Blog 602 - 10.11.2019 - Falschgeld, Purple und Mormonen

Beim Geschworenen-Stück befinden wir uns sportlich gesehen vor der letzten Kurve und setzen so langsam zum Endspurt an. Das Abarbeiten meiner To-do-Liste läuft gut. Handtaschen, Armbanduhren und Bonbontüten aus Papier sind inzwischen da, ich kaufe ein Rollo fürs Fenster und Architektenpapier für einen Wohnungsplan. Weil ein Kleid andere Knöpfe braucht, fahre ich zum Handarbeitsgeschäft, um vier passende Exemplare zu holen. Als ich sie am Abend auspacke und annähen will, kullern nur drei Knöpfe aus der Papiertüte. Och, nee! Jetzt muss ich nochmal hin.

Dollarscheine brauche ich auch. Ein Exemplar mehrfach über den Farbkopierer laufen zu lassen, geht aus verständlichen Gründen nicht. Bei der Bank Euro in Dollar umtauschen und nach der letzten Vorstellung zurücktauschen, geht, kostet aber Gebühren. Ich wähle die Variante "Falschgeld in Honkong bestellen". Das geht über EBAY und ist sehr preiswert. Ich hoffe, dass eine Verhaftung bei Übergabe des Umschlags nicht inklusive ist. Schon kurz nach der Bestellung kommt ein dickes Bündel 5-Dollar-Scheine per Post. Super! Der pinkfarbene chinesische Aufdruck stört nicht sehr und heißt vermutlich "Ente süßsauer". Vielleicht auch: "Wer mit diesem Schein bezahlt, WIRD zu Ente süß-sauer".

 

Am nächsten Tag fahre ich zum Handarbeitsgeschäft, um den fehlenden Knopf zu kaufen. An der Tür steht: "Ruhetag. Heute geschlossen". Nicht alles fluppt, manchmal brauche ich Geduld. Ich lege das Kleid zur Seite und zeichne stattdessen den Wohnungsplan. Das dünne Papier könnte später beim mehrfachen Aufhängen ausreißen, aber darüber will ich mir jetzt keine weiteren Gedanken machen. Wenn es so ist, werde ich es merken und eine Lösung finden.

Am nächsten Tag hat das Handarbeitsgeschäft ganz normal geöffnet und ich bekomme den vierten Knopf. Zwei Minuten Näharbeit, dann ist auch dieser Punkt auf der Liste abgehakt. Was für interessante Berufsfelder ich mal wieder abdecke: Näherin, Bauzeichnerin und Falschgeld-Einschleuserin.

Seit längerer Zeit geplant ist mein Besuch bei einem Konzert von Purple Schulz in Pulheim. Ich befürchte bei der Hinfahrt zwar, dass es mir ein bisschen zu viel werden könnte und ich doch eigentlich zu müde bin, aber dann ist es ein wunderschönes, herzliches, warmes Konzert mit vielen alten Liedern, die mich sehr berühren. Die Lebendigkeit und Authentizität von Purple gefällt mir immer sehr. Markus Wienstroer begleitet wechselnd auf Gitarre, Banjo und Geige, das Publikum ist sehr gut drauf, und ich komme mitten in der Nacht mit voller Energie und überhaupt nicht mehr müde nach Hause.

Zwei Tage später sehe ich in Köln das Musical "Book of Mormon" an, für das die Karten schon seit Monaten an der Pinwand hängen. Ich habe es vor einigen Jahren in London gesehen und war sehr begeistert vom Tempo, dem schwarzen Humor und der satirischen Geschichte. Zwei mormonische Missionare werden nach Afrika geschickt, wo sie naiv und weltfern die Bevölkerung missionieren wollen, die mit einem Despoten, Hunger und Aids zu kämpfen hat. Es ist schräg, witzig, in perfektem Timing und voll mit Musik. Man sollte allerdings nicht zu zart besaitet sein und auch nicht fanatischer Anhänger einer Religion, wenn man an der Geschichte Spaß haben will.

Den Spaß daran habe nicht nur ich. Die temporeiche, grandiose und bis ins Detail stimmige Aufführung in Köln bekommt nach jeder Szene Applaus vom begeisterten Publikum. Als der letzte Ton des Finalliedes verklingt, steht das Publikum geschlossen auf, jubelt und gibt Standing Ovation. Wow! Was für ein Musical, was für ein Erlebnis! Das Stück könnte ich mir mehrfach nacheinander ansehen und es würde mir nicht langweilig werden. So klasse!

Heute ist Probetag der Geschworenen. Zum ersten Mal versuchen wir einen Durchlauf zu schaffen, auch wenn der noch holpern und viel zu lang dauern wird. Das ist aber normal. Wir haben ja noch zwei Wochen bis zur Premiere. Dass die ersten fünf der zehn Vorstellungen ausverkauft sind, beruhigt einerseits, macht aber auch Druck. Wir wollen dann ja nicht nur glücklich durchkommen, sondern ein tolles Stück spielen. Aber das wird schon. Ich bin mir ganz sicher.

            
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