Blog 613 - 26.01.2020 - Letzte Vorstellung, Zuckerfest und Catering-Abteilung

Der Sonntag ist geprägt von der großen Dernière. Wir laden die über Nacht im Sprinter eingelagerten Sachen aus, schrauben Stützen an das in der Kleinen Bühne zwischen Boden und Decke geklemmte, jetzt aber freistehende Bord, stellen Tische und Stühle auf und machen uns etwas Platz in der kleinen Garderobe, die wir uns mit dem Konzertflügel teilen müssen. Dass das Bord mit den von mir schnell angefertigten Stützen sofort stabil steht, nicht wackelt und vorbildlich viereckig aussieht, ist für mich eine kleine Überraschung. Vermutlich will es unbedingt mitspielen und strengt sich an. Es strahlt eine lässige Seriosität aus und verrät nicht, dass es aus Latten und Dämmplatten besteht, mit Baumwollstoff bezogen und für seinen vorherigen Platz vorwiegend nach Augenmaß gesägt, schnell zusammengeschraubt und mit viel Heißkleber verstärkt wurde.

Mein Bühnenbild für die "12 Geschworenen" habe ich bewusst in Schwarz, Rot, Silber gehalten, sogar die Bleistifte passen ins Farbkonzept. Zufällig hat die Rückwand im Kulturhaus den passenden Rotton. Als alles fertig ist, sieht das aufgestellte Bühnenbild so großzügig und harmonisch aus, als wäre es immer schon für diese Bühne geplant gewesen.

Am frühen Nachmittag gewöhnen sich die Geschworenen an die Akustik, die leicht geänderten Positionen der Tische und die größere Spielfläche. Erst ist es ungewohnt, aber nach dem Anspielen einiger Szenen und gemeinsamen Stimmbildungsübungen ist zu spüren, dass sich alle wohl fühlen. Es ist viel Energie und Freude vorhanden, mit der wir unsere letzte Vorstellung im großen Saal spielen werden.

Beim Einlass steht eine Zuschauerschlange vor der Tür, was für uns ein ungewohnter Anblick ist. 180 Leute, die wegen der freien Platzwahl fast gleichzeitig kommen, sehen nach ziemlich viel aus.

Dann beginnt die Vorstellung. Alle spielen intensiv und mit Energie, bleiben in jeder Sekunde in ihrer Rolle, ja, SIND ihre Charaktere, und das Publikum ist sehr gebannt. Bei spannenden Szenen ist kein Huster, kein Rascheln, kein Atmen zu hören. Und je gebannter das Publikum ist, desto intensiver wird auf der Bühne gespielt. Es macht große Freude, wir fühlen uns als vertraute Gemeinschaft, die sich beim Spielen aufeinander verlassen kann, und es ist ein wunderbarer Abschluss unserer Spielzeit. 

Am Ende gibt es vom Publikum Standing Ovation und langen Applaus, danach noch viele begeisterte Kommentare und großes Lob. Ein schöneres Ende der "12 Geschworenen" hätten wir uns nicht wünschen können.

Erstaunlich schnell ist nach der Vorstellung alles wieder im Sprinter verstaut und wir treffen uns privat noch zu einer kleinen Abschlussrunde. Es wird erzählt und gelacht, und jeder, der geht, wird mit einem dicken, lauten Applaus verabschiedet. Dieses immer respekt- und liebevolle Miteinander der Gruppe werde ich in Erinnerung behalten.

Zuhause sortiere ich in den Tagen danach sofort aus. Was zu den "12 Geschworenen" gehört und nicht mehr gebraucht wird, entsorge ich. Das Bord nehme ich auseinander - aus dem Holz wird wohl ein Kaninchenhaus, die Stoffbespannung wird irgendwann zu Unterkleidern von Handspielpuppen -, Zettel und Zeitung kommen ins Altpapier, die Bleistifte griffbereit in meine Schublade und vier der Geschworene-Stühle an meinen Küchentisch. Das war's. Jetzt gibt es keinen Weg zurück. Übrig bleiben Fotos, schöne Erinnerungen und ein mehr als zufriedenes Gefühl.

Wenige Tage später sehe ich mir in der Kölner Comedia das "Zuckerfest für Diabetiker" an, was ich schon lange mal machen wollte. Moritz Netenjakob, dessen Frau Hülya Doğan-Netenjakob, deren Bruder Serhat Doğan und der nicht mit ihnen verwandt oder verschwägerte Markus Barth bringen kleine, witzige Nummern zum Thema Deutsche und Türken. Es geht um Unterschiede in der Kultur, dem Temperament und dem Ausdruck von guter Stimmung. Dabei setzen sich die vier Akteure nicht für Anpassung und Angleichung ein, sondern für ein Miteinander mit Respekt und Akzeptanz. Ein Schlusswort ist: "Wir sollten weniger Angst vor dem Islam haben und mehr vor deutschen Dumpfbacken!" Dem kann ich voll zustimmen.

Eher Zufall ist, dass ich mit allen vier Darstellern etwas verbinde. Die Soloshow von Moritz Netenjakob habe ich vor wenigen Monaten zum ersten Mal angesehen, danach drei seiner Romane gelesen, in denen - mehr oder weniger - seine Frau Hülya dabei ist, die mir darum auch vertraut vorkommt. Von Markus Barth habe ich, kurz nachdem es rauskam, das Buch "20.000 Reiseleiter" geholt, mit Vergnügen gelesen und möchte seitdem mal in seine Soloshow, und für die Soloshow von Serhat Doğan habe ich eine Eintrittskarte an der Pinwand hängen, die ich vor einigen Wochen gekauft habe, ohne zu wissen, wer er ist und was er macht. Dass alle vier zusammen vor mir auf der Bühne stehen, finde ich klasse.

Zuhause backe und koche ich schon wieder für eine private Geburtstagsfeier. Diesmal Kartoffel-Kürbis-Suppe mit Schmand-Möhren-Topping, schokoladiges Puddingdessert mit Toffee-Likör und Sahne und ein Blech Apfelkuchen mit Zimtstreuseln. Wenn das so weitergeht, mache ich einen Catering-Service auf. Neben den Gurkentee-Kinderbüchern, dem Gurkentee-Verlag und dem Gurkentee-Puppentheater gibt es dann auch noch das Gurkentee-Catering. Wow - meine Gurkentee-Mitarbeiterinnen-Liste wird immer länger! Die Gehaltsliste zum Glück nicht.

          
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