Blog 606 - 08.12.2019 - Die Lügnerin, Gläser spülen und vorlesen

Am Sonntagvormittag geht es ins Kölner Schauspielhaus, wo die Israelin Ayelet Gundar-Goshen vorgestellt und interviewt wird, deren Buch "Lügnerin" in diesem Jahr zum "Buch für die Stadt" gewählt wurde. Da ich in dieser Woche einige Kapitel daraus vorlesen werde, finde ich es sehr schön, die Autorin zu erleben und Hintergrundinformationen zu bekommen. Ich finde sie sofort klasse. Eine hübsche, intelligente, aufmerksam zuhörende und ruhig erzählende Frau. Sie und ihr Schreibstil passen sehr gut zusammen.

Kaum bin ich von der Matinee zuhause angekommen, greife ich nach meiner Tasche, drehe mich um und fahre weiter zur "Kleinen Bühne", um die 18-Uhr-Vorstellung der "Geschworenen" vorzubereiten. Während sich der Gatte um die Technik kümmert, fülle ich Wasser in die Wasserspender, ordne die Gläser und rücke Tische und Stühle zurecht. Schon kurze Zeit später kommen die ersten Mitspieler, die sich in Ruhe vorbereiten, ihren Text durchgehen oder noch gemütlich quatschen wollen. Alles ist entspannt und ruhig.

Die Sonntag-Vorstellung wird, wie ich schon vorher gedacht hatte, sehr schön. Stimmig, spannend und mit großer Aufmerksamkeit gespielt. Das Publikum applaudiert sehr stark und ich freue mich, dass auch einige Familienmitglieder und Freunde im Publikum sitzen. Für die letzte Januar-Vorstellung, die in den größeren Saal verlegt wurde, sind schon weitere 50 Karten weg. Ich weiß gar nicht, ob ich es dort ganz voll haben möchte, denn auf den hinteren Plätzen sieht man dann doch nicht so gut, aber da warte ich jetzt ab, was kommt. Oder wer kommt.

Am nächsten Morgen fahre ich ins Theater, um alles zu ordnen, die Requisiten durchzusehen und die Gläser zu spülen. Davon kommen immer recht viele zusammen, denn nicht nur die "Geschworenen" nutzen welche im Stück, auch die Zuschauer holen sich Getränke an der Theke. Ich stelle die Spülmaschine an und nutze die Wartezeit, um meine fünf Kapitel zu üben, die ich beim "Buch für die Stadt" vorlesen werde. Als ich fertig bin, fällt mir auf, dass ich die Zeit nicht gestoppt habe. Allerdings habe ich manche Sätze auch mehrfach gelesen, wenn ich die Betonung nicht richtig fand. Etwa eine Stunde wird es dauern, schätze ich.

Am nächsten Tag lese ich in drei Abschnitten mit Pausen dazwischen und vergesse schon wieder, die Zeit zu stoppen. Ach, dauert ja etwa eine Stunde, das kommt schon hin. Dann ist mein Lesetag da. "Ungefähr eine Stunde" und "kommt schon hin" erscheint mir plötzlich zu vage. Ich möchte auf jeden Fall unter einer Stunde bleiben. Wenn ich vorher noch eine kurze Zusammenfassung erzähle, muss ich vermutlich doch noch den Text kürzen. Nur wie viel? Ich lese zwei Seiten laut, stoppe die Zeit und rechne das Ergebnis auf die komplette Seitenanzahl hoch. Eine Stunde, zehn Minuten. Auch wenn ich vielleicht etwas langsam gelesen habe, da muss noch was weg. In dem Moment ruft der Gatte an, dass wir das Auto zur Werkstatt bringen müssen. Ui, das wird knapp. Da kann ich zwar kürzen, werde aber keine Zeit haben, um den verbliebenen Text nochmal mit der Stoppuhr zu lesen.

Zwei Stunden später sitze ich in der Buchhandlung, fasse kurz den bisherigen Inhalt der Geschichte zusammen, lese dann meine fünf leicht gekürzten Kapitel vor - und bin zu früh fertig. Es sind gerade mal 45 Minuten vergangen. Die Zuhörer sagen zwar sofort, sie hätten gerne noch länger zugehört, aber sie scheinen sich trotzdem zu freuen. Am Abend einer Lesung zu lauschen, auch wenn sie noch so spannend ist, wird nach einer Stunde zunehmend anstrengend. Von daher sind alle sehr vergnügt, dass es ein schönes und dazu unerwartet kurzweiliges Vergnügen war. Nach einigem Plaudern über das Buch und alltägliche Lügen löst sich die Gesellschaft gut gelaunt auf. Ich hätte zehn Minuten länger lesen können, aber es war trotzdem ein schöner Abend.

Am nächsten Abend höre ich mir weitere fünf Kapitel vom nächsten Vorleser an und habe dabei ein kleines Urlaubsgefühl. Ich sitze einfach rum und muss nichts tun. Noch ein Wochenende mit den "Geschworenen", dann ist bis Anfang Januar "frei". Ich merke, dass ich mich auf die freie Zeit freue und sie auch brauche. Die "Geschworenen" sind ein tolles Projekt und wir bekommen viel Zustimmung zu hören, aber es steckt auch viel Energie drin. Ich freue mich, wenn ich einfach mal eine Weile wieder machen kann, was ich will. Trotzdem wird das immer eines der sehr schönen Projekte meines Lebens bleiben, was nicht zuletzt an den äußerst netten Menschen der Gruppe liegt.

            
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