Blog 619 - 08.03.2020 - Tim Mütze, Corona und Lars Reichow

Am Wochenbeginn merke ich, dass ich genug geprobt habe. Einige Szenen gehe ich schon im Schnelldurchlauf durch, weil ich sie kann, und wenn ich versehentlich einen Satz überspringe, improvisiere ich. Die Figuren beginnen sogar mit blöden Bemerkungen, ein Zeichen dafür, dass sie locker sind. Das Stück sitzt, ich bin nicht überprobt und habe immer noch Spaß, kleine Fehler sind nicht ausgeschlossen. Genau richtig, um jetzt vor Publikum zu spielen. Da trifft es sich gut, dass ich den Termin schon länger habe und genau dafür die Proben wiederaufgenommen habe.

Der Spielort ist die Aula einer Grundschule. Ab halb 12 kann ich aufbauen, um 15 Uhr geht die Vorstellung los. Der eigentliche Bühnenaufbau dauert etwa eine Stunde. Weil ich aber seit einem halben Jahr nicht mehr unter Zeitdruck aufgebaut habe, finde ich gut, dass ich so viel Zeit habe. Der Plan: Ich baue in Ruhe auf, räume die Requisiten an ihren Platz, spiele einige Szenen probeweise an und fahre irgendwo noch einen Kaffee trinken. 

Die Realität: Kaum habe ich meine Sachen in die Aula getragen, das eigentliche Holzgestell aufgebaut und getestet, ob die vorhandene Steckdose und damit mein Bühnenlicht funktioniert - geht die Tür auf und ein Gitarrenlehrer steht im Raum. Der will eineinhalb Stunden lang Unterricht in der Aula geben. Das macht er Mittwochs um diese Zeit immer.

Ich denke: "Oh, nein!", weil mein schöner Plan in diesem Moment zusammenkracht. Der Gitarrenlehrer bietet mir an, dass ich leise weiter aufbauen kann, aber das stört die Kinder oder lenkt sie zumindest ab. Darum entscheide ich, erstmal zu fahren, irgendwo meinen Kaffee zu trinken und die restliche Bühne später aufzubauen. Die Zeit reicht dann noch, aber es ist deutlich entspannender, die Entspannungspause erst zu machen, wenn alles schon fertig steht und die Requisiten am Platz sind.

Als ich wiederkomme, sind die Gitarrenschüler bei den Schlussakkorden, packen dann ein und gehen, und ich baue zügig den Rest auf und lege mir alles spielfertig hin. Schnell noch Stühle aufstellen, Vorhänge zuziehen und eins der hohen Fenster aufmachen, um gegen die bollernden Heizungen zu lüften. Geschafft.

Ich habe sogar noch einige Minuten Zeit, um in der stillen Aula die psychodelische Deckenverkleidung anzustarren. Das entspannt irgendwie, aber ich habe nach kurzer Zeit das Gefühl, dass ich nicht runterkomme, sondern abdrifte. Kann ich gleich noch meinen Text? Welchen Text? Text. Text. Text. Tekk-st. Warum war ich nochmal hier?

Zum Glück kommen die Zuschauer und nach etwas fröhlichem Trubel kann es losgehen. Kaltstart. Eben noch Wasserbecher eingesammelt, mit den Kindern geredet und das Licht ausgemacht, jetzt sofort hinter die Bühne, einmal tief Luft holen und starten. Der Vorhang geht auf, Tim Mütze freut sich auf Kuchen, die Königin verlangt einen Drachen, die Kinder sind gespannt dabei und lachen quietschend laut, wenn die Königin ihre Nase am Vorhang putzt, und ich habe Spaß beim Spielen. Bis zum Ende bleiben die Kinder sehr aufmerksam, lachen an den richtigen Stellen laut und hören an den leisen gut zu.

Nach dem Stück dürfen die Kinder in kleinen Gruppen hinter die Bühne gucken. Einige von ihnen strahlen richtig und ich erkenne an ihren leuchtenden Augen, dass sie völlig fasziniert sind. "Woher kamen die verschiedenen Stimmen?" fragt ein Junge. Ich nehme die Prinzessin auf die Hand, bewege sie und sage mit der hohen Prinzessinnenstimme: "So rede ich eben. Das ist meine Stimme." Der Junge starrt fasziniert zwischen der Prinzessin und mir hin und her und lächelt dann selig. Wenn der mal nicht gerade vom Puppenspielvirus infiziert wurde! Eine der Betreuerinnen erzählt, dass zwei syrische Flüchtlingsmädchen, die erst kurz in Deutschland sind und noch nicht viel verstehen, ganz gebannt zugesehen und oft herzlich und laut gelacht haben. Das freut mich sehr! 

Gut gelaunt packe ich ein. Jetzt muss ich mich aber mal dringend um weitere Spielorte kümmern, denn das Stück steht wieder, ist spielbereit und funktioniert schön.

Zur Belohnung, weil ich so intensiv geprobt und nach der längeren Spielpause die erste Vorstellung hatte, fahre ich am nächsten Abend zum "Wunschkonzert" von Lars Reichow. Proben, proben, proben, eigene Vorstellung, Lars Reichow als Belohnung - für mich passt das.

Mein Umgang mit der Corona-Gefahr.
Das "Wunschkonzert" findet im Talbahnhof Eschweiler statt, gerade mal 20 km vom Kreis Heinsberg entfernt. Dort gibt es nicht nur deutschlandweit die meisten Corona-Erkrankten (aktueller Stand: etwa 200 Coronafälle im Kreis Heinsberg, etwa 200 Fälle im restlichen Deutschland), dort begann die Ausbreitung überhaupt erst. Jetzt stehe ich im Foyer des Talbahnhofes in einer recht dichten Menschengruppe und warte auf den Einlass. Das Vermeiden von vielen Menschen in engen Räumen kann ich schon mal knicken. Aber auch ein Mindestabstand von einem Meter ist unmöglich, weil dann nur wenige Leute ins Foyer passen und die meisten draußen im strömenden Regen stehen müssten. Während um mich herum hin und wieder gehustet wird, höre ich Sätze wie: "Nee, die Maria kommt nicht, die ist krank", "Der Bernd hustet auch seit zwei Tagen" und "Mein Sohn hatte Fieber und ist schon seit 8 Tagen Zuhause". Als der Einlass beginnt, rücken die Leute kurzzeitig noch dichter zusammen und verteilen sich dann im Saal nebeneinander auf den Stuhlreihen. Neben mir nimmt ein Mann Platz und nickt mir zur Begrüßung grinsend zu: "Na, auch keine Corona-Panik?" Nö, sonst wär ich nicht da.

Meine Idee, eine Lars-Reichow-Vorstellung als Belohnung nach einer diszipliniert durchgeführten Probezeit zu wählen, erweist sich als genau richtig. Souveräner, gepflegter Humor, klare politische Aussagen, ernsthaft vorgetragener völlig schräger Unsinn, treffende Formulierungen - und diese schöne Stimme, wenn er singt - hach! Ich genieße den ganzen Abend, lache viel, lächel sanft, klatsche zustimmend und freue mich außerdem über das sehr vergnügte Publikum, die von Lachanfällen geschüttelten Schultern und das schluchzende Lachen um mich herum.

Ganz entspannt sitze ich mit einem Getränk im Saal, in Schultern und Rücken spüre ich die neu erstarkten Muskeln vom Handpuppenspielen, in mir strahlt eine warme Befriedigung, dass ich mit Tim Mütze, der Prinzessin und der Königin zusammen eine schöne Vorstellung gegeben habe, irgendwo im Raum sitzt vielleicht ein unwissentlich Corona-Virus-Infizierter und hustet gerade, und Lars Reichow spielt Klavier und singt mit seiner schönen Schmelzstimme. Tim Mütze, Corona und Lars Reichow - alles mischt sich für mich, hängt irgendwie zusammen und wird in dieser Kombination eine besondere Erinnerung an einen sehr schönen Abend bleiben.

          
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