Blog 601 - 03.11.2019 - Kraniche, Fensterblick auf New York und die Echse

Der Herbst ist da. Mal golden sonnig mit blauem Himmel, mal nebelig trüb und kühl. An einem der sonnigen Tage werkel ich im Garten. Am liebsten würde ich das gerade öfter und länger tun, aber ich habe gefühlt keine Zeit dafür. Was für ein Glück, das ich die große Biotonne habe, die ich bezahle und darum natürlich füllen muss. Damit überzeuge ich mich immerhin von kurzen Garteneinsätzen.

Während ich hartnäckige Gewächse kürze, fliegen über mir Mengen von Kranichen in kleinen, mittleren und riesigen Gruppen mit klagenden Rufen Richtung Horizont. Ich vermute, dass sie nach den ersten kalten Herbstnächten an diesem Morgen beschlossen haben, dass sie jetzt doch lieber in wärmere Gegenden fliegen. Ob sie alle wissen, wie lang und anstrengend die Reise wird?

Ich mag es ja lieber, wenn sie im Frühjahr rufend zurückkommen, aber ich stehe trotzdem unten, gucke zu ihnen hoch und wünsche ihnen lächelnd eine gute Reise. Um ehrlich zu sein, ich rufe sogar halblaut hoch: "Immer schon aufschließen! Und lasst keinen zurück!" und "Passt auf euch auf!" Mir ist völlig klar, dass sie mich nicht verstehen und ihnen meine mütterlichen Sorgen völlig egal sind, aber immerhin werfe ich ihnen nicht kleine Picknickpakete hinterher. Auf die Idee, ein Taschentuch mit ein wenig Spucke anzufeuchten und ihnen die Schnabelränder abzuwischen, komme ich auch nicht. Doch - jetzt.

Oh, menno! Herbst. Da habe ich ja noch gar keine Lust drauf. Wieso ist das Jahr schon wieder so schnell vergangen? Gefühlt bin ich mal gerade im August angekommen. 

In drei Wochen ist die Premiere der "Geschworenen". Genauer gesagt, ist sie dann gerade vorbei. Ich bügel Taschentücher, lasse die Plakate im Copyshop machen, kaufe erste Bauteile für das große Bord und male eine schon bemalte Leinwand schwarz, um darauf ein neues Bild "Aussicht aus dem Fenster auf New York" zu malen. Das möchte ich hinter das Seitenfenster klemmen, aus dem die Mitspieler immer wieder gucken müssen. Von den Zuschauersitzen aus ist es nur schwach zu erkennen, aber es soll zumindest eine "Aussicht" da sein.

Kaum will ich mit dem Malen beginnen, fällt mir ein, dass ich doch auch ein Foto auf mehreren A4-Blättern ausdrucken und aneinandersetzen kann. Das geht doch viel schneller. Also drucke ich aus, schneide weiße Ränder ab, klebe alles wie ein Puzzle zusammen und finde das Ergebnis gar nicht mal so schlecht. Für eine seitliche Ansicht, vor der Fensterglas spiegelt, wird es gehen.   

Der Sohn sieht den so gut in die frühere Zeit passenden Blick auf New York und fragt: "Müsste der nicht in Farbe sein? Ein schwarzweißer Ausblick ist entweder dilettantisch oder Kunst." Da hat er natürlich vollkommen Recht. Ich bin einfach zu sehr in schwarzweißen Bildern und Dekorationen drin. Weil ich meinen Denkfehler nicht nachträglich zu "Kunst" erklären will, kaufe ich dann doch ein passendes Farbposter ohne Menschen, Autos und Leuchtreklame, das ich hinter das Fensterglas kleben kann.

Die Probe bringt viel, ich empfinde sie aber als anstrengend. Vielleicht, weil ich müde bin und eventuell eine kleine Erkältung habe, die nicht richtig rauskommt. Es ist aber auch eine komplizierte Szene mit viel Bewegung auf wenig Raum. Ich bin froh, dass ich eine so disziplinierte Gruppe habe. Wenn wir etwas erarbeiten, ist es danach drin. Viele Szenen müssen aber noch deutlich flüssiger werden und insgesamt wirkt es oft noch zu statisch. Das liegt nicht an den Schauspielern, sondern an mir, weil ich beim Proben erstmal die Hauptpersonen der Szene gut im Bild haben will und die anderen dann "lebendig drumherum gruppiere". Bei zwölf Leuten auf der Bühne können wichtige Dialoge und Reaktionen leicht verloren gehen, wenn sie irgendwo im Miteinander stattfinden und das Publikum nicht weiß, wo es gerade hingucken soll. Mit den Aktionen der "Nebendarsteller" und dem Drumherumgruppieren geht es jetzt erst richtig los. 

Auch wenn noch viel zu tun ist - wir haben noch einige Proben. Sogar noch relativ viele - relativ gesehen. Hätten wir in einer Woche Premiere, wäre ich jetzt sehr angespannt und vermutlich leicht panisch. Aber für drei Wochen vor der Premiere ist der Probenstand ziemlich gut.

Damit ich mir keinen überflüssigen Stress mache, habe ich seit einigen Wochen einen strengen Terminstopp bis Mitte Dezember. Nur was schon länger im Kalender steht, darf ich machen und nichts hinzufügen. Schweren Herzens und total vernünftig verzichte ich auf schöne Veranstaltungen und Konzerte, die ich gerne besucht hätte. Umso mehr freue ich mich über die, die im Kalender stehen. Eine davon ist das neue Programm "Echsoterik" von Michael Hatzius, das er im Düsseldorfer Savoy zeigt.

Es ist ein sehr schöner Abend, bei dem ich zuerst erstaunt bin, dass schon Pause und später, dass schon Schluss ist. Dabei ist das Programm gar nicht zu kurz, sondern so fesselnd und kurzweilig, dass die Zeit schnell vergeht. Mir ist ein bisschen zu viel Echse im Programm, auch wenn es keine Stellen gibt, die ich überflüssig finde. Aber Michael Hatzius ist ein so guter, feinsinniger Puppenspieler, dass ich gerne noch mehr von seinen leisen, berührenden, anderen Sachen sehen würde. Vielleicht sehen das Zuschauer, die extra wegen der Echse kommen, aber anders. Auf jeden Fall erreicht er sie alle und ich grinse fröhlich, als sein Huhn beginnt und von überall im Saal echt mitleidiges "Oooh" zu hören ist. Intelligentes, sehr feines Puppenspiel für Erwachsene.

In drei Wochen tritt Michael Hatzius im Nachbarort auf und ich kann nicht hin. Das liegt nicht mal an meinem Terminstopp, sondern weil an diesem Abend eine Vorstellung der "Geschworenen" ist. Da sollte ich dann doch dabei sein.

            
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