Blog 625 - 19.04.2020 - Inselleben, Gemüseanbau und Auskoffern

Ausgangsbeschränkungen, keine engen Kontakte, keine Besuche, keine Termine. Das Tempo des Alltags ist weit runtergefahren und alles ist deutlich ruhiger geworden. In aller Ruhe werkel ich im Garten, und da niemand vorbeikommt und ich nirgendwo hin muss, bin ich wie auf einer einsamen Insel. Alles ist friedlich und weit weg von jedem Virus. Mir ist es überhaupt nicht langweilig und ich bin viel zu beschäftigt, um die vielen Unterhaltungsbeiträge und Onlinekonzerte im Internet anzusehen. Wenn diese Ruhe mal vorbei ist, werde ich sie vermutlich vermissen. 

Ja, ich weiß sehr genau, dass ich das nur darum so entspannt sehen kann, weil ich gesundheitlich nicht besonders gefährdet bin und finanziell noch keine Einschränkungen habe. Aber ich mecker auch nicht, wenn ich mal kein Mehl bekomme oder es keine Eier gibt, sondern hole dann spontan etwas anderes. Die Gefahr des Verhungerns besteht angesichts der vollen Keks- und Süßigkeitsregale sowieso nicht. Wir leben hier weiterhin ganz gut. Und es ist nicht so, dass ich in einer idealisierten Blase lebe. Meine Eltern sind gefährdet, meine Schwiegermutter darf seit ihrem Umzug ins Pflegeheim nicht besucht werden und kann niemanden aus der Familie sehen, und ein Sohn sitzt vor der Masterarbeit und kommt nicht an Literatur und Quellen, weil die Unibibliotheken geschlossen sind. Aber das alles kann sich eine Weile aushalten lassen.

Weil es so früh im Jahr schon viel zu warm ist, setze ich die Gemüsepflanzen ein. Wird schon kein heftiger Nachtfrost mehr kommen. Hoffe ich. Viel Platz für Gemüse habe ich nicht, darum ist das eher ein Spaß, der uns nicht mit hohen Erträgen ernähren muss. Das kann bei fünf gesetzten Kartoffeln, zwei Zucchini, sechs Kohlrabi, einer Paprika, einer Gurke und drei Kürbissen auch nicht klappen. Allerdings kommen noch sechs Erbsen und eine Stangenbohne dazu. Die Stangenbohne aber nur, wenn ich noch einen Platz finde.

Im Garten will ich ein neues Kaninchenfreigehege bauen. Das ist nicht ganz einfach, denn die Kaninchen müssen währenddessen im alten Gehege bleiben, dessen Seitenwand spätestens dann weg muss, wenn dort die neue Seitenwand des neuen Geheges gebaut wird. An dieser Stelle meiner gedanklich groben Idee breche ich immer ab, denn das ist mir zu kompliziert. Eine Lösung wird sich schon finden. Die drei Kaninchen für längere Zeit in einen kleinen Käfig zu setzen, möchte ich unbedingt vermeiden.

Um Platz für das neue Gehege zu haben, baue ich zuerst den seitlichen Anbau ab, der schon lange nicht mehr genutzt werden kann, weil er wegen Altersbaufälligkeit zu viele Schlupflöcher hat. Er sieht inzwischen aus, als ob er bei einem kräftigen Atempuster zusammenfallen könnte. Als ich den Draht und die Latten mühsam entfernt habe, fällt mir wieder mal auf, dass ich zwar ohne Plan und manchmal etwas unkonventionell baue, dass die Dinger aber viele Jahre sehr gut halten und auch nicht einfach auseinanderzubauen sind.

Den Boden möchte ich auskoffern. Wieso fällt mir dieses Wort sofort ein? So heißt das bei den Profis, wenn ein Stück Erde ausgehoben wird. Genau das habe ich vor, um in etwa 30 cm Tiefe Gitterdraht auszulegen, alles wieder mit Erde aufzufüllen und damit ein ausbuddelsicheres Gelände zu haben. Das Umheben der Erde ist total anstrengend. Schon nach einer Viertelstunde überlege ich, ob ein Gitter in 5 cm Tiefe auch reicht und dass ich das Wort "auskoffern" lieber aus meinem Wortschatz streichen sollte. Puh! Verbissen hacke ich mich durch, entferne dicke Steine und viele Wurzeln und schaufel kiloweise Erde erst nach hinten, dann nach vorne, dann in die Mitte und dann wieder von vorne bis hinten.

Zwischendurch hole ich im Baumarkt dicke Einschlag-Hülsen, die wegen der vielen Steine in meiner Erde aber zu Eingrab-Hülsen werden. Mit einer kleinen Schaufel muss ich einen halben Meter tief graben, Steinchen, Steine und sogar dicke Brocken per Hand nach oben befördern und dann die Einschlaghülse reinstellen und zuschütten.  

Am Ende der Woche stehen die acht benötigten Einschlaghülsen und der Freilaufteil ist in 30 cm Tiefe untergittert und wieder aufgefüllt. Beim morgendlichen Aufstehen denke ich, dass ich mit so steifen Gelenken nicht mal bis zur Zimmertür komme und besser gleich liegen bleibe. Kann ich Voltaren eigentlich auch als Bodylotion verwenden? Natürlich stehe ich trotzdem auf, bewege mich nach den ersten Schritten schon besser, wackel ein bisschen stöhnend die Treppe runter und ab dann geht's. So misshandelt und mit schmerzenden Gelenken und Muskeln habe ich mich das letzte Mal zu Schulzeiten nach dem Zirkeltraining gefühlt.

Als ich am nächsten Tag mit dem Gatten eine Waschmaschine ins Auto hebe, kommt mir die gar nicht so schwer vor. Meine Trainingsvorbereitung war stundenlanges Auskoffern. Ach nee, ich wollte ja wieder "umgraben" sagen.

          
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