Blog 629 - 17.05.2020 - Upcycling und ein kubanischer Grill

Nach dem Abreißen der alten Vogelvoliere (im letzten Herbst) und des alten Kaninchengeheges (vor vier Wochen) habe ich eine Menge Abfall aus alten Holzteilen und Drahtresten herumliegen. Der muss zur Müllkippe, was wegen Corona aber gerade nicht geht. Spontan baue ich aus einer alten Holzpalette, zwei verdrahteten Türen der Vogelvoliere und Brettern der Volieren-Seitenwand einen Unterstand für mein Feuerholz. Als Dach schraube ich eine gebrauchte Wellpolyesterplatte vom früheren Kaninchengehege drauf. Sogar die verwendeten Schrauben sind zum größten Teil gebraucht und rostig, tun es aber noch. "Upcycling im Shabby-Look" nennt man das heute. Früher hieß es: "Ach, aus dem Müll kann ich bestimmt noch was machen." Wenn jemand fragen sollte, wie ich diesen wunderbaren, alten, zum Teil ausgeblichenen Blauton an den Bretten hinbekommen habe: Bretterwand bauen, blau lasieren und zwanzig Jahre lang dem Wetter aussetzen - fertig.

Um einen Platz für meinen Holz-Unterstand zu haben, musste ich vorher einige Quadratmeter Urwald neben dem Grill roden, was aber sowieso mal angestanden hätte. Besonders das Efeu dachte schon, es könne von dort aus die Welt erobern. Als der Unterstand steht, kürze ich alle herumliegenden und wild übereinander liegenden Äste auf die passende Länge und stapel sie endlich mal ordentlich auf. Liest sich schnell, dauert lange und ist mühsame Arbeit mit der Astschere, der extragroßen Astschere und der Motorsäge.

Wie immer, wenn ich gründlich aufräume, sieht die Umgebung währenddessen ziemlich schlimm aus. Na, besser draußen aufräumen als drinnen bügeln, denke ich, was aber Quatsch ist, denn ich bügel äußerst selten, egal ob draußen oder drinnen.

Gibt es übrigens etwas Niedlicheres als minikleine Kohlrabi, die mit dem Wachsen beginnen? ... fällt mir jedes Mal auf, wenn ich daran vorbei laufe.

Am Ende der Woche ist der Grillplatz wieder nutzbar. Das erkennt auch eine Wespengruppe, die sich in der Grillhütte eine neue Immobilie unter den aufgestapelten Sitzkissen bauen möchte. Emsig fliegen die Wespen an mir vorbei, verschwinden zwischen den Kissen und sind bei der Grundsteinlegung. Ähm, nee ... das Haus und die Sitzkissen möchte ich im Sommer selber nutzen!

Vorsichtig hole ich die Kissen nach und nach aus der Grillhütte, spritze Wasser aus der Blumenspritze herum und stelle eine Schale mit Zitronen-Duft-Petroleum auf. Zwei Minuten später stoße ich an die Schale und das Petroleum verteilt sich auf dem Boden. Jetzt stinkt es penetrant nach künstlicher Zitrone. Mich stört's, die Wespen nicht. Zum Glück finden sie die Umgebung wegen fehlender Kissen und meiner ständigen Störungen nicht mehr ganz so interessant und sehen sich nach anderen Baugründen um.

Mein Grillplatz ist sommerfertig - da fällt mein Blick auf den Grill. Der steht seit 14 Jahren dort und unerwartet fällt mir auf, dass er nicht mehr ganz frisch aussieht. 

Kurzentschlossen hole ich den Rest der Fassadenfarbe, der vom Hauswandstreichen übrig ist. Weiß mit einem winzigen Grauton drin. Könnte passen. Als der Grill damit gestrichen ist, sieht er sauber und wie neu aus, gefällt mir aber nicht. Ich wollte schon vor 14 Jahren keinen weißen Grill haben und jetzt weiß ich wieder, warum. Hell, grell, langweilig.

Als ich kurz danach am blau angestrichenen Schuppen vorbeigehe, denke ich, dass genau so ein Blauton für den Grill nicht schlecht wäre. Blitzartig fällt mir ein, dass ich auch von der blauen Farbe noch einen Rest habe. Das scheint meine Recycling-Woche zu sein.

Ich überstreiche das Weiß - die blaue Farbe habe ich vor zwei Jahren wild zusammen gemischt und sie müffelt etwas, aber der Grill steht ja im Freien, da wird sich das geben -, und tatsächlich fügt sich der blaue Farbton viel besser in die Landschaft ein. Der Grill wirkt unauffälliger und als wäre er schon immer so gewesen. Na, also. Der Gatte findet, dass er an blau angestrichene Häuser auf Kuba erinnert. Da haben wir jetzt einen kubanischen Grill. Sollten die Corona-Einschränkungen noch länger dauern - ich habe noch an einigen Ecken zu tun. Farbe habe ich auch noch. Und Baumüll.

Inzwischen werde ich zunehmend menschenscheuer. Zumindest, wenn mir fremde Menschen zu nah kommen. Einen Supermarkt verlasse ich schnell, weil die Gänge zugebaut sind und die Leute sich eng aneinander vorbeidrücken. Nee, will ich gerade nicht. Die Corona-Pandemie fällt weit weniger schlimm als befürchtet aus, aber das liegt auch am Sicherheitsabstand und den Hygiene-Maßnahmen. Natürlich muss das öffentliche Leben wegen der wirtschaftlichen Probleme vorsichtig wieder geöffnet werden, aber das bedeutet nicht, dass Leute wie ich, die Ansteckungsketten vermeiden wollen, jetzt überrumpelt werden und mitten zwischen "Ist doch nicht so schlimm"-, "Es sterben nur die Alten"- und "Corona gibt es gar nicht"-Leuten stehen müssen. 

Risiken werden wir beim Öffnen eingehen müssen. Ich finde zum Beispiel, dass man Theater und Konzertsäle mit Vorsichtsmaßnahmen, einem kleinen Sicherheitsbereich um jeden Besucher und dem Vermeiden von Drängeln wieder öffnen kann. Wenn das gut läuft, kann man weiter öffnen. Zu sehen ist allerdings, dass es schon jetzt viele Leute gibt, die ihre eigene persönliche Freiheit über ein soziales Gesamtkonzept stellen und damit die persönliche Freiheit ihrer Mitmenschen einschränken. Eins sollte denen klar sein: Zu meiner nächsten Grillparty am blauen Grill werden sie nicht eingeladen! So!

          
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