Blog 608 - 22.12.2019 - Aufräumen und Revue passieren

Es ist Theaterpause und bald ist Weihnachten. Ich könnte vorweihnachtlich entspannt auf dem Sofa liegen, aber ich möchte in dieser Woche noch drei vollgestellte Zimmer aufräumen. Mein Arbeitszimmer ist besonders voll, denn da habe ich in den letzten Wochen nur immer Zeug rausgeholt und später in der Mitte abgestellt. Das liegt auch daran, dass ich nicht mehr genug Platz für das viele Material habe. Da hilft nur aussortieren, Schubladen anders belegen und ein passenderes Ordnungssystem zu probieren. Nach zwei Tagen sind die Schubladen vorbildlich und komplett neu sortiert, die Stoffe in vielen Boxen gestapelt und der Tisch frei und bereit zum Arbeiten. Weiteren Platz bekomme ich nur, wenn ich neue Puppen baue und dafür Material verbrauche. Wie gut, dass ich das sowieso vorhabe. Aber momentan geht's noch nicht. Meine fast fertige Katze wartet geduldig.

In Weihnachtsstimmung komme ich nicht. Von meinem Gefühl her ist Weihnachten in etwa vier Wochen, auch wenn ich weiß, dass es deutlich schneller geht. Momentan habe ich neben dem Aufräumen genügend andere Beschäftigungen. Mein Auto muss kurz in die Werkstatt. Dafür fahre ich mit ihm erst zur Werkstatt, stelle es dort ab, fahre mit Bus und Bahn 40 Minuten zurück und laufe von der Haltestellte weitere 30 Minuten bis nach Hause. Die Version mit dem halbstündigen Fußweg durch die Felder ist die deutlich kürzeste und erspart mir viele Umstiege und knappe Anschlusszeiten, die ich auf einer anderen Strecke hätte. Am Nachmittag ist das Auto fertig und ich laufe erneut durch die Felder 30 Minuten bis zur Bushaltestelle, warte dort 20 Minuten auf den verspäteten Bus, fahre 40 Minuten zur Werkstatt und dann mit dem Auto zurück nach Hause. Die beiden Spaziergänge durch die Felder gefallen mir sehr, aber insgesamt geht doch viel Zeit drauf. Wer davon spricht, dass das Autofahren teurer werden muss, damit die Leute mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind, hat viel Zeit oder eine gute Anschlusshaltestelle vor der Haustüre. 

Ich komme gerade rechtzeitig zurück, um zur örtlichen "Heimat-Revue" zu fahren, bei der ich einige der Teilnehmer kenne, aber keine Ahnung habe, was passieren wird. In der Ankündigung wird die Veranstaltung bezeichnet als "... abwechslungsreiche Revue mit gedruckten, gesprochenen und gesungenen Worten. Für Kurzweil sorgen auch das A-Capella-Quartett '8Karat' und die Ensemblemitglieder mit Live-Songs". Das A-Capella-Quartett kenne ich nicht und das Wort "Kurzweil" irritiert mich, weil es wie von früher klingt, aber im gleichen Satz wie "Live-Songs" steht. Als ich am Saal ankomme, spricht mich eine Bekannte an: "Na, nach den Geschworenen nichts mehr zu tun? Ist es dir jetzt langweilig?" "Öööhm, ... nöö."

Die "Heimat-Revue" wechselt wie angekündigt in gesprochenen und gesungenen Worten ab, ist aber nichts, was ich mit einer "Revue" in Verbindung bringen würde. Sie ist ruhig und durchdacht und eher die sorgsam zusammengestellte Abschlusspräsentation des Seminars "Wir befassen uns mit dem Begriff 'Heimat' in Gedanken, Texten und Liedern". Alles ist motiviert gebracht, aber deutlich betulicher und besinnlicher als ich - nicht unbedingt auf fliegende Beine und Konfetti, aber auf Farben und Spritzigkeit eingestellt - gedacht hatte. Manchmal werden nur Lieder vom Band abgespielt, deren Texten dann gelauscht wird. Die sind auch durchaus schön und passen zum unterschiedlich belegten Begriff "Heimat", aber das ist mir zu wenig. Beziehungsweise nach der vierten Strophe auch mal zu viel.

Ich würde meine Hirnzellen gerne mit neuen Gedanken und ungewöhnlichen Ansichten zum Thema beschäftigen, das geschieht aber nur hin und wieder. Eine Abfolge von Sachen, die ich zum großen Teil schon kenne oder die mir inhaltlich keine Überraschung bieten, ist dann doch mehr Heimat-"Abend" als "Revue". Kann man machen, hat seinen Wert, ist aber eher besinnlich als spannend. Das A-Capella-"Quartett" besteht überraschend aus acht Leuten, was angesichts des Namens '8Karat' auch naheliegt, und ist überraschenderweise wirklich gut. Überraschend auch, dass ich einen der Sänger kenne und keine Ahnung hatte, dass er singt.

Zuhause schlage ich den Begriff "Revue" nach. "Musikalisches Ausstattungsstück mit einer Folge von sängerischen, tänzerischen und artistischen Darbietungen, die häufig durch eine lose Rahmenhandlung zusammengehalten werden." Mmmh, von Tanzen und Artistik war jedenfalls nichts dabei. Und was bedeutet eigentlich Ausstattungsstück? Meine Allgemeinbildung hat deutliche Lücken. "Ein Ausstattungsstück ist eine Theateraufführung, die den Sensationswert einer luxuriösen Theaterdekoration und einer verblüffenden Bühnentechnik und Bühnenmaschinerie in den Vordergrund des Theatererlebnisses stellt." Ah ja. 

Dann sehe ich den Begriff "Revue passieren": "Etwas Vergangenes nochmals gedanklich der Reihe nach durchgehen oder mit Worten, Bildern rückblickend präsentieren." Das trifft die Atmosphäre des Abends schon eher. Vielleicht war es auch so gedacht.

Zuhause sind die drei Zimmer schon ganz akzeptabel aufgeräumt, da nehme ich mir spontan die große Kiste mit den alten Dias und sw-Negativen meiner Großeltern vor. Auch die muss mal gesichtet und aussortiert werden. Sie steht zwar seit zwanzig Jahren bei mir herum, unterbrochen nur von kurzen Einblicken in diese oder jene Diabox, aber das jetzige Durchsehen hat den Vorteil, dass ich einige schöne Bilder an den Weihnachtstagen der Familie zeigen kann. Es sind mehrere hundert Bilder abzufotografieren, was ich an einer Leuchtplatte mache. Die Qualität ist nicht perfekt, aber zum vergrößerten Ansehen reicht es und es hilft, schnell einen guten Überblick zu bekommen.

Auf den Bildern treffe ich sehr jung aussehende Familienmitglieder, mich als Baby und Kleinkind, sehe Vertrautes und Unbekanntes und reise mit Oma und Opa und ihrem VW-Bus durch Europa. Wie schön! Wärmer und weihnachtlicher kann meine Stimmung gar nicht werden.

          
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