Blog 554 - 09.12.2018 - Rainald Grebe, Oscarparty und zu viel Text

Der Montag beginnt mit dem Blick auf Freitag. Für Freitag kündigt der Wetterbericht wolkenbruchartige Regenfälle an, und ich werde mit einem kleinen Pavillon-Stand auf einem Schulhof stehen und Teil des Adventmarktes sein. Mit Papierbüchern auf einem völlig verregneten Adventmarkt zu stehen, bei dem es wegen des Regens vermutlich kaum Besucher geben wird, erscheint mir nicht als beste Idee. Ich bleibe aber entspannt. Wer weiß, was sich das Wetter bis zum Freitag noch überlegt. Hagel, Schnee und Sturm?

Endlich bin ich mal wieder bei einem Rainald-Grebe-Konzert. Ich freue mich darauf, mache mich aber trotzdem etwas seufzend auf den Weg, denn ich habe gerade so überhaupt keine Lust im Feierabendverkehr nach Köln zu fahren, dann vor dem Gloria-Theater in der Warteschlange anzustehen, im Saal stehend auf den Konzertbeginn zu warten und dann noch ein ganzes Konzert lang inklusive der Pause zu stehen. Kaum stehe ich vor dem Theater, ist die Freude aufs Konzert schon größer als die Mühe.

Witzigerweise füllt sich der Saal verkehrt herum. Zuerst stellen sich fast alle Besucher nah an die Seitenwände und die hintere Theke, dann füllt sich von dort der Raum langsam nach vorne. Vor der Bühne bleibt es lange leer. Ich möchte gerne einen Platz in etwa Reihe 3 haben, aber das ist gar nicht so einfach, wenn erst lange niemand kommt und sich dann keiner traut, sich vor mich zu stellen. Geschickt schaffe ich es, ein Pärchen in die extra große Lücke vor mir zu lotsen, das danach Blickkontakt mit mir vermeidet, weil es glaubt, es hätte sich brutal vorgedrängelt.

Rainald ist mit der "Kapelle der Versöhnung" da, die aus Marcus Baumgart (Gitarre), Martin Brauer (Schlagzeug) und Serge Radtke (Bass) besteht. Alle klasse, aber besonders Martin fällt mir wieder auf, der sehr exakt und unglaublich vielseitig an seinem Schlagzeug arbeitet. Wo der 4/4-Takt ausreichen würde, baut er immer noch irgendwelche 7/8-Schläge und weitere rhythmische Zwischentöne ein. Großes Kino.

Ein Rainald Grebe Konzert ist bei mir nicht nur das aktuelle Konzerterlebnis, da spielen auch viele andere Sachen rein. Ganz frühe Konzerte, seine Stimme, die meine Seele trifft, Textzeilen, die ich sehr mag, Traurigkeit, verborgen unter Gelächter, das große, unglaubliche Waldbühnenkonzert, das wunderbare Robinsonkonzert und seine authentische Unabhängigkeit, die mich in meinem eigenen Leben und Arbeiten sehr bestärkt hat. Außerdem habe ich bei Gesprächen mit Rainald zum ersten Mal wieder gedacht, dass ich doch immer gerne Puppenspielerin geworden wäre. Ein nur noch glimmender Funke loderte plötzlich wieder hoch bis es "brannte". Schon allein dafür bleibt Rainald Grebe in meinem Leben immer ein wichtiger Teil.

Insgesamt fünf Stunden stehe ich für das Konzert vor und im Theater herum, denke aber keine Sekunde lang, dass sich das nicht lohnen würde. Wie schön, endlich mal wieder dabei zu sein!

Ein verwunschenes, verlassenes, völlig verwildertes Stück Land zu entdecken und Stück für Stück freizulegen hat etwas Abenteuerliches. Zunächst ist kaum ein Durchkommen, weil Äste, Efeu und meterhohe Rosenzweige zu einem Gewirr verwachsen sind, aber irgendwann gibt es die ersten schmalen Durchgänge und es ist zu ahnen, dass dort mal ein durchaus begehbarer Garten entstehen könnte.

Ein bisschen peinlich ist, dass der verwilderte Gartenteil mein eigener ist. Hinter dem Haus, wo ich nicht oft hin muss, aber es wird Zeit, dass dort ein bisschen Platz gemacht wird, ehe die Rosen eine undurchdringliche Hecke bilden, was sie jetzt schon versuchen. Ich bin Puppenspielerin, da muss doch ein Prinz jederzeit reinkommen können! Jedenfalls habe ich jetzt für einige Wochen - oder Monate - das Betätigungsfeld "Dschungel lichten", wann immer ich Bewegung an der frischen Luft haben möchte.

Am Freitagmorgen zeigt der Wetterbericht für den Nachmittag: Viel Regen. Sehr viel. Außerdem Wind. Ich bleibe entspannt, mache mir keine sorgenden Gedanken und packe die Sachen für den Adventmarkt zusammen. Pavillon, Tische, Stuhl, Bücherkisten, Deko. Im schlimmsten Fall regnet es wie aus Eimern, in einer Windböe fliegt mir der Pavillon weg und alles wird nass. Ja und? Drama ist anders. Kaum ist alles zusammengepackt, kommt eine Mail mit der Information, dass der Adventmarkt wegen Regen und Wind in den Innenbereich verlegt ist. Na also. Es lohnt sich nicht, sich im Vorfeld Sorgen zu machen, weil es dann oft anders kommt. Ich räume den Pavillon, die Tische und den Stuhl wieder zurück und lade den Rest ins Auto.

Weil der Adventmarkt an einer Grundschule stattfindet, sind meine Bücher genau passend für das Alter der Kinder. Das sehen allerdings einige Mütter gar nicht so. Mehrfach gucken Mütter mit nebenstehenden Grundschulkindern in ein Buch und schlagen es sofort wieder zu: "Nein! Zu viel Text!" oder auch ein entsetztes: "Das ist mir zu lang!" Hallo? Wieso trauen sie den Kindern nicht zu, dass sie auch mal ein längeres Buch lesen? Auch wenn das für manche Leseanfänger vielleicht mühsam ist, gibt es als Belohnung doch eine spannende, lustige Geschichte, die neben dem Spaß auch ein Erfolg ist, wenn man sie geschafft hat. In Bücher wächst man rein. Vor was wollen diese Mütter ihre Kinder bewahren? Sagen sie bei Mathe-Hausaufgaben auch "Zu viele Zahlen und zu kompliziert"? Und wundern sie sich später, dass ihre Kinder sofort aufgeben, wenn es irgendwo anstrengend wird? 

Obwohl der Adventmarkt in der überdachten Aula recht schön ist, wird an den Ständen nicht viel verkauft. Fritten, Waffeln und Bratwurst sind deutlich beliebter. Es wird geschlendert, geguckt und gegessen. Immerhin habe ich einige sehr nette Leute am Stand, verkaufe auch einige Bücher und bleibe trocken. Über Mütter, die ihre Kinder mit ihrem abwehrenden Verhalten vom Lesen abhalten und ihnen vermitteln, dass Bücher, die nicht in wenigen Minuten durchgelesen sind, sofort zugeklappt und weggelegt werden, kann ich danach noch lange verständnislos den Kopf schütteln. Am liebsten würde ich die Mütter schütteln, aber sie würden wohl nicht mal verstehen, warum.     

Die Woche endet mit einer großen Oscar-Feier. Eigentlich ist es ein runder Geburtstag und das Geburtstagskind heißt nicht mal Oscar, aber das hindert ja nicht, mit rotem Teppich und Hollywood-Flair zu feiern. Ich werfe mich in passende Abendgarderobe und feiere plus Gatte plus Sohn mit.

Nach Passieren der ordnungsgemäßen Security und dem Foto auf dem roten Teppich ist es eng, laut, warm. Kellner quetschen sich mit erhobenen Tabletts durch die Menge, es wird getanzt, gesungen, gegessen, getrunken, es werden Oscars verliehen, ich treffe Leute, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe und Leute, die ich erst letzte Woche noch gesehen habe. Kurz: Es ist eine perfekte Party für viele fröhliche Gäste und ein glückliches Geburtstagskind. Aus Man-muss-ja-nicht-jeden-erkennen-Gründen ist das folgende Foto etwas bearbeitet. Aber die Stimmung ist zu sehen.

            
Blogübersicht
 nächstervorheriger