Blog 621 - 22.03.2020 - Keine Feier, Farbe kratzen und Terrassenbau

Heute würde die große Geburtstagfeier zum 80. Geburtstag meiner Mutter stattfinden, die aber wegen Corona komplett gestrichen wurde. Anstatt seit gestern Häppchen zu dekorieren, Kuchen zu backen, Tische zu rücken und Desserts in kleine Gläschen zu füllen, habe ich frei. Schön finde ich das nicht, aber aus Sicherheitsgründen ist es nicht anders zu machen. Vielleicht feiern wir den 80. Geburtstag im nächsten Jahr nach. Das hat den Vorteil, dass sich meine Mutter damit ein Jahr jünger machen könnte. 

Die dringende Empfehlung, private persönliche Kontakte zu meiden, um eine weitflächige Ansteckung einzudämmen, ist noch nicht bei allen Leuten angekommen. Jugendliche treffen sich in Gruppen und machen Party, Senioren sitzen eng nebeneinander in Eiscafés und in den Lebensmittelgeschäften und Baumärkten ist es voll. Dummheit oder Egoismus? Es bleibt nicht aus, dass es stärkere und drastische Beschränkungen gibt, weil einige Leute es einfach nicht kapieren. Spätestens wenn jemand von ihnen nach einem Unfall, Herzinfarkt oder Schlaganfall keinen Platz mehr im Krankenhaus bekommt, weil dort alles voll und völlig überlastet ist und es für sie nicht mal mehr einen Platz auf dem Gang gibt, werden sie blöd gucken. Aktueller Stand in Deutschland: Mehr als 22.000 offiziell Erkrankte, 84 Todesfälle. Und wir sind noch am Anfang.

Leere Regale im Supermarkt kenne ich sonst nicht. Ich bin im "reichen" Westen aufgewachsen und da gab es immer alles. Wenn in dem einen Geschäft zufällig etwas fehlte, gab es das im anderen. Jetzt gibt es Lücken. Es fehlen weitgehend Toilettenpapier und Mehl, oft ist es Glück, dass gerade Eier und Milch da sind. Hungern muss aber niemand, denn es gibt Obst und Gemüse und die Süßigkeitenregale sind knackevoll.

An diesem Wochenende erlebe ich zum ersten Mal, dass immer nur eine begrenzte Anzahl Kunden an einem Securitymenschen vorbei ins Geschäft darf. Trotzdem sind alle geduldig und gelassen, und auch Hamsterkäufer habe ich selber noch nicht gesehen. Die scheint es aber schon zu geben. Was wäre erst, wenn es eine viel aggressivere Seuche wäre, bei der infizierte Leute aller Altersgruppen innerhalb von drei Tagen sterben? In dieser Hinsicht ist Corona nur der Test für weit schlimmere Katastrophen. Dass es dann überall vernünftig und sozial zugehen würde, ist kaum zu erwarten.

Abgesehen davon, dass der Coronavirus woanders große Probleme macht, was mir schon Sorgen macht, passt es mir gerade gut, Zuhause zu bleiben und wenig Sozialkontakte zu haben. Das hatte ich für April und Mai sowieso vor. Mein Garten ist ein perfektes Einzel-Quarantäne-Gebiet, in dem ich hoch und runter laufe und Split und Steine schleppe. Also ich schleppe nur hoch, runter laufe ich mit leeren Eimern. Zwischen 20 und 30 Kilo trage ich bei jedem Gang den Hang hoch, und will gar nicht darüber nachdenken, wie viele hundert Kilo ich am Ende bewegt haben werde. Aber die aufgestapelten Steine vor der Haustür werden weniger und die Pflasterfläche im Garten wird größer. Irgendwie muss ich jetzt einen Übergang vom Kreis zu einer geraden Linie hinbekommen und dann noch eine Treppenstufe einbauen. Wie immer habe ich keinen festen Plan für die komplette Fläche, sondern arbeite einfach drauflos. Das wird sich schon logisch ergeben.

Zwischendurch bin ich bei meinen Eltern, wo Farbe von einem Gestell entfernt werden muss. Mein Vater hat schon den größten Teil der unteren Streben bearbeitet, jetzt geht es ans Dach. Das aufgepinselte Weiß muss weg bis auf den verzinkten Untergrund. Nicht mit Chemie, nicht mit einer Schleifmaschine, denn die schleift blitzschnell auch die Zinkbeschichtung ab, sondern in Handarbeit. Krrz, krrz, krrz -, schabe ich mit einem festen Metallspachtel die Streben entlang, die Farbsplitter fliegen - leider meistens nur millimeterweise - und es ist anstrengend. Dabei sind meine Arme und Schultern doch vom Puppenspielen gerade gut trainiert! Zwischendurch denke ich, dass das Streichen einer Zimmerdecke deutlich vergnüglicher wäre - was jedem, der schon eine Zimmerdecke gestrichen hat, zeigt, wie mühsam es ist.

Der Vorteil ist: Ich bin an der frischen Luft und oben auf der Leiter weit entfernt von allen Passanten. Der Sicherheitsabstand ist gewährleistet. Es steigt auch niemand freiwillig hoch, um mitzukratzen. Ein Mann sieht mich im Vorbeigehen auf der Leiter und sagt: "Passen Sie gut auf! Die meisten Unfälle passieren im Haushalt!" Ich sage: "Das ist der Grund, warum ich keine Fenster putze, sondern lieber hier draußen arbeite!", woraufhin er lacht. Humor geht auch in Coronazeiten. Als ich mit dem Gestell fertig bin, bin ich nicht nur froh, sondern auch körperlich fertig. Puh!

Danach gehe ich mit müden Muskeln, aber neuer Energie an meine Pflasterecke. Schleppen, klopfen, knien, Steine legen, Steine wieder rausholen und neu legen, den nächsten 25-Kilo-Sack Split von unten holen, Steine legen, klopfen ... Wenn ich danach eine Weile im Wohnzimmer sitze und dann wieder aufstehe, ächze und stöhne ich, bewege mich steif und spüre alle Gelenke. In der Notaufnahme müsste ich nur sagen, dass alles schmerzt und ich mich müde fühle und würde sofort in einen Quarantänesack gesteckt. Dabei kommt das alles doch nur vom Farbe abkratzen und Terrasse bauen. Ansonsten bin ich gesund und sehr munter.

Vor allem freue ich mich, dass ich in der nächsten Woche auf meiner neuen Terrasse sitzen kann. Könnte. Denn vermutlich arbeite ich an anderen Ecken weiter und sitze nicht rum. Na, vielleicht mal mit einem Tee. Und einem Buch. Eventuell also doch.

          
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