Blog 589 - 11.08.2019 - Ferienfreizeit mit Cuttermesser

Ich fahre in die Ferienfreizeit. Es geht nach Bochum ins Figurentheaterkolleg, wo ich acht Tage lang mit dem Cuttermesser in Schaumstoff rumschnitze und Aktiv-Ferien mache.

Neun Leute sitzen in der Werkstatt, mein Leib-, Magen- und Lieblingsdozent Bodo Schulte leitet den "Schaumstoffkurs für Fortgeschrittene", und da ich ziemlich fortgeschritten in den Bereichen Kleinschnippeln und Neuzusammenfügen von Schaumstoff bin, mache ich genau das.

In den Unterrichtseinheiten gibt es vorwiegend Informationen über Klappmaulpuppen, denn obwohl es um Schaumstoff geht und auch Stabfiguren, Requisiten, Großfiguren und Bühnenelemente gebaut werden könnten, wollen - wie fast immer - alle Teilnehmer sofort mit dem Bau einer Klappmaulpuppe loslegen.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um mein Rumpelstilzchen für das nächste Stück zu bauen, das wegen seiner geringen Größe einen Eingriff im Nacken braucht, damit ich es auf dem Tisch spielen kann. Meine bisherigen Test mit Nackeneingriffen waren nicht so erfolgreich, weil mir die Figur dann zu viel schlackerte. Mal sehen, ob ich diesmal eine bessere Lösung finde.

Nach einigem Herumtüfteln stellt sich heraus: Nein, ich finde keine ideale Lösung. Ich überlege, ob ich das Stück nicht doch anders spielen möchte, so dass ich das Rumpelstilzchen hinter einer hohen Leiste spiele, entscheide aber, dass das zwar möglich, an anderen Stellen aber komplizierter würde. Es wird also etwas schlackern, was ich in Kauf nehmen muss.

An einigen Tagen fahre ich vor der täglichen Werkstattzeit ins nahe gelegene Schwimmbad und schwimme eine Stunde, mittags kocht manchmal der Dozent für die gesamte Truppe, was nicht üblich ist, was ihm aber gerade Spaß macht und bei der entspannten und gut harmonierenden Gruppe gut passt, abends gehen wir in kleinerer oder größerer Gruppe auf ein Getränk oder eine Pizza raus, danach gehen die einen in ihre Unterkunft, die anderen kehren noch in die Werkstatt zurück.

Beim Werkeln gibt es kleine Sprachexkurse ins Berlinerische, Schwäbische, Sächsische, Kölsche und Schweizerische, der Ursprung des Ausrufes "Menno!" wird nicht gefunden, aber in der Nähe von "Main non!" vermutet, es wird über Ziegen geredet und über Blondinen. An einem Abend ist im Hof des Kollegs eine kleine Veranstaltung mit Clownsauftritt, Popcorn und Animations-Kurzfilmen, die eine sehr schöne Atmosphäre hat. Volles Programm mit Spaß, Sport und Puppenbau in Bochum-Langendreer.

Für mich stellt sich bei aller guten Laune die Frage, wie weit fortgeschritten ich im Fortgeschrittenenkurs sein darf, denn wir verbringen viel Zeit mit den Grundlagen im Klappmaulpuppenbau. Zufällig sind in diesem Kurs vorwiegend Teilnehmer, die entweder noch nicht mit Schaumstoff gearbeitet, noch nie eine Klappmaulpuppe gebaut haben oder bei vielen Schritten Unterstützung brauchen. Anstatt um neue Ideen, verzwickte Baulösungen und erstaunliche Schaumstoffkombinationen, geht es täglich um die Basis. Wie baue ich Arme, wie kommt der Stoff auf den Körper und wie nähe ich den Hals an. Ich baue an meiner Puppe vor mich hin, bekomme aber wenig neuen Input durch andere, fortgeschrittene Figurenbauer, die mit ganz anderen Fragen im Kurs säßen.

Eine Lösung für eine passende Einstufung in Anfänger und Fortgeschrittene habe ich auch nicht, denn wer sehr erfahren im Bauen ist, kann trotzdem Anfänger im Klappmaulpuppenbau sein. Ich fühle mich jedoch nicht fortgeschritten genug, um ab jetzt keine Fortbildung mehr zu machen und nichts mehr lernen zu können. Allerdings ist es für mich keine Fortbildung, wenn im Fortgeschrittenenkurs nur die Basismodule gemacht werden können. Hätte die Gruppe aus vielen sehr erfahrenenn Puppenbauern bestanden, was auch hätte passieren können, hätten sich unter ihnen ein, zwei Leute, die eine Puppe nicht ohne Unterstützung bauen können, nicht passend gefühlt. Der "Fortgeschrittenen-Bereich" ist eben weit gefasst. Wirklich Neues lerne ich nicht, meine Puppe kann ich alleine bauen, darum sehe ich es als Urlaub, freue mich daran, dass ich einfach mal eine Woche stundenlang bauen kann und wir eine nette Gruppe sind.

Am Ende der Woche sind die meisten Figuren fertig oder brauchen nur noch Restarbeiten, und ich bin so entspannt und ausgeruht, dass ich jetzt nicht nur bis 23 Uhr oder Mitternacht, sondern endlich auch länger arbeiten könnte. Am letzten Abend mache ich das, sitze bis kurz vor 3 fröhlich und hellwach an meinem Tisch und klebe noch an einem Schwein. Jetzt bin ich voll im Bauen drin und könnte gerne noch ein, zwei Wochen in der Werkstatt bleiben. Es macht so viel Spaß. Und wenn der Dozent dann immer Mittagessen kochen würde ... perfekt!

            
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