Blog 611 - 12.01.2020 - Unkraut, Kaltstart und Abriss

Der Frühling ist da. Eindeutiges Anzeichen: Ich habe Lust, die Fenster zu putzen. Das passiert bei mir nur im Frühling. Weil es aber erst Anfang Januar ist, lasse ich es aus Vernunftsgründen. Allerdings gehe ich in den Garten und jäte Unkraut. Auch aus Vernunftsgründen. Das wächst nämlich plötzlich wie blöd und hat sogar Blüten. Dem sollte mal jemand sagen, dass es sich bitte noch zurückhalten soll mit den Blüten und dem anschließenden Samen auswerfen. Wenn ich es einfach wachsen lasse, wird im März alles dicht zugewuchert sein. Fenster putzen und Unkraut jäten im Januar!

Bei den "12 Geschworenen" startet die Auffrischprobe mit frischem Schwung. Es läuft, ist temporeich und spannend - bis sich die ersten Fehler einschleichen. An den seltsamsten Stellen gibt es Haker. Wir schütteln verwundert die Köpfe darüber oder brechen in Gelächter aus. Beispiel: An einer Stelle sagt ein Geschworener: "Wie nennt man diese Dinger? Klappmesser?", woraufhin ein anderer normalerweise kurz "Springmesser" antwortet. Diesmal antwortet er versehentlich mit "Stichmesser", was lautes Lachen auslöst. Wir starten die Stelle erneut, diesmal rutscht ihm ein "Sprengmesser" raus, was die Laune der Gruppe nochmal hebt.

Am Ende sind wir etwas ernüchtert, weil der Text bei zu vielen Einsätzen unerwartet klemmte, aber froh, dass wir die Probe hatten und nicht am Samstag im Kaltstart in die nächste Aufführung gehen. Ein bisschen spannend wird es bleiben, aber wir freuen uns alle auf die Vorstellungen. Spannend ist auch, dass die drei Termine in der Kleinen Bühne inzwischen leicht überbucht sind. Wir gehen davon aus, dass - wie meistens - zwei, drei oder auch vier Leute ihre reservierten Karten absagen, so dass am Ende alles gut aufgehen wird. Falls diesmal alle vor der Tür stehen, werden wir kurz schlucken und dann improvisieren. Auch die Dernière im größeren Saal ist ausverkauft, aber da gäbe es - im Gegensatz zur Kleinen Bühne - immerhin Stehplätze an der hinteren Wand.

Zur Ruhe komme ich in dieser Woche nicht. Es gibt Besuche im Krankenhaus, spontanen Organisationsbedarf, ein über mehrere Tage verliehenes Auto, was neue Planungen erfordert, ich kaufe Holzbalken, um daraus - sobald ich Zeit habe - bis zur Dernière ein freistehendes Gerüst für das Bord vorzubereiten, die Kaninchen buddeln in Frühlingslaune tiefe Löcher im Freigehege, die ich täglich zuschütte, damit nicht plötzlich im Nachbargarten Kaninchen herumhoppeln, und plötzlich ist die Heizung kaputt, macht weder die Heizkörper noch das Duschwasser warm, und der Heizungsreparateur muss kommen. Am Ende der Woche bin ich vom vielen Organisieren, häufigen Hin- und Herfahren und täglichen Löcher zubuddeln ziemlich erschöpft und müde. 

Im Dezember habe ich viele alte Dias und Negative durchgesehen und bin tief in meine Kindheit eingetaucht. Es gibt viele Bilder, auf denen das Haus von Oma und Opa zu sehen ist. Als Schul-Hausmeister wohnte er gleich neben an der Schule, was bedeutete, dass es nicht nur eine Wohnung gab, sondern eine Schulhof, eine Wiese, viele Klassenräume, eine Pausenhalle und die Mädchentoiletten, auf die ich an Nachmittagen gerne ging, wenn niemand da war und es in dem leeren Raum unheimlich war und gruselig hallte.

Jetzt entdecke ich, dass nicht nur das kleine Wohnhaus, sondern auch die komplette Pausenhalle abgerissen wurde. Nichts erinnert mehr daran, dass ich dort gespielt, übernachtet und mich zuhause gefühlt habe. So oft hatte ich in den letzten Jahren gedacht, ob ich mal klingeln soll: "Darf ich mal reinkommen und mich umsehen? Ich habe hier als Kind viel Zeit verbracht", habe das aber natürlich nicht gemacht. Jetzt gibt es nicht mal mehr einen Mauerstein, den ich als Erinnerung mitnehmen könnte. Ein komisches Gefühl. Aber das Leben ist Veränderung.

          
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