Blog 555 - 16.12.2018 - Komödien, Dramen und Besetzungen

Am Sonntag gucke ich mir im Frechener Harlekin-Theater "Othello darf nicht platzen" an. Es ist witzig gemacht und wird schön schnell gespielt.

Hach, ich hätte so große Lust, mal in einer schnellen, witzigen Tür-auf-Tür-zu-Komödie mitzuspielen! Das möchte ich schon seit längerer Zeit, darum ist es verwunderlich, dass ich stattdessen beim "Hexenjagd"-Drama gelandet bin und nächstes Jahr "Die 12 Geschworenen" inszenieren möchte. Beides überhaupt nicht lustig und mit zu wenig Türen. Ich könnte natürlich versuchen, in der Rolle einer lustigen Tante Verwechslungskomödien daraus zu machen, aber besser wäre es wohl, wenn ich mir mal ein passendes Stück aussuche.

Bei der Party am letzten Wochenende bin ich mehrfach aus den sehr warmen Innenräumen in den kalten Außenbereich gegangen, um mich kurz abzukühlen. Manchmal habe ich mich dort mit netten Leuten verquatscht, lange abgekühlt und dabei gedacht: "Wenn ich hier im Abendkleid stehe und friere, könnte ich mich erkälten." Wie schlau diese Überlegung war, zeigt sich zwei Tage später, als ich tatsächlich erkältet bin. Nase zu, Husten, Hals- und Kopfschmerzen. Der Stolz über "hab ich's doch gewusst!" hält sich in Grenzen. Ganz schön blöd. Aber die Gespräche waren ganz schön gut. Ich lege zwei ruhige Tage ein und trinke heißen Tee mit Ingwer und Honig.

Beim neuen Puppenstück wird es drei Handpuppen und einen Stabfigur-Drachen geben. Nach den Köpfen von Prinzessin und Tim Mütze schnitze ich den Königinnenkopf aus Hartschaum, kaschiere alle drei mit Zeitungspapier und lasse sie trocknen. Wie schön, wenn die Charaktere, die es vorher nur im Text gab, jetzt als Persönlichkeiten mit Profil im Wohnzimmer stehen. Sie sind nur ganz kurz fremd und dann sehr vertraut.

Den Drachen werde ich demnächst aus weichem Schaumstoff schnippeln und ihn dann mit Stoff beziehen. Da kommt er mir lebendiger vor. Wobei das ja Quatsch ist, denn am Ende werden alle Puppen total lebendig sein. Auch ein Hartschaumkopf kann lachen, weinen und denken. Das sollte vielen Leuten eine große Beruhigung sein.

Als ich den Köpfen ihren ersten Grundanstrich gebe, sind sie endgültig angekommen: meine drei Darsteller des nächsten Theaterstücks. Im Vorfeld hatte ich überlegt, ob ich wirklich ausgeprägte Gesichtszüge haben will oder ob ich mich für einfache Rundungen mit Bemalung entscheiden soll. Die neutraleren Rundköpfe sind vielfältiger einzusetzen und ich mag sie sehr, aber ich merke, dass die ausgeprägteren Gesichter mehr meinem Stil entsprechen.

Ich überlege kurz, ob ich kleine Wohnwagen bauen soll, in denen sie sich aufhalten, so wie es sich für Künstler gehört, bin aber noch nicht komplett durchgedreht. Außerdem werden wir uns erst, wenn auch der Drache gebaut ist, über Verträge unterhalten. Da ich ihren Text schreibe, dürften sie mich nicht über den Tisch ziehen können. Allerdings führen Puppen ja auch gerne mal ihr Eigenleben und sagen Sätze, über die die Puppenspieler nur staunen können.  

Im früheren "Millowitsch-Theater", das jetzt "Volksbühne am Rudolfplatz" heißt, meistens aber "Diese Volksbühne oder so, die früher das Millowitsch-Theater war" genannt wird, wird "Tratsch im Treppenhaus" gespielt. Eine Komödie, also genau passend für mich. Mitspielen geht aber nicht, denn die Rollen sind schon besetzt. Die Hauptrollen von Heidi Mahler und Peter Millowitsch, was besonders schön ist, weil Heidi Mahler die Tochter von Heidi Kabel vom Ohnsorg-Theater ist, die das Stück in den 60ern mit großem Erfolg gespielt hat, und Peter Millowitsch der Sohn vom Willy, denen früher "Diese Volksbühne oder so, die früher das Millowitsch-Theater war" gehörte. Die Kinder der beiden legendären Volkstheatergrößen aus Hamburg und Köln spielen zusammen ein Volkstheater-Kultstück in einem kultigen Volkstheater.

Der Abend macht großen Spaß. Auch wenn - oder gerade weil - alles in etwas langsameren als heute üblichem Tempo gespielt wird und ein wenig betulich wirkt. Das gefällt mir aber gerade gut und ich finde es klasse, dass ganz bewusst nicht modernisiert wurde. Ich falle in frühere Zeiten zurück, freue mich über in perfektem Timing auf- und zuklappende Türen, Verwechslungen und witzige Situationen. Und ich bin begeistert von Heidi Mahler. Sie spielt mit einem solchen Schwung und großer Freude, dass sie alle Zuschauer mitreißt. Eine dankbare Rolle, aber auch eine großartige Spielerin. Peter Millowitsch spielt wie immer, also etwas mimik- und reaktionsarm, ein stoischer Fels in der Brandung, aber um ihn herum wird von allen Kollegen so viel gewirbelt, dass das kaum auffällt.

Es ist ein sehr schöner Abend. Ich denke zwischendurch daran, dass Heidi Mahler und Peter Millowitsch ein ähnliches Schicksal haben. Sie werden immer, immer, immer "die Tochter von Heidi Kabel" und der Sohn von "Willy Millowitsch" bleiben. Beide Eltern stehen auf der Bühne wie Schatten hinter ihnen und es wird nach Ähnlichkeiten - die eindeutig vorhanden sind - geguckt. Das ist sicher nicht einfach. Aber auch die "Volksbühne am Rudolfplatz" wird für lange Zeit das "Millowitsch-Theater" bleiben. Das muss man als Wertschätzung nehmen und mit Dynastien-Stolz tragen.

Heute Nachmittag ist der Vorstellungs- und Besetzungstermin für "Die 12 Geschworenen". Ein Stapel von Papieren liegt bereit. Es sind lange Listen zum Ausfüllen wie von übereifrigen Beamten entwickelt. Ich würde das Stück gerne Ende 2019 aufführen und muss wegen der geplanten Termine und der relativ vielen Mitspieler frühzeitig mit der Organisation beginnen. Oder früh die Erkenntnis bekommen, dass es nicht klappt, weil ich nicht genügend passende Leute zusammenbekomme. Noch bin ich sehr positiv eingestellt und glaube fest, dass es klappt. Ich kann mich nur mit Mühe zurückhalten, die ersten Requisiten zu kaufen. Damit sollte ich aber wirklich warten, bis ich sicher bin, dass im Juni die Proben beginnen werden. Und nein, ich werde "Die 12 Geschworenen" nicht mit Puppen spielen.

            
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