Blog 595 - 22.09.2019 - Traubensaft, Probenlücken und das Welttheater

"Wie gut, dass ich die Küche in diesem Sommer nicht renoviert habe!", denke ich, als die Flasche mit rotem Traubensaft beim Öffnen knallt und ihren Inhalt zischend bis an die Decke spritzt. An der weißen Decke gibt es tropfende Flecken in zartem Braunrot, die sich in Schlieren an der Wand herunterlaufen und sofort einziehen. Warum ich loslache, weiß ich auch nicht, aber ich finde es witzig. Heimische Comedy.

Gar nicht lustig entwickelt sich die neue Homepage. Dachte ich in der letzten Woche noch, dass ich nach stundenlanger Arbeit dem Ziel nahe komme, stellt sich beim ersten Test heraus, das alle Tabellen auf Handys nicht funktionieren und auch einige Fotos mühsam gescrollt werden müssen. Och nee. Ich will nur eine total unmoderne Homepage haben, auf der sich nichts bewegt, keine Bilder aufploppen und nichts im Hintergrund dynamisch nach oben wandert, während der Vordergrund nach unten geht. Vielleicht brauche ich doch ein anderes Modulsystem, was besonders blöd wäre, weil ich mich so mühevoll in das vorhandene eingearbeitet habe. Da mein privater Homepageexperte in den nächsten Wochen keine Zeit hat, lasse ich erstmal alles liegen und hoffe optimistisch auf eine spontane Lösung der Probleme.

Von den 12 Geschworenen proben wieder nur 9, weil einer geschäftlich entschuldigt ist, der andere zeitlich noch nicht in die neue Rolle springen kann und einer krank ist. Es ist noch nicht kritisch, aber natürlich verzögert sich alles, weil wir viele Szenen erneut durchgehen müssen, wenn die Fehlenden wieder da sind. Im Vorfeld hatte ich drei Probetermine mehr festgelegt, als ich brauchte. Die sollten nur für Notfälle sein, wenn zum Beispiel eine Erkältungswelle andere Probetermine sprengt. So wie es aussieht, werde ich sie jetzt nicht streichen können, weil wir wegen der unkompletten Proben leicht hinterher hängen.

Auch die Probensituation ist nicht ideal, weil wir unseren sowieso engen Raum wegen der vorherigen Produktion noch weiter eingeschränkt bekommen und die Umgebung unfertig, ungeordnet und improvisiert wirkt. Der einzige Vorteil ist, dass wir, wenn wir in den letzten zehn Tagen vor unserer Premiere endlich in "unserem" Bühnenbereich proben können, etwas mehr Platz und die Stahlträger endlich wieder außerhalb unserer Spielfläche haben werden. Der Nachteil ist, dass sich dann vieles erstmal ungewohnt anfühlen wird und plötzlich anderer Platz fürs Stehen und Laufen da ist, was Unsicherheit auslöst. Aber es hilft ja nichts, da müssen wir durch. Professionell. Ein Grund für Ausreden wie "das konnten wir nicht, weil ..." ist es jedenfalls nicht.

Zuhause kommt mir plötzlich die Motividee für das Geschworenen-Plakat, auf dem "möglichst viele Leute" zu sehen sein sollen. Ich stelle es mit einem Grafikprogramm provisorisch zusammen, um zu sehen, ob sich die Idee überhaupt umsetzen lässt und dann auch gut aussieht. Im Kopf ist es ja manchmal schöner als in echt. Aber ja, mir gefällt's. Da kann ich bei der nächsten Probe gleich Fotos machen und das Plakat dann am Computer in Ruhe zusammenbasteln. Punkt: "Plakatmotiv überlegen" ist abgehakt. Die Unterpunkte: "Fotos machen", "Plakat mit Grafikprogramm zusammenstellen", "Druckvorlage auf Stick speichern", "Copyshop" und "Plakate aufhängen" folgen.

Dann fahre ich nach Halle an der Saale. Dort hat Rainald Grebe Premiere mit dem Theaterstück "Die Weltmaschine" Es wird im Puppentheater Halle gespielt und hat mit Puppentheater zu tun, was ein guter Grund ist, warum ich es mir ansehen möchte und außerdem ist es von und mit Rainald Grebe, was sowieso ein Grund ist. Vorher weiß ich nur, dass es ein altes mechanisches Theater gibt, das der Ausgangspunkt für eine Inszenierung der Weltgeschichte ist. Schon allein die Idee gefällt mir.

Ich erlebe eine stimmungsvolle Inszenierung, in der ein mechanisches Welttheater mit mehreren Laufbändern, Kurbeln und unzähligen, teils bewegten Figuren, im Mittelpunkt steht und drei Schauspieler, Rainald Grebe, Tilla Kratochwil und Lars Frank, darstellen, sprechen, kurbeln und in hoher Geschwindigkeit Figuren auf Laufbänder stellen. Ich komme mir vor wie auf einem alten Jahrmarkt, bestaune den Vulkanausbruch von Pompeji mit Knall, Rauch und klappbarer Vulkanspitze, sehe Columbus' Ei über die Wellen tanzen, bekomme das Wunderwerk "Guillotine" erklärt, gucke, staune, lache und erlebe die Weltgeschichte bunt gestaltet von der Schöpfung bis zur Jetztzeit.

Es ist eine rasante Inszenierung, die mich manchmal fast atemlos zusehen lässt, dann aber auch extrem entschleunigt, wenn in aller Ruhe einzelne Steinexemplare in die Mitte gekurbelt werden und aus dem Off knapp Art und Fundort verkündet werden. "Quarz. Harz". Am Ende der Inszenierung wird es wieder hektisch, denn jetzt muss alles sofort mit Handy aufgenommen werden und ins Internet kommen. Sehr gut gespielt, sehr gut gemacht, sehr schöne Figuren, sehr gute Ideen, sehr schnell gekurbelt. Toll!

Nach der Vorstellung muss ich beim kurzen Blick hinter die Kulissen lachen, denn es sieht dort mit den vielen abgestellten und zur Seite geworfenen Figuren und Requisiten ähnlich chaotisch aus wie nach einer Aufführung meines Frosch-Puppenstücks, bei dem ich in ähnlichem Tempo aufnehmen, wechseln, ablegen und wegwerfen muss. Ich habe große Lust, sofort beim Welttheater einzusteigen, mitzuspielen und mitzukurbeln. Geht ja nicht. Aber die Motivation und Energie, die ich habe, stecke ich in mein nächstes Stück.

Es gibt noch eine Premierenfeier im mit Puppen dekorierten Foyer, das einen wunderbar schrägen und morbiden Charme hat, und ich fühle mich voll mit Theater, Figuren, Ideen und Freude darüber. In der nächsten Woche stehen bei mir neue Termine an, die mit Puppen zu tun haben. Eigentlich wollte ich ja mal gerne ans Meer fahren und auf Wasser gucken - da habe ich aber gar keine Zeit für.

            
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