Blog 576 - 12.05.2019 - Gabeln biegen, Ulla Hahn und Betriebstemperatur

Hatte ich mir nicht vorgenommen, dass ich in den Monaten April und Mai keine großen Projekte mehr machen werde? Nehme ich mir das nicht jedes Jahr im Mai erneut vor, wenn ich an irgendwelchen Projekten sitze? Schon wieder explodiert im Garten alles, bei kurzen Durchgängen erfreue ich mich an Gräsern, Blumen und austreibenden Erbsen - und schon wieder sitze ich die meiste Zeit drinnen und muss arbeiten. Am besten hole ich mir einen Kalender für das nächste Jahr und markiere jetzt schon den April und Mai mit: "Achtung! Keine Projekte! Gartenzeit!" Nun ja, für dieses Jahr ist es zu spät. Die erste Probeaufführung mit meinen Puppen rückt näher und da kann ich nicht stundenlang im Garten an den Maiglöckchen riechen.

Zu Beginn der Woche spiele ich vor kritischen Augen mein Stück vor. Auch wenn das Spielen noch holpert und die Requisiten wegen noch fehlender Requisitenhalter nicht griffbereit sind, ist es ganz wichtig, dass jemand mit scharfem Regieblick sagt, wo das Stück funktioniert, wo es hakt und wo es an Spannung verliert. Es zeigt sich, dass manche Idee, die mir lustig vorkommt, es nicht ist oder nicht verständlich genug dargestellt wird, andere Szenen dagegen länger ausgespielt werden können. Außerdem ergeben sich weitere Ideen für Handlungen und schöne Kleinigkeiten, so dass ich am nächsten Morgen erstmal den Text leicht überarbeite. Wie gut, dass ich ihn sowieso noch nicht komplett konnte! Insgesamt funktioniert das Stück aber schon, was sehr beruhigend ist, und es hat auch die richtige Länge

Im Akkord nähe ich an den nächsten Tagen Seiten- und Rückverkleidungen der Bühne, schraube Requisitenhalter an und biege eine Kuchengabel über dem Heißluftfön, die ganz kurzfristig ins Stück gerutscht ist und schnell noch gemacht werden muss.

Dazwischen probe ich, notiere, dass zwei Requisiten noch Ablagemöglichkeiten brauchen, ein anderes Teil beim Ablegen raschelt, und dass noch Vorhangfeststeller gekauft und Bindebänder angenäht werden müssen. In meinem Kopf rotiert es durchgehend, ich schalte nicht mehr ab und meine Betriebstemperatur ist deutlich höher als im Normalzustand. Nicht, weil ich aufgeregt bin, sondern weil noch Sachen zu erledigen sind und ich noch viel proben möchte. Und muss. Alles ist völlig normal in den letzten Tagen vor der ersten Vorstellung. Immerhin ist die Gabel fertig.

Am Freitag fahre ich, trotz dringender Probennotwendigkeit, nach Monheim zur Lesung von Ulla Hahn. Deren Buch "Das verborgene Wort", ein autobiographischer Roman, spielt in Monheim, wo es inzwischen sogar ein Ulla-Hahn-Literaturhaus gibt. Die Hauptperson des Romans, Hilla Palm, in der sich immer wieder die Autorin entdecken lässt, wächst in Monheim als Arbeiterkind auf, entdeckt Wörter, Geschichten und Hochdeutsch, und schafft es, gegen den Willen der Familie, aufs Gymnasium zu gehen und später zu studieren. Mich hat die berührende Geschichte und der sorgfältige, durchdachte Umgang mit Wörtern sehr fasziniert.

Der Abend lohnt sich. Nicht nur, dass Ulla Hahn sehr sympathisch ist, eine schöne Vorlesestimme hat und berührend und lebendig erzählt, ich nehme auch lächelnd wahr, dass ihr nicht mehr anzumerken ist, dass sie ein Dialekt sprechendes, eher bildungsfernes Arbeiterkind war. Beim freien Sprechen macht sie kleine Pausen, in denen sie sorgfältig das genau passende Wort sucht, um sich richtig auszudrücken. Sie kennt die kleinen Unterschiede. Sagen - nennen - plaudern - erzählen - berichten - formulieren - fabulieren - beschreiben - schildern ...  Sie ist eine zierliche, gebildete Dame, die wirkt, als wäre sie in einer großzügigen Umgebung mit Literatur, Reisen und Klavierunterricht aufgewachsen. Ein großartiges Beispiel dafür, was man erreichen kann, wenn man unbedingt will.

In der nächsten Woche spiele ich Tim Mütze zum ersten Mal vor Publikum. Es ist offiziell eine Probeaufführung, aber das heißt nicht, dass ich sie fehlerhaft und mit Lücken spielen kann. Das muss schon so werden, dass im Publikum nicht der Gedanke aufkommt, dass es die erste Vorstellung des Stückes ist. Darum: Proben, proben, proben. Ich freu mich drauf. Aufs Proben und auf die Vorstellung.

            
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