Blog 565 - 24.02.2019 - Beine, Hüte, Stühle, Friedemann und Gayle

Am Sonntag sehe ich im Kölner Schauspielhaus "Die schmutzigen Hände" von Sartre an. Auf der drehbaren Bühne, die mit Glaswänden, Spiegelflächen und Durchgängen gestaltet ist, wird schnell und in sehr gutem Timing gespielt, es werden Räume und Erzählebenen gewechselt, und zusammen mit der Live-Kameraübertragung ausgewählter Details entsteht ein Stück, das mich an einen spannenden, schnellen, gut geschnittenen Kinofilm erinnert. Toll! Es ist überhaupt nicht die Art, wie ich ein Stück gestalte, aber es beeindruckt und inspiriert mich.

Der Häkeldrache für das Handpuppenstück ist mir zu "echt". Ich habe es in der letzten Woche schon vermutet. Er könnte von Zuschauern für den Hauptdrachen gehalten werden, was ungünstig wäre. Also nähe ich auf den fertig gehäkelten Drachen kleine Stoffstücke. Besonders über die staksigen Stoffbeinchen kann ich mich weglachen. Als ich dem Gatten eine kurze Szene mit dem Drachen vorspiele, muss er breit grinsen. Perfekt.

Für Tim Mütze möchte ich einen Hut machen, der ein bisschen ungewöhnlich aussehen soll und auf keinen Fall langweilig perfekt werden darf. Zu wild soll er aber auch nicht werden und auch nicht zu groß, denn er ist nur ein Kleidungsstück und soll nicht ständig ablenken. Ich lasse mich beim Nähen vom Gefühl leiten und bin vom Ergebnis selber überrascht. Nur die Blume, bei der ich ganz sicher war, dass die am Hut stecken wird, lasse ich dann doch weg, denn mit ihr sieht Tim Mütze sofort dumm und einfältig aus. Dass Blumen einen Einfluss auf die Intelligenz haben, wusste ich vorher nicht. Mit Blumen an eigenen Hüten werde ich ab jetzt vorsichtig sein.  

Die Königin bekommt eine goldglänzende Schärpe zum Kleid und ist selber erstaunt, wie königlich sie mit ihrer Kleidung ihm Sonnenlicht funkelt.

In der nächsten Woche werde ich so langsam mit den ersten Proben beginnen und zwischendurch am Drachen bauen, Requisiten basteln und mir Gedanken über den Bau der Guckkastenbühne machen. Sehr optimistisch plane ich die Premiere für den Mai, was durchaus hinhauen könnte, aber nur, wenn nicht unvorhergesehene Sachen dazwischen kommen.

Kaum denke ich vorsichtig an eine Mai-Premiere, bekomme ich eine Anfrage, ob ich Anfang Juni eine Vorstellung spielen könnte. Ich freue mich, dass der erste Termin im Raum steht. Nur ob das Stück dann schon steht, kann ich erst in zwei oder drei Wochen sagen.

Um mir einen Bürostuhl zu kaufen, der mir schon lange gefällt, fahre ich zum schwedischen Möbelhaus. Dort gucke ich auch gezielt nach Stühlen und Tischen fürs Geschworenen-Stück. Für die will ich möglichst wenig Geld ausgeben, aber die sehr preiswerten und möglichst noch stapelbaren Stühle sind mir zu wenig stabil. Ich bin sicher, dass man nicht mit voller Kraft und Hingabe spielen kann, wenn man auf einem wackeligen Stuhl sitzt und sich bei jedem Hinsetzen vorsichtig bewegen muss.

Nach ausgiebigen Sitz-, Aufsteh- und Auf-dem-Stuhl-hampel-Tests - keine Ahnung, was andere Kunden von mir halten, aber ich will nicht laut rufen: "Ich bin Regisseurin und suche meine Bühnenausstattung!", - finde ich die passenden Stühle. Schwarz, stabil und in der unteren Preisklasse. Zwei nehme ich gleich mit, die anderen hole ich demnächst mal. Nur mein seit langem favorisierter Bürostuhl stellt sich als unbequem heraus und wird nicht gekauft.

In meiner Küche findet der erste Lesetermin der "Zwölf Geschworenen" statt. Es ist etwas eng, unbemerkt aufstehen und flüchten könnte niemand, aber fürs Lesen geht's. Die Gruppe gefällt mir sehr gut und ich glaube, es werden schöne und ergebnisreiche gemeinsame Proben. Ich freue mich auch, dass die Stimmen sehr unterschiedliche Stimmfarben haben und es damit akustisch ebenfalls ein abwechslungsreiches Bild geben wird. Das sieht alles nach einem tollen Ergebnis aus.

Bei Facebook wird das neue Video von Friedemann Weise veröffentlicht, bei dessen Dreh ich recht spontan im Januar dabei war. Den Humor von Friedemann mag ich sehr, und das Lied und das Video sind ganz typisch für ihn schräg und bunt. Ich bin bei etwa 2:05 ganz kurz an der Kantinenkasse zu sehen und hatte wirklich Spaß am Job. Bei Youtube ist das Video zu sehen unter dem Titel: Friedemann Weise "In der Kantine (gibt es heute Currywurst)".

Am Abend ist lovely lovely lovely Gayle Tufts mit ihrer Lesung "American Woman" in der Kölner Comedia. Sie ist so lebendig, temperamentvoll, herzlich und humorvoll, dass sie alle mitreißt. Dabei wirkt sie erstaunlich familiär, als ob sie mal eben privat auf einer Party etwas erzählt und alle vergnügt zuhören. Es ist ein kurzweiliges, großes Vergnügen ohne trockene Lesung, dafür mit einer charmant explodierenden Entertainerin.

Wenn Gayle und ich uns sehen, ist sofort Dirk da. Dirk Bach, der so fehlt und schmerzlich vermisst wird. Wir haben uns bei seinen Cover-me-Konzerten kennengelernt, und wenn wir uns jetzt ansehen, wissen wir beide, dass wir in diesem Moment an ihn denken. Ich sage ihr, dass ich bei meinen Auftritten ganz viel von seiner Hemmungslosigkeit und Konsequenz mitgenommen habe und er mir darum viel dagelassen hat. Sie nickt und sagt lächelnd: "Das geht mir genauso. Ich mache meine Shows so." Und so ist es zwar auch ein bisschen sentimental traurig, wenn wir uns sehen, weil wir immer an Dirk denken müssen, aber auch sehr schön, weil wir an ihn denken, er dabei ist und nicht verloren geht.

            
Blogübersicht
 nächstervorheriger