Blog 636 - 05.07.2020 - Sommer-Clip, Verdrängungen und Plüschhände

In der letzten Woche habe ich noch das Bild entworfen, ich könne eine "Gartenlady" werden, aber der Begriff erweckt den Eindruck einer gepflegten Dame in geblümtem Kleid, die mit einem Korb im Arm durch den Garten streift und Rosen schneidet. Ich schleppe ja eher dicke Äste, hacke mit der mittelalterlichen Wiedehopfhacke tiefe Kerben in die Erde und trage verdreckte Jeans.

Die Wurzeln des abgehackten Essigbaumes explodieren. Kurz mal nicht hingeschaut und schon ragt ein Bündel neuer Essigbäume neben mir aus der Erde. Ich fürchte, dass der noch stehende Essigbaum irgendwie mitbekommen hat, dass er im Herbst auch weg muss und jetzt ebenfalls vorbeugend Milliarden von Sprösslingen in die Welt schickt. Es ist wirklich unfassbar, wie schnell und an welchen kleinen Wurzelstücken im Moment überall Essigbäume loswachsen.

Auf dem Video-Schnittrechner sind nach der Arbeit an Däns "Sommer-Video 2020" gerade viele alte Wise Guys Videos abgespeichert. Weil ich den alten "Sommer"-Clip von 2001 nur in stark heruntergerechneten Versionen finde, aber alle Originalfilme davon bereit habe, setze ich den Clip bildgenau neu zusammen. Als er steht, ändere ich winzige Kleinigkeiten, auch wenn ich weiß, dass er damit nicht mehr ganz "Original" ist. Das werden aber nur die Kenner merken. Am Anfang ist jetzt keine Aufblendung mehr, am Schluss ist die angesetzte Szene mit dem Applaus am Tanzbrunnen raus, und zwischendrin gibt es zwei kleine neue Minischnipsel, die ich beim Durchsehen des Originalmaterials sehr passend fand. Als Filmerin, Schneiderin und Urheberin des Clips kann ich das schon machen. Es ist quasi jetzt der Directors Cut mit zwei Bonus-Szenen. Zu sehen ist er bei Youtube auf meinem Kanal "Team Dewitz".

Im Garten wird ein Graben für die neue Stromleitung gegraben. Zum Glück nicht von mir. Die beruflich grabenden Herren vom Stromwerk buddeln vorsichtig in zwei Kurven um meine Weinpflanzen herum, was mich sehr freut. Die Weinpflanzen vermutlich auch.

Als ich einen schon lange vollgestellten Abstellraum aufräume, merke ich, dass er wirklich schon sehr lange vollgestellt ist. Ich finde eine Kiste mit leeren Weckgläsern. Dann noch eine. Ach ja, die früheren Besitzern des Hauses haben fleißig Obst und Gemüse eingemacht und mir die Gläser hinterlassen. Ich erinnere mich schwach. Dann finde ich eine dritte Kiste, eine vierte, eine fünfte ... ähm, ja ... was mache ich mit den vielen alten Weckgläsern? Auf keinen Fall wegwerfen, dafür sind sie viel zu schade, aber wer kocht heute noch richtig Gemüse und Obst ein? Ich habe zwar einen Einwecktopf, aber darin färbe ich Plüsch und Fleecestoffe. Erstmal stapel ich die Kisten wieder übereinander, so wie ich das vor über zwanzig Jahren mit dem Gedanken: "Die sind ja viel zu schade zum Wegwerfen" schon mal gemacht habe.

Auch die Tüte mit den leeren Coca-Cola-Flaschen überrascht mich. Das Haltbarkeitsdatum zeigt 1989 an. Wir müssen schon mit ihnen umgezogen sein. Warum?? Geschichtlich interessant ist, dass auf zwei Flaschen ein ungeöffnetes Paninibild klebt mit der Beckenbauer-Aufforderung: "Sei mein Co-Trainer bei der EM". Die Einmachgläser und leeren Flaschen zeigen, dass es Verdrängungen und Geheimnisse bei uns gibt, dass wir gerne abstellen und vergessen und auch, dass sich niemand für Fußball interessiert.

Am Freitagabend bin ich bei einer Besprechung zu einem kleinen Videoclip, der am folgenden Tag gemacht werden soll und bei dem ich im Hintergrund gebraucht werden kann. Offiziell in den Abteilungen: Kostüm, Requisite, Regieassistenz und Was-sonst-noch-anfällt. Es bedeutet, dass jemand da ist, der nicht unmittelbar vor oder hinter der Kamera steht, ansprechbar ist und weiß, was gebraucht wird. So etwas mache ich gerne. Wenn die Rädchen im Hintergrund geschmiert laufen, können die Akteure sich gut auf das Filmen konzentrieren.

Bei der Besprechung stellt sich heraus, dass die als Tierpfoten vorgesehenen Handschuhe nur wie Handschuhe aussehen. Da trifft es sich gut, dass ich zufällig Puppenbauerin bin. Und dass ich weißen Langhaarplüsch in der Kiste habe. Am nächsten Morgen treffen wir uns zum Filmen und ich nähe erstmal eilig Plüsch auf Handschuhe. Hätte ich mehr Zeit, könnte ich es sorgsamer machen, aber das Ergebnis ist genau das, was wir brauchen.

Der Drehtag dauert von morgens bis abends, hat mit Musik zu tun, ist für manche schweißtreibend und macht viel Spaß. Wir sind zusammen eine sehr nette kleine Gruppe, bei der niemand anstrengend ist, alle gezielt arbeiten und lachen können. Nach dem Drehen in einem Tonstudio und einem Fotostudio wechseln wir in einen Kölner Club, der momentan wegen Corona geschlossen ist. Dort wird der Liveauftritt gefilmt. Auf der Bühne geht es ab, es ist laut und wirkt wie bei einem richtigen Konzert, nur dass es immer dasselbe Lied ist und verschwindend wenige Zuhörer im Club stehen.

In einigen Wochen wird das schräge, skurrile, rockige und faszinierende Ergebnis veröffentlicht werden. Ich freue mich sehr darauf. Es hat eine ganz eigene Ausstrahlung. Und das liegt nicht nur an meinen Tierhandschuhen. Aber auch.

         
Blogübersicht
 nächstervorheriger