Blog 615 - 09.02.2020 - Fehlende Muskulatur und viele Miss Marples

Vom Besuch des Konzerts der "Alte Bekannte" am letzten Samstag bringe ich nur wenige Fotos und nicht sehr ausführliche Notizen mit. Für einen kurzen Bericht wird mein Gekritzel jedoch reichen. Beim Schreiben Zuhause fallen mir anhand meiner Stichworte weitere Sachen ein, so dass ich dann doch überraschend ausführlich werde. Wie immer frage ich mich während der Tipperei, warum ich mir so viele Stunden Arbeit mache, und wie immer habe ich so viel Spaß am Schreiben, dass sich die Antwort von alleine ergibt. Am Ende freue ich mich, dass ein weiterer Bericht zum späteren Nachlesen und Nacherleben auf 'reihedrei.de' gekommen ist.

Die "Geschworenen" sind beendet, alle Requisiten weggeräumt, jetzt wird es Zeit, die Handpuppenbühne wieder aufzubauen. Einige Monate hatte ich alles weggepackt, weil ich mich voll auf das Theaterprojekt konzentrieren wollte, aber jetzt geht es wieder los. Meiner Schulter- und Nackenmuskulatur habe ich noch nichts davon erzählt. Die werden schnell merken, dass sie wieder gefordert werden und lange nicht aktiv waren. Sie merken es schon daran, dass sie alle Bühnenteile aus dem Schuppen in den ersten Stock schleppen und dort aufbauen müssen. Wie gut, dass ich die Holzelemente wie für Doofe beschriftet habe, denn ich kann nur so problemlos aufbauen, weil mit dickem Edding auf jedem Teil genau steht, wo es festgeschraubt werden muss.

Kaum steht die Bühne, marschieren Tim Mütze und die Königin an der Leiste ein wenig hin und her und unterhalten sich. Das fühlt sich alles noch sehr vertraut an. Ab der nächsten Woche stehen jeden Tag kurze Proben auf dem Tagesplan, damit der Text bald wieder sitzt und meine Arme das ganze Stück über oben bleiben können. Momentan könnte ich sieben Minuten am Stück spielen, denke ich. Vielleicht auch nur fünf. Dann müsste ich die Arme für eine kurze Pause runternehmen, weil es mir zu anstrengend wird. In zwei Wochen wird das schon deutlich besser sein.

Am Ende der Woche bin ich zum ersten Mal im Divertissementchen. Die Bühnenspielgemeinschaft des Kölner Männergesangvereins spielt in jedem Jahr ein großes Sing-Spiel-Stück, dessen Besuch für viele Kölner seit Jahrzehnten zum Jahresablauf dazu gehört. In diesem Jahr zeigen sie "Fidelio am Rhing", und ich bin die mitgeschenkte Begleitung einer Weihnachtsgeschenk-Eintrittskarte. Im Foyer der Oper angekommen, entdecke ich, dass viele Besucher mehr oder weniger karnevalistisch kostümiert sind. Scheint so Tradition zu sein. Zum Glück sitzt vor mir niemand mit großem Karnevalshut, andere Zuschauer haben da Pech.

Nach drei Stunden Aufführung kann ich sagen: Kostüme, Personenanzahl und Live-Orchester sind großartig. Bei Teilen des Inhalts, der Dramaturgie und der schauspielerischen Leistung gibt es Steigerungsmöglichkeiten. In einer Geschichte Beethoven, Studentenproteste, Männerballett, die Bläck Fööss, Liebesverwicklungen und den Ruf nach Freiheit unterzubringen, ist ziemlich gewollt und bleibt sperrig. In Erinnerung bleiben mir großartige Kostüme, viele Miss Marples (ältere, kompakte Herren in Damenkleidern sehen meistens wie Miss Marple aus), eine unglaublich volle Bühne mit durchaus mal 80 Mitspielern, bei denen in der Masse nicht immer zu erkennen ist, wer jetzt gerade spricht, Männerballette, für die sichtlich viel geprobt wurde, bei denen es aber trotzdem Mittänzer gibt, die in der Choreografie immer etwas hinterher bleiben, und eine zwischendurch witzige, manchmal skurrile und allgemein etwas betuliche Vorstellung.

Das vorwiegend mittelalte bis noch ältere Publikum freut sich über das bunte Stück, über als Frauen verkleidete Männer, über die ziemlich alten Witze, über viel Gesang von Oper bis ABBA und gibt am Ende - ehrlich begeistert - Standing Ovation. Die Begeisterung ist völlig OK, ich teile sie nur nicht so sehr. Auf dem Heimweg denke ich plötzlich: "Eine Amateurgruppe im Gewand einer großen Opernaufführung." Vermutlich liegt da für mich das Problem. Auf den ersten Blick wirkt alles groß und glänzend, bei genauerem Hinsehen bleibt es ein leicht überalterter Männergesangverein, der Theater spielt. Da gibt es dann einige Darsteller mit Talent und andere, die eben mitspielen. Bei einem kleinen Dorfverein fände ich das Ergebnis unerwartet toll, in der großen Kölner Oper und bei dieser Ausstattung erwarte ich mehr. Es bleibt die Anerkennung, was Amateure da auf die Beine stellen. Eine Tradition wird der Besuch bei mir wohl nicht werden, auch wenn ich es gut finde, dass ich es mal live angesehen habe.

          
Blogübersicht
 nächstervorheriger