Blog 596 - 29.09.2019 - Puppenbauen, Welthits und ein friesischer Friedhof

Geplant ist, dass ich in dieser Woche frei habe. In den letzten Zeit habe ich viel gebaut, geräumt und erledigt, mich viel unterhalten, viele Stunden an der neuen Homepage gebaut, viel gekocht, viel gesehen, war in Chemnitz und Halle, was langes Autofahren bedeutete - jetzt will ich erstmal Ruhe haben. Der Gatte hat freie Tage und es gibt keine Theaterprobe. Perfekt, um rumzuhängen und zwischendurch einen kleinen Bericht über Rainald Grebes "Weltmaschine" zu schreiben.

Es kommt anders. Ich werde gefragt, ob ich spontan beim Bau einer Puppe für eine neue Fernsehproduktion mitarbeiten kann. Die muss schnell fertig werden und ist etwas kniffelig. Es ist günstig, dass ich gerade keine anderen Termine habe. Blöd ist, dass der Gatte Urlaub hat und ich mich so auf meine freien Tage gefreut habe. Ich kann Ja oder Nein sagen, überlege kurz und entscheide mich für die Zusage. Dann erhole ich mich eben etwas später und etwas weniger. Geht schon. Wenn zwei oder vielleicht auch drei Tage lang meine Mithilfe gebraucht werden kann, ist das wichtig. Also gehe ich Puppen bauen, der Gatte bleibt alleine zuhause und das Columbusschiff der "Weltmaschine" muss erstmal dümpeln.

Im Sauerland schnippel, klebe, säge und nähe ich vor mich hin. Wie viel Arbeit in so einer Puppe steckt und wie lange man an manchen Details sitzt, die nachher gar nicht mehr zu sehen sind, ist für Außenstehende nur zu ahnen. Für Innenstehende manchmal auch. Beim Werkeln ist schnell abzusehen, dass aus den "zwei bis vielleicht drei" Tagen dann doch mehr werden müssen.

Trotz der täglichen Arbeit schaffe ich es an einem Abend in die Kölner Comedia, wo Josef Piek in diesem Jahr sein fünftes Mitsingkonzert macht. Bei den ersten vier hatte ich jedes Mal Theaterprobe, diesmal passt es endlich mal. Da müssen dann auch die Puppen zurückstehen. Musikerkollege Matthias Keul ist dabei, und zwei Stunden lang werden mit Gitarrenbegleitung Welthits gesungen. Die Texte sind zum Glück auf der Beamerleinwand abzulesen, denn außer bei den ersten Refrainzeilen endet das ansonsten ja bei schnell Lalala oder Mhmhmh.  

Es macht großen Spaß und ich singe von Beatles über Bläck Fööss, The Mamas and the Papas bis Robbie Williams laut und gut gelaunt mit. Ob auch richtig, ist die Frage, aber darauf kommt es in der Masse nicht an. Als Josef Piek einen Harrison-Song ankündigt, fragt eine Frau neben uns: "Lebt George Harrison eigentlich noch?" "Der ist schon lange tot", informiert sie der Gatte. Die Frau guckt ihn mit großen Augen an und sagt dann inbrünstig: "Scheiße!" Halblaut setzt sie hinterher: "Gut, dass ich den damals nicht geheiratet habe!" Wir haben einen lustigen, entspannten, sehr lohnenswerten Abend, bei dem nur ein Lagerfeuer fehlt. DA haben sie mitten in einer ehemaligen Feuerwehr aber wohl keine Lust drauf.

Nach wenig Schlaf sitze ich am nächsten Morgen wieder vor Händen, Armen, Ohren und kniffeligen Bauüberlegungen und versinke konzentriert in der Welt der Puppenbaustube. Puppen kann ich stundenlang und mit Hingabe bauen, während ich über eine Stunde Bügelwäsche genervt klage und jammer. Nur schade, dass der Gatte alleine zuhause sitzt. Aber mitkommen und Plüsch nähen will er auch nicht.

Am Ende der Woche geht es ins niederländische Friesland. Das letzte Mal war ich Ende Mai da. Damals habe ich noch die Hand gehalten und es wurde - trotz krankheitsbedingt häufiger innerer Abwesenheit - gelacht. Diesmal ist es eine Trauerfeier. Wie seltsam manches zusammenpasst. In der letzten Woche habe ich nach Jahrzehnten mal wieder die komplette Sieben-Tage-Schöpfungsgeschichte aus der Bibel als Teil der "Weltmaschine"-Inszenierung bei Rainald Grebe gehört, jetzt höre ich sie erneut in kompletter Länge in einer Andachtskapelle, diesmal in holländischer Sprache. Letzte Woche habe ich noch gesagt, dass ich gerne ans Meer fahren würde, jetzt fahre ich am Meer entlang zum Friedhof. 

Meine wilde, unangepasste, dickköpfige, naturliebende, lachende Tante bekommt einen Platz auf einem kleinen, alten, krummen, versteckten Friedhof am Meer. Gleich nebenan muhen Kühe, auf der anderen Seite grasen Schafe am Deich, der Wind weht, der Himmel ist weit und das Meer ganz nah. Am Ende einer Beerdigung habe ich oft das Gefühl, ich ließe jemanden alleine in der Kälte zurück -  diesmal spüre ich Freiheit, wilde Natur und ruhiges Angekommensein. Genau hier wollte sie hinkommen und es passt perfekt.

Dass der Sarg in den Niederlanden knapp und praktisch "Kist" heißt, gefällt mir übrigens sehr. Und dass der Weg zum Friedhof diesmal mit einem Autokonvoi extra über viele schmale Wege, durch verwunschene Wälder und am Meer entlang gefahren wird, um mit meiner Tante zusammen nochmal ihre Lieblingswege zu nehmen, gefällt mir auch. Ich höre innerlich, wie sie im vorderen Wagen vergnügt lacht, weil sie uns alles zeigen kann und wir ihr unerwartet lang über verschlungene Wege hinterherkurven müssen.

Auch das Wetter spielt mit, sprüht einige Regentropfen, lässt die Wellen tanzen und holt dann die Sonne raus. Als wir den kleinen, friesischen Friedhof verlassen und noch kurz vor dem schmalen Eingang stehen, sehe ich eine dreifarbige "Glückskatze" zielstrebig und neugierig zwischen den schrägen Grabsteinen auf die neue Stelle zulaufen. Wenn das mal nicht ein Zeichen ist, dass meine tierliebe Tante am richtigen Platz angekommen ist. 

            
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