Blog 580 - 09.06.2019 - Acht Geschworene, Kurzberichte und Stühle schrauben

Die Woche bleibt tatsächlich ruhig. Das kann ich brauchen. Ich räume Zeug hin und her und zum Teil auch auf, hänge frisch gewaschene Wäsche bei Sonnenschein auf die Leine, freue mich über ihr schönes Flattern und renne los, um sie bei einem unerwarteten Regenschauer wieder runterzureißen. Zwischendurch werkel ich im Garten. Nach Terminen, großen Erlebnissen und Rumfahrerei ist es mir so gar nicht.

Die "12 Geschworenen" sind endlich dran. Die Mitspieler- und Terminfindung gab es schon im Dezember, was gefühlt lange her ist. "Im Juni geht es erst los", konnte ich monatelang lässig abwinken, aber jetzt ist Juni. Ich lese mich nochmal ins Stück ein, gehe die Charaktere durch, skizziere den Bühnenplan und packe eine Tasche, in der ab jetzt alles griffbereit liegt, was ich als Regisseurin brauche. Sechs lockere Proben bis zu den Sommerferien, dann Pause, im September und Oktober geht es wenig und unregelmäßig weiter, erst im November wird es richtig heftig. Die Premiere ist am 23. November.   

Die Woche ist so entspannt, dass ich sogar eine letztens aufgekommene Überlegung umsetze. Meine Berichte über Konzerte und Kleinkunstveranstaltungen schreibe ich gerne detailreich, weil ich später ausführliche Erinnerungen zum Nachlesen haben möchte. Oft bleibt mir aber wenig Zeit, so dass ich in letzter Zeit meistens nicht mal einen Notizblock zur Veranstaltung mitnehme, weil ich schon weiß, dass ich mich danach nicht an einen langen Text setzen kann. Aber warum schreibe ich dann nicht mal kurze Berichte, ehe es gar keine gibt?

Überlegt, getan. Nacheinander schreibe ich über die letzten Vorstellungen von Michael Hatzius, Rainald Grebe und Moritz Netenjakob. Dabei wundere mich selber, was mir dazu ohne Notizen alles einfällt. Kaum habe ich sie auf meine Berichteseite "reihedrei.de" gesetzt, schreibe ich gleich noch einen über die Lesung von Gayle Tufts hinterher. Vorher dachte ich noch, dass zehn Zeilen für einen Bericht ja auch mal reichen, aber ich schreibe problemlos mehr und es fällt kaum auf, dass es nicht ins Detail geht. Na also. Geht doch und macht Spaß. Ab jetzt wird es wieder öfter Berichte geben, auch wenn die mal kleiner ausfallen können. Es wäre schade, wenn nichts mehr käme. Der erste Bericht auf der Seite ist aus dem Jahr 2000, das ist ja fast schon historisch.

Dann haben wir den ersten Probeabend der "12 Geschworenen". Mein Konzept beinhaltet, dass wir relativ wenige Probentermine haben, bei denen dafür aber immer alle zwölf Geschworene anwesend sind. Gleich beim ersten Termin fehlen drei wegen Dienstreise/krank/Kind krank. Das geht ja gut los. Ein Viertel der Besetzung fehlt. Vor Gericht käme das nicht durch. Auch wenn die Gründe verständlich und natürlich akzeptiert sind, kann ich nur hoffen, dass es nicht bei diesem Schnitt bleibt. 

Auch mein Plan, in den sechs Proben bis zu den Sommerferien nur mit Stühlen aus dem Zuschauerraum, aber ohne Tische zu proben, damit wir erstmal die grobe Struktur des Stücks und die Charaktere finden, ändere ich noch während der Probe in: "Sofort Tische kaufen!" Ich stehe ja sowieso darauf, dass es bei Proben frühzeitig Mobiliar und Requisiten gibt, aber ich wollte für nur sechs Proben nicht immer Tische mitschleppen, auf- und abbauen und dann in den probefreien Sommerferien irgendwo abstellen müssen. Es zeigt sich aber, dass wir schon früh wissen sollten, wo die Tische stehen, wo sie aufhören und ob jemand links oder rechts drumherum geht. Außerdem kann man sich während der Dialoge spielerisch mal darauf abstützen, drauf hauen, sich leicht auf eine Kante setzen, sie als Grenze einsetzen und überhaupt während der Proben mal was ausprobieren.

Gleich am nächsten Tag fahre ich zum Möbelschweden und kaufe Tische. Und weil es Quatsch wäre, bei passenden Tischen die breiten Zuschauerstühle zu verwenden, kaufe ich auch die vorgesehenen Holzstühle. Und weil ich gerade dabei bin, auch die Trinkgläser, die allerdings erst nach den Sommerferien zum Einsatz kommen werden. Zuhause schraube ich Stühle zusammen. Nach dem dritten denke ich, dass ich als "teambildende Maßnahme" vor der nächsten Probe das Spiel: "Jeder schraubt sich seinen eigenen Geschworenenstuhl" hätte einbringen können. So als Bindung an das Stück, den Stuhl, die Gruppe und vor allem als Arbeitseinsparung für mich. 

Ob drei auseinanderbaubare Tische und zwölf komplette Stühle gleichzeitig in mein Auto passen, hoffe ich, weiß es aber noch nicht. Wäre blöd, wenn nicht. Vielleicht müsste ich dann überlegen, ob ich wegen Transporteinschränkungen dann doch lieber die "Acht Geschworenen" mache. Das hätte auch einen Vorteil für die Anwesenheitsliste, denn bei jeder Probe und jeder Vorstellung hätten abwechselnd vier der Mitspieler frei. Das Stück würde jeden Abend wegen wechselnder Besetzung spannend anders sein. Wenn die Hauptdarsteller fehlen, sogar mit modern offenem Ende. Schade. Manchmal bin ich einfach zu altmodisch für innovative Theaterideen.

Meine Puppentheaterbühne lehnt weiterhin in Einzelteilen an der Wand, die geschlossenen Koffer stehen daneben und das Stück habe ich noch nicht wieder durchgesehen. Nachdem ich so intensiv daran gearbeitet habe und mir lange keine Ruhe gegönnt habe, möchte ich jetzt bewusst auf lässige Tage und wohltuende Terminfreiheit achten. Ich merke, dass mir der Abstand gut tut. Im Kopf dreht es sich leise weiter und entscheidet sich dabei für Ideen, und ich mache einen kleinen Miniurlaub, schalte runter und lebe mal einfach vergnügt vor mich hin. 

            
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