Blog 603 - 17.11.2019 - Vorbereiten, holpern und fließen

Der Montag beginnt schon morgens mit Schlepperei. Im Theaterraum schrauben wir zu siebt das schwere Bühnenbild der vorherigen Produktion ab, rollen die Teppiche auf und verstauen alles im Lagercontainer. Plötzlich haben wir eine unfassbar große Spielfläche vor uns. Sie ist hinten einen knappen Meter, rechts 10 und links 30 Zentimeter mehr geworden, was nicht extrem viel ist, bei einer so kleinen Bühne und einem Stück mit drei Tischen, zwölf Stühlen und zwölf Personen aber schon als gewaltig empfunden wird. Wir haben plötzlich so viel mehr Platz zur Verfügung, dass wir nach kurzem Überlegen beschließen, nun doch einen vierten Tisch zu holen. Für den war es vorher zu eng, aber jetzt wird es gehen. Natürlich wird er die Bühne wieder enger machen, aber dafür für eine bessere Ordnung sorgen.

Eines der Fenster verstecke ich hinter einem großen Bord, das ich mit einer Holzkonstruktion zwischen Decke und Boden festklemme. Ich bin selber erstaunt, dass es so gut klappt. Dann hole ich bei Ikea den vierten Tisch, stelle im Theaterraum alle Tische und Stühle auf, und auf einmal steht unser Bühnenbild da. Bis zur letzten Woche war alles vorläufig und improvisiert, jetzt ist es endlich so, wie es sein soll. Es macht sofort ein ganz anderes Gefühl. Weil der Bühnenboden nicht durch einen Teppich abgegrenzt wird, sitzen die Zuschauer optisch mit ihm Geschworenenzimmer. Das wird ein echtes Kammerspiel.

Die "riesige" Spielfläche löst bei den Mitspielern Begeisterung aus. Ebenso der vierte Tisch. Es ist erstmal etwas ungewohnt und manche Gänge müssen anders gemacht werden, aber endlich können wir so proben wie wir es später auch spielen. Die immer störenden Stahlstützen vor der Bühne stehen jetzt immerhin nicht mehr mitten in der improvisierten Probefläche, sondern am Rand.

Zuhause schrumpft die To-do-Liste. Der Gatte schraubt an einer echten Klingel und ich bastel einen falschen Lautsprecher. Beides muss später an der Wand hängen, das eine echt klingeln und das andere so tun, als wäre es ein Lautsprecher. 

Im Probenstand sind wir hinterher. Nach meiner Planung müssten schon Durchläufe dran sein, aber wir hoppeln uns durch, haken immer wieder und es gibt Textlücken. Die Fehlzeiten von Mitspielern und die Neubesetzung haben viel Probenzeit gekostet, und der Text sitzt immer noch nicht bei allen. Bei mir auch nicht, aber ich habe nur drei Sätze in einer Mini-Nebenrolle und bin außerdem die Regisseurin, die sich das erlauben darf. Das Stück ist aber auch nicht einfach. Normalerweise ist die Handlung durch Akte getrennt und als Spieler kann man dadurch die Textblöcke klar trennen. Bei den "Geschworenen" ergibt ein Thema das andere, es werden ähnliche Aussagen mehrfach gesagt und auf der Bühne verändert sich optisch nichts. Kein Wunder, dass Bemerkungen übergangen und ganze Abschnitte schnell mal übersprungen werden. 

Trotzdem läuft es von Probe zu Probe besser und ich bin sicher, dass wir das gut schaffen. Unser Bühnenraum ist endlich da und wir fühlen uns wohl damit, der Ablauf des Stückes ist klar, die Gruppe versteht sich sehr gut und die bevorstehende Premiere macht Druck. Jetzt geht es darum, dass der Text sitzt und die Anschlüsse kommen. Dafür haben wir noch vier Durchläufe. Das ist nicht besonders viel, aber auch nicht wenig.

Auf der Homepage des Vereins Szene 93 gibt es jetzt ein passendes Bild zum Stück, und ich hänge in einigen Geschäften Plakate auf. Die sind aber nur noch für die Januartermine wichtig, denn die sechs Dezembervorstellungen sind schon ausverkauft. Zwei der vier Januartermine auch fast. Allerdings passen nur 45 Zuschauer ins Theater, was das "Ausverkauft!" relativiert. Aber von den 450 Zuschauern, die das Stück überhaupt sehen können, haben etwa 340 schon ihre Karten. Wer zu lange wartet, für den könnte es knapp werden.

Damit die nächste Woche uns nicht wegen der vielen Proben fertig macht, ziehen wir eine der Proben auf diesen Samstag vor und haben dadurch in der nächsten Woche einen freien Abend. Und siehe da: Der Samstag-Vormittag-Durchlauf holpert schon viel weniger, wir spielen schneller durch und das Stück beginnt zu fließen. Ich freue mich sehr, denn auch wenn ich völlig überzeugt bin, dass wir das bis zur Premiere am nächsten Samstag gut drauf haben, ist es doch schön, dass auch die Mitspieler nach der Probe optimistisch und gut gelaunt nach Hause fahren. Dass zwischendurch das Rollo krachend vom Seitenfenster fällt, erfreut mich. Also nicht, dass es fällt, sondern dass es das vor den Aufführungen macht und bis dahin haltbarer befestigt werden kann.

Bei den drei Kaninchen läuft es auch immer besser. Ich überrasche die beiden Mädels, als sie sich nicht jagen, sondern aneinander gekuschelt vor sich hin chillen. Das wird. Als ich ihnen Salat und Möhren bringe, freue ich mich, dass sie sehr entspannt zu dritt fressen. Beim Weggehen stoße ich gegen eine Metallschaufel, die laut scheppernd umfällt. Ich drehe mich sofort um, und sehe die beiden Mädel zwei Meter entfernt auf ihrem erhöhten Stand sitzen. Sie müssen vor Schreck fast dorthin geflogen sein und starren mich mit hochgestellten Ohren an. Nur der nette, dicke Toni sitzt weiterhin eifrig kauend am Salat und hat nichts mitgekriegt. Taubheit kann eine Menge Stress vermeiden. Und seine wenigen Hirnzellen, die gerade nur: "Salat, Salat, Salat" denken, haben keine Kapazitäten frei, um zu überlegen, warum die Damen nicht mehr beim Essen sitzen. Auch Blödheit kann sehr zufrieden machen.

 

            
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