Blog 607 - 15.12.2019 - Kein Regen, ausverkaufter Saal und lahmes Konzept

Mit einer sehr schönen und textsicheren Vorstellung der "Geschworenen" beenden wir am Sonntag das Spielwochenende. Wir gehen mit einem guten Gefühl in die fünfwöchige Spielpause. Wie gut, dass wir mit einer so gelungenen Aufführung enden, denn am Abend davor gab es Stresshormone. Während die erste Hälfte sehr gut lief, gab es kurz nach Beginn der zweiten eine technische Panne. Der sonst an dieser Stelle laut zu hörende Regen blieb unerwartet aus. Der war aber der Impuls für den nächsten Satz. Kein Regen, kein Satz - auf der Bühne gab es Verwirrung und Stille. Wer musste jetzt eigentlich reden? Und über was?

Spontan begann eine Geschworene mit einem Satz. Erstmal weiterspielen. Während der Textblock flüssig lief, wurde den anderen klar, dass sie gerade mehrere Seiten und damit wichtige Aussagen übersprungen hatten. Mit großem Geschick, Konzentration und gegenseitigem Stichpunktgeben schafften sie es, alle wichtigen Textblöcke der vorherigen Seiten doch noch zu bringen. Niemand kam aus seiner Rolle, alles lief flüssig weiter, und außer der kurzen Stockung zu Beginn merkte das Publikum nicht mal, dass die zweite Hälfte textlich völlig neu gemischt war. Grandios gerettet. Die Nerven der Spieler waren allerdings auf Äußerste gespannt und der Stresspegel extrem hoch.

Bei der Fehleranalyse - warum kam das Regengeräusch nicht, obwohl es vor der Vorstellung noch funktionierte? - stellte sich heraus, dass das Kabel nicht mehr in der Lautsprecherbox steckte. Keiner konnte sich das erklären, denn während des Stückes geht niemand an die Verkabelung.

Am nächsten Tag läuft die erste Hälfte sehr gut durch. Kaum zur Pause in der Garderobe, kommen wir plötzlich auf die logische Erklärung: Die erste Hälfte endet mit einer körperlichen Auseinandersetzung, die inzwischen so heftig ist, dass dabei Tische verschoben und unkontrolliert auf die am Boden liegenden Kabel getreten wird. Da kann schon mal eine Verbindung getrennt werden. Sogar eine Schulter wird am Sonntag verrenkt. Alles für die Kunst. Ernstliche Verletzungen versuchen wir weiterhin zu vermeiden und ab jetzt wird in der Pause kontrolliert, ob die Kabel noch stecken.  

Im Januar wird es noch vier Vorstellungen geben. Die drei in der Kleinen Bühne sind schon länger ausverkauft. Während wir noch überlegen, dass wir für die Finalvorstellung im größeren Saal Werbung machen sollten, damit möglichst viele der 180 Karten verkauft werden, - es wäre ja peinlich, wenn wir extra in den Saal wechseln und dann nur drei Leute mehr als in der Kleinen Bühne kommen -, sehen wir auf der Liste der Reservierungen, dass die Vorstellung fast ausverkauft ist. Nur wenige Restkarten sind noch zu haben. Da werden bald einige Leute erstaunt sagen: "Wie? Schon voll? Ich wollte doch hingehen und dachte, es gäbe noch Karten."   

Auch diesmal bin ich am Tag nach dem Spielwochenende im Theater, spüle Gläser und ordne unsere Sachen. Jetzt verstaue ich vieles in der Garderobe, weil der Raum bis zum Januar auch anderweitig genutzt wird. Über die Pause freue ich mich, auch wenn es prima wäre, wenn wir jetzt, wo wir so gut drin sind, weiterspielen würden. Dass das Stück so gut funktioniert, erfolgreich ist und wir als Gruppe viel Freude an allem haben, ist super. Im Januar werden wir mit Energie an die letzten Vorstellungen gehen.

Nach der verantwortlichen "Geschworenen"-Zeit kann ich einen entspannten Abend vertragen. Die Ankündigung eines Ticket-Services für zwei Aufzeichnungen einer Probesendung mit den Schlagworten: "neues Comedy-Quiz", "mit Puppen", "bekannter Moderator", "lustig und spannend zugleich", "freut euch auf beste Unterhaltung!" kommt da genau richtig. 

Als ich im Kölner Fernsehstudio sitze, merke ich nach wenigen Minuten, dass "Puppen" und "bekannter Moderator" stimmt. Falsch ist "neu", "lustig", "spannend" und "beste Unterhaltung". Es ist eine TV-Quizshow, die sogar langatmiger als die üblichen ist und auch mit den Puppen nicht besser wird. Dabei sind die Beteiligten, die Gäste und der Moderator sympathisch und bemüht, aber in dem lahmen Konzept haben sie keine Chance. Dass fast jeder Satz vom Publikum euphorisch beklatscht werden muss, lässt mich den offiziellen Anheizer bemitleiden, der die ganze Zeit über so tun muss, als wäre er ehrlich begeistert. Vermutlich sind meine Ansprüche an Unterhaltung und ein Grundkonzept zu hoch. Ich denke: "Da erzeugen wir zwei Stunden höchste Spannung mit unserem Theaterstück und hier schaffen sie nicht mal, mich drei Minuten interessiert zuhören zu lassen."

Nach eineinhalb Stunden ist die erste Aufzeichnung geschafft. Die beiden Puppen samt Puppenspieler bleiben, Gäste und Moderator wechseln. Leider bleiben auch die Fragen. Es wird für die zweite Probeaufzeichnung tatsächlich derselbe Ablauf nochmal gestartet. Ich kann es nicht fassen. Ein lahmes Quiz, das langatmig und unoriginell ist, und jetzt kenne ich auch noch alle Fragen und ihre Antworten samt eingespielter Videos. Sogar der Zufallsgenerator, der auf der großen LED-Wand die Fragegebiete mit viel Hin- und Hergehopse zufällig auswählt, wählt sie bei der zweiten Aufzeichnung ganz zufällig in genau derselben Reihenfolge wie in der vorherigen. Ich verfalle vor Langeweile in einen abgestumpften Meditationszustand, in dem ich klatsche, sobald ich den Anheizer klatschen sehe und nur genauer hinhöre, wenn Moderator, Gäste oder Puppen mal kurz etwas Interessantes oder Lustiges sagen können. 

Am Ende ist mir klar, dass einer der Moderatoren der deutlich bessere ist, dass sich drei Stunden wie sechs anfühlen können und dass sich die Verantwortlichen für solche Konzepte mehr Mühe geben und auch mal neue, EIGENE Ideen haben sollten. Ich habe keine Geduld mehr für unoriginelle oder sogar schlechte Konzepte. Und ich bin zu kreativ. Mir fallen sofort Änderungen ein, die diese Sendung ohne viel Aufwand originell, witzig und spannend machen würden. Wieso kommen da die Konzeptmacher nicht drauf, die das beruflich machen und dafür Geld bekommen? Immerhin tröstet mich, dass ich es doch mal "ruhig" haben wollte. So entspannt und untätig habe ich schon lange nicht mehr rumgesessen.

Zum Illustrieren bin ich auch schon lange nicht mehr gekommen, darum passt es gut, dass meine Neujahrskarte dran ist. Einfach mal am Tisch zu sitzen und mit Tusche und Aquarellfarben zu werkeln, ist ein großes Vergnügen. Es spricht viel dafür, dass ich im nächsten Jahr mal wieder ein Kinderbuch mache.

            
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