Blog 560 - 20.01.2019 - Playmobil-Inszenierung und Waffenkiste

Ich muss viele Klappmaulpuppen bauen, sehr viele, stelle ich fest, als ich mein Arbeitszimmer aufräume. Inzwischen habe ich so viele Fleecestoffe, Plüsch und Zubehör, dass es zum Platzproblem wird. Was heißt wird, es IST ein Platzproblem. Da hilft nur bauen, nähen, schneiden, kleben - kurz: Material verbrauchen. Aus Verzweiflung Klappmaulpuppen bauen - das ist mal eine ganz neue Motivation. Sofort loslegen kann ich aber nicht, auch wenn es in den Fingern zuckt.

Anstatt Schaumstoff zu schnippeln, stelle ich Playmobilmännchen auf. Die machen mit mir die Szenenarbeit für die "zwölf Geschworenen". Um beim Bearbeiten des Textes den Überblick zu behalten, wo sich gerade jeder der zwölf Spieler befindet, stelle ich das ganze Stück mit Playmobil-Spielern nach. Ich wackel nicht mit ihnen rum und spreche ihre Texte mit verstellter, quiekender Stimme, - ist ja kein Spaß, sondern konzentrierte Arbeit, - ich rücke sie nur auf ihre jeweiligen Positionen. Damit vermeide ich Regieanweisungen wie: "Nr.4 steht auf und geht zum Fenster", wenn Nr.4 schon seit zwei Minuten am Fenster steht, was ich inzwischen bei der Menge der Mitspieler aber vergessen habe.

Sehe ich beim Blick auf den Szenenplan ein grünes, stehendes Playmobilmännchen mit einem goldenen Schwert in der Hand, ist völlig klar, dass der Geschworene Nr.5 bei diesen Zeilen nicht mehr auf seinem Stuhl sitzt und außerdem das Messer 1 bei sich hat. Das Messer 2 ist das silberne Schwert. Die aufwendige Vorarbeit erspart später viele zeitraubende Verblüffungsmomente bei den Proben. Solche etwa:
Nr.10: "Im Text steht, ich soll das Messer vom Tisch nehmen. Aber da liegt kein Messer."
Nr.1: "Das Messer hat Nr.5."
Nr.5: "Ja, aber ich habe Messer 1, Nr.10 braucht das zweite Messer."
Nr.4: "Das zweite Messer habe ich. Ich weiß aber auch nicht warum."
Nr.3: "Stehe ich eigentlich gerade oder sitze ich?"

Wenn eine Inszenierung mit Playmobilmännchen und Schwertern nicht mal total professionell aussieht! Aber so lange ich später nicht darauf beharre, dass die Schauspieler genau so steif wie die Playmobilmännchen sitzen und stehen, geht's. Vermutlich wird es erst dann besorgniserregend, wenn ich auch noch viele Playmobil-Zuschauer hinsetze und die weiblichen in der Pause in einer langen Reihe vor dem Klo aufstelle.

Beim Kistensortieren im Arbeitszimmer fällt mir auf, dass der kleine Verschlag, in dem sich Verkleidungen und Zubehör für Karnevalstage und Krimidinner befinden, kurz vor dem Platzen steht. Das aus verschönernden Verdeckungsgründen davor hängende Bambusrolle beult schon aus und hält den von innen drückenden Kram nur mit Mühe gehalten. Erst denke ich, dass es noch eine Weile halten wird, dann fällt mir ein, dass ich für die nächste Woche einen Hut brauche, der sich irgendwo im Verschlag in einer Kiste befindet. Kurzentschlossen ziehe ich das Rollo hoch und werfe Kisten, Kästen, Tüten und die vielen losen Einzelteile auf den Fußboden. Es ist immer wieder erstaunlich, dass aus zusammengepressten zwei Kubikmetern Zeug ein lockerer Berg von schätzungsweise acht Kubikmetern wird.

Da acht Kubikmeter sowieso nicht mehr reinpassen, sortiere ich nicht nur konsequent nach "Müll", "Woanders hin" und "Behalten", sondern ordne die verbliebenen Sachen nach Sachgruppen sortiert in Kisten, die deutlich beschriftet sind. Und siehe da: Am Ende stehen nur noch zehn gut gestapelte Kisten im Verschlag, es ist Luft drum herum und wenn ich mich jetzt bekleiden möchte mit Abendkleid, roter Nase und Revolver, weiß ich sofort, wo ich alles finde.      

Am Wochenende gibt es die eigentlich letzten Vorstellungen der "Hexenjagd". Das Finden von Ersatzterminen für die beiden krankheitsbedingt ausgefallenen Termine erweist sich als schwierig. Vermutlich werden jetzt Wochentage zum Spielen gewählt, was ich nicht ideal finde. Einige Mitspieler können wegen ihrer Arbeit nur knapp vor Beginn ankommen, das Stück ist lang, soll frisch und konzentriert gespielt werden und am nächsten Morgen muss es für viele sehr früh wieder in den nächsten Arbeitstag gehen. Wie viele der "abgesagten" Kartenbesitzer dann tatsächlich auch mitten in der Woche abends zum Ersatztermin kommen können und wollen, ist ebenfalls fraglich.

Schon die Vorstellung nach der einmonatigen Spielpause ist recht originell. Wir versuchen unser Bestes, aber es fühlt sich an, als hätten wir das Stück vor einem halben Jahr zum letzten Mal gespielt. Irgendwie sitzt es noch, dann aber doch nicht. Wir können uns leicht improvisierend und Text nachschiebend erstaunlich lässig durchspielen, aber das Spielen kann nicht leicht und fliegend sein, wenn wir während des Spielens immer wieder überlegen, welche Textstelle gleich dran ist oder ob etwas vergessen wurde. Vielen geht es so, und auch für mich fühlt es sich mehr nach einer Probe als nach einer Vorstellung an. Wir sind nicht zufrieden, aber immerhin lachen wir viel. Sehr lustig auch, als eine Mitspielerin plötzlich mit energischen Schritten von der Bühne abgeht, in die Garderobe kommt und flüstert: "Mich hat keiner weggeschickt, da bin ich einfach alleine gegangen!" Ihr Spielpartner hatte vergessen, sie rechtzeitig rauszuschicken.

Weil die "Hexenjagd" heute abend wohl nicht mit einer Derniere abgeschlossen wird, sondern sich noch irgendwie in die nächsten Wochen zieht, geht mein Plan, das eine Stück sauber abzuwarten, ehe ich das andere beginne, nicht auf. In den nächsten Tagen möchte ich den Text und die Charakterbeschreibungen an meine Mitspieler schicken. Aber vielleicht verzögert es sich doch noch ein bisschen, denn die Woche startet mit einem Lesungsabend und einem Lesungsvormittag und nach der erfolgreichen Räumerei im Arbeitszimmer überlege ich gerade, ob ich nicht auch die Kartons hinter dem Schrank und unter der Dachschräge rauskrame und nach "Müll", "Woanders hin" und "Behalten" sortiere. Ich bin gerade so gut drin und in Wegwerf-Stimmung.

Meine drei Handpuppenköpfe warten mit leicht vorwurfsvollem Blick auf ihre Körper, aber ich fühle, ich muss erst entmüllen, ehe ich entspannt kreativ loslege.

            
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