu nah kommen. Das tun sie fast überall, und so erledige ich sogar das nötige Einkaufen sehr zügig. Panik oder übermäßige Sorge habe ich nicht, ich sehe das eher pragmatisch und gelassen, aber ich möchte mich nicht durch Nachlässigkeit und Unachtsamkeit vielleicht infizieren.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit würde ich eine Covid-19-Infektion problemlos überstehen, aber auf der einen Seite habe ich meine über 80jährigen Eltern, die ab und zu Unterstützung brauchen und von denen ich mich nicht komplett fernhalten möchte, auf der anderen gibt es hin und wieder Leute, die nach einer nicht mal so schweren Corona-Erkrankung langwierige gesundheitliche Probleme haben. Brauche ich gerade nicht.

Am Montag kann ich darum in einem Bonner Krankenhaus einen Corona-Fragebogen vorbildlich mit vielen "Nein" ausfüllen. Kein Fieber, kein Husten, keine Reiserückkehr, kein Kontakt mit Corona-Erkrankten ... Ich komme mir vor wie beim Einreisebogen für die USA. "Haben Sie vor, einen Anschlag zu machen?" Ein "Ja" und ich komme nicht rein. 

Weil ich ein alles verneinender Mensch bin, darf ich bleiben und mehrere Stunden als Begleitperson verbringen. Ich frage mich freundlich durch immer ähnlich aussehende Gebäude, Gänge und Abteilungen, bis wir endlich an der richtigen Stelle sind. Wie machen das Senioren, die nicht mehr ganz fit und dazu alleinstehend sind? Vermutlich lassen die die notwendigen Untersuchungen einfach ausfallen, weil sie weder bis zur Klinik kommen, noch in dem Gewirr alleine zurechtkommen.

Am nächsten Tag verputze ich Zuhause die Wände an der Kellertreppe. Es gibt alte Bohrlöcher und hinter einem Abwasserrohr, das wir vor mehr als 20 Jahren einsetzen mussten, ist immer noch grob behauenes Mauerwerk zu sehen. "Das mache ich demnächst mal mit Putz zu", war der Satz, den ich damals sagte. Jetzt mache ich nicht nur endlich die offenen Stellen zu, sondern glätte die grob verputzen Wände. Das Glätten wird durch das eingelassene Geländer erschwert, denn irgendwo stoße ich immer plötzlich mit der großen Kelle an und mache eine Kerbe in den Putz. Muss aber nicht total perfekt werden. Es ist der Keller und alles wird besser sein als vorher.

Der Mittwoch ist schon wieder ein Begleittag zum Krankenhaus, diesmal nach Köln, ich bin aber nur die Fahrerin. Während der Patient alleine bei der Untersuchung ist, stromere ich ein bisschen durch das Viertel und entdecke den stillen Geusen-Friedhof, einen kleinen evangelischen Friedhof aus dem 16. Jahrhundert, der damals noch außerhalb der Stadt lag, und auf dem es 1875 die letzte Beerdigung gab. Sehr still, sehr verwunschen. Ich mag so was sehr.

Nachmittags baue ich am Innengehege der Kaninchen weiter. Es gibt ein Dach auf ihre Winterwohnung, für das ich meinen "Alte Bretter, die ich vielleicht noch brauchen kann"-Stapel verkleinern kann. Außerdem bekommen sie aus zwei übrig gebliebenen und seit Jahren herumstehenden Ikea-Regalböden eine Aussichtsplattform. Neugierig laufen "Hanni" und "Paul" während meiner Bauarbeiten herum und besehen sich alles ganz genau, so dass ich vor jedem Sägen mit der Stichsäge gucken muss, wo die beiden gerade sind. "Ich habe meinem Kaninchen versehentlich ein Ohr abgesägt" müsste ich bei der Tierärztin wohl länger erklären.

Die Kaninchen finden die Bauergebnisse höchst erfreulich. Vor allem das Plexiglasfenster ihrer gedämmten Winterecke fasziniert sie, und ich habe das Gefühl, dass sie sich beim Heu kauen bewusst vor die Scheibe drehen und rausgucken. Verstehe ich gut - ich sitze im Restaurant auch gerne kauend am Fenster.

Auch wenn ich gerade so überhaupt keine Lust mehr auf Verputzen und Streichen habe, ziehe ich es jetzt durch, räume den gesamten Kellergang leer und bearbeite die schadhaften Stellen. Die sind nicht gravierend, aber das Haus ist mehr als 70 Jahre alt und da kann schon mal etwas Putz bröckeln.

Am nächsten Morgen bin ich endlich mal wieder sportlich unterwegs. Völlig unerwartet. Als ich mit dem Gatten vom Einkaufen aus dem Supermarkt komme, stelle ich fest, dass ich vorher die Autotür zugeworfen, den Schlüssel aber im Auto gelassen habe. Abfahrbereit baumelt er im Lenkradschloss, während ich davorstehe und blöd gucke. Es hilft nichts - ich lasse den Gatten mit dem Einkaufwagen auf dem Parkplatz zurück und gehe, jogge, laufe, hechel schnellstmöglich die drei Kilometer nach Hause, um den Ersatzschlüssel zu holen. Meine Hoffnung, dass zufällig jemand Bekanntes mit einem Auto unterwegs ist und mich mitnimmt, erfüllt sich nicht. Es ist früh am Samstag und die Straßen sind fast leer.

Für den Rückweg kann ich zum Glück unser zweites Auto nehmen, so dass ich schon eine halbe Stunde später schwitzend und mit rotem Kopf wieder beim Gatten und dem Einkaufswagen ankomme. "Das war superschnell, was?", stelle ich stolz fest. "Na ja", meint er.

Zuhause streiche ich im verwinkelten Kellergang Decken und Wände. Wow, wie hell und neu sieht plötzlich alles aus. Es ist so strahlend weiß, dass hier Schneebrillen auf ihre Tauglichkeit getestet werden könnten. In meinem Keller.

Schon am Nachmittag spüre ich deutlich den beginnenden Muskelkater vom Verputzen, Streichen und dem Drei-Kilometer-möglichst-schnell-Gehen. Ich möchte es mir nicht laut sagen, aber ich weiß es von alleine: Heute streiche ich den Boden und die Treppenstufen mit Betonfarbe. Und weil ich die anschließend tagelange Trocknungszeit nicht im Keller verbringen möchte, muss ich von unten nach oben streichen, also erst den Gang, dann mit dem Kopf nach unten auf der Treppe verrenkt hocken und Stufe für Stufe nach oben streichen. Da wird es bestimmt noch Muskeln geben, die bis heute unbelastet waren und morgen ebenfalls empört meckern. Ich bin gespannt.

         
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