Blog 553 - 02.12.2018 - Lesungen, Cream Tea, indische Kneipe und Maybebop

"Tim Mütze" - der Name gefällt mir immer noch für meinen Handpuppen-Hauptdarsteller und der wird bleiben. Kaum weiß ich den Namen, sehe ich beim Schnitzen des Hartschaums genau, wo noch Material weg muss und wo es stehen bleiben kann, damit am Ende der Kopf von Tim Mütze übrig bleibt. Mir fällt auf, dass aus viereckigen Hartschaumwürfeln, viereckigen Stoffstücken und viereckigen Brettern später ein buntes Handpuppentheater mit sehr lebendigen, runden Figuren entsteht, bei dem man an Vieles denkt, aber nicht mehr an Viereckiges.

Im Gegensatz zur letzten, sehr ruhigen Woche, ist in dieser viel los. Zuerst besuche ich eine abendliche Lesung, die interessant, aber auch anstrengend ist. Es gibt viele ungewohnte Namen, viele verwirrende Beziehungen und eine altmodische Ausdrucksweise mit gewundenen Sätzen, die volle Aufmerksamkeit erfordert. Nach einer Stunde und zehn Minuten wird das Buch abgelegt, es gibt Applaus, und die Vorleserin sagt freundlich: "Wir machen jetzt eine kleine Pause, danach geht's weiter." Der zweite Teil dauert nochmal eine Stunde, und ich sehe, wie Frauen den neben ihnen sitzenden Männern ihre Ellbogen in die Seite rammen, wenn sie eindösend zusammensacken. Es wird sehr gut vorgelesen, aber es zeigt mir, dass straffes Kürzen manchmal besser sein kann als zu viel und zu lange vermitteln zu wollen.

Am nächsten Tag mache ich auf dem Weg zu einer anderen Lesung einen Schlenker bei Eifel-Waldi vorbei. Das ist der Walter aus der Sendung "Bares für Rares", der gerne - auch bei hochpreisigen Sachen - als erstes Gebot 80 Euro bietet. In seinem Laden wollte ich mich schon länger mal umsehen und jetzt liegt er fast auf dem Weg. Netterweise steht "Waldi" schon an der Tür und klemmt Weihnachtsbeleuchtung an eine Tanne. Wir unterhalten uns kurz über fehlende Weihnachtsstimmung, er ist locker und nett wie ich erwarte und er duzt mich unbefangen: "Ja, geh rein, guck dich um!" 

Drinnen ist es voll und eng, es gibt viel Ramsch, aber gerade den finde ich ja oft klasse. Allerdings gibt es gerade nichts, das ich total gerne haben möchte und für das ich die erstaunlich hohen Preise auf die Hälfte runterhandeln müsste. Außer einem großen Kronleuchter, für den ich sowieso keinen Platz hätte. Sehr witzig ist, dass ich während meines Rundganges die Gespräche von außen zwangsläufig mithöre. Dort steckt und stöpselt Waldi Stromkabel an die Beleuchtung, verlangt nach weiteren Kabeltrommeln, kommentiert alles in seiner typischen Art und fragt sich mehrfach laut, warum "dat Jelump" nicht leuchtet. Nach bestimmt zehn Minuten höre ich ihn erleichtert ausrufen: "Isch hatt de Stecker nit drin!", womit das Problem gelöst ist. Danach folgt ein entspanntes: "Jetzt trink isch erstmal en Kaffe." Ich freue mich sehr, weil mein Besuch mit Gucken, Stöbern und Hören ein rundum authentisches Erlebnis ist.

Es geht weiter nach Hillesheim zum Kriminalhaus. Dort liest am Abend Ulrike Bliefert aus ihrem Thriller "Die Samariterin". Nach einem kleinen Rundgang durch die Stadt und an der alten Stadtmauer entlang, setze ich mich im Kriminalhaus ins Café Sherlock, um mich aufzuwärmen und eine Teepause zu machen.

Ins "Café Sherlock" wollte ich schon lange mal. Dort geht es um Krimis und jeder Tisch ist liebevoll nach bekannten Ermittlern gestaltet. Ich sitze am Berndorf-Tisch, (ein Krimiautor aus der Eifel), und unter der gläsernen Tischplatte liegen dekorativ eine Hand und ein Revolver im Herbstlaub. Zu meinem großen Entzücken gibt es auf der Speisekarte auch Cream Tea, eine Spezialität aus Südengland, die sich vom starken Tee über warme Scones bis zur Clotted Cream als äußerst lecker erweist. Wunderbar!

Überraschenderweise muss ich zur Schließzeit des Cafés nicht gehen und noch eine Stunde Runden durch die kleine, kalte Altstadt ziehen, sondern kann bis zum Beginn der Lesung gleich sitzen bleiben. Ich wechsel zum "Gasthaus-an-der-Themse"-Tisch, bestelle mir noch eine Kanne Tee und freue mich, Ulrike Bliefert endlich mal live zu erleben. Die Lesung ist in der gemütlichen, krimigetränkten Atmosphäre ganz besonders passend.

Ulrike Bliefert liest toll und zwischendurch macht sie kleine Pausen, erzählt und unterhält sich mit den Zuhörern. Sie ist genauso warmherzig, freundlich und mit einem Blick für die kleinen und doch so wichtigen Sachen, wie ich es mir gedacht hatte. Der Thriller startet spannend, aber nicht blutrünstig. Es geht um Abhängigkeiten und Wertschätzung, und schon nach den ersten vorgelesenen Seiten habe ich sorgende Bauchschmerzen um die naive Hauptdarstellerin. Hach! Ich freue mich, diesen Abend zu erleben. Und ins Café Sherlock werde ich nochmal gehen, auch ohne Lesung.

Am nächsten Tag bin ich selber die Vorleserin in einer Grundschule, die die Neueinweihung ihrer Schulbibliothek feiert. 250 Kinder drängen sich auf Bänke und Stühle, Lesemütter und Ehrengäste sind da, und es ist eng, laut und turbulent. Mein Beamer macht Probleme, aber es fällt kaum auf, dass er schnell noch ausgetauscht wird. Dann lese ich zum ersten Mal den "Frosch" in einer Schule. Für normale Schulstunden ist er zu kurz, aber hier passt er perfekt rein.

Die vorher in jeder Programmpause sofort laut hochgedrehten Kinder sind ganz leise, hören sehr gebannt zu, lachen an den richtigen Stellen und bekommen große, mitfühlende Augen als der Prinz von der Prinzessin rausgeworfen wird. Als er am Ende wieder zum Frosch wird, sehe ich zufriedenes Lächeln und erleichtertes Aufatmen vor mir. Auch der Puppen-Prinz ist mit angereist und zeigt mit seinem Kurzbesuch, dass aus schwarzen Buchstaben erst Geschichten, dann Bilder in Köpfen und Büchern und am Ende sogar lebendige Schauspieler für ein Puppenstück werden können.

Nach der Lesung fahre ich weiter nach Düsseldorf. Dort geht es ins Punjabi, ein indisches Restaurant, das von außen wie eine alte Düsseldorfer Eckkneipe aussieht und von innen - wie eine alte Düsseldorfer Eckkneipe. Nur das Essen ist indisch, was ein bisschen skurril wirkt, dann aber doch witzig und originell ist. Eine indische Düsseldorfkneipe.

Vermutlich müssen die engagierten, sehr freundlichen Besitzer erstmal Geld mit dem neuen Lokal verdienen, ehe sie die optischen Rahmenbedingungen dem Essen anpassen können, aber wer mal in der Nähe ist (Oberbilker Allee 202), sollte sich auf keinen Fall von der deutschen Kneipenoptik abschrecken lassen. Das indische Essen ist sehr lecker, frisch gemacht und wirklich empfehlenswert. Und wo bekommt man das schon in einer rheinischen Kneipe?

Danach geht's ins Düsseldorfer Savoy-Theater, wo die A-capella-Gruppe Maybebop ein Weihnachtskonzert gibt. Ich bin nicht in Weihnachtsstimmung, aber traditionell im Dezember die weihnachtlichen Maybebops anzuhören, könnte ein persönlicher Brauch werden. Das Konzert ist klasse. Stellenweise besinnlich, dann wieder lustig, sehr kurzweilig und auf jeden Fall ein musikalischer Genuss. Was die zu viert singen können, ist schon beeindruckend.

Als nach der Zugabe die Tonanlage im Haus kurz ausfällt, singen sie zur Überbrückung ein Lied ganz ohne Verstärkung. Auch wenn mir das offizielle Konzert außerordentlich gut gefällt, bleibt mir der wunderschöne, berührende, unverstärkte Klang ganz besonders im Herzen.

Am Wochenende laufen die letzten Dezember-Vorstellungen des Theaterstücks. Nachdem ich bei den Proben oft tief durchatmen musste, werde ich langsam gelassener. Ich spiele meine Rolle - wie auch alle anderen Mitspieler - mit voller Energie, freue mich, dass wir gemeinsam gut durchkommen und versuche ansonsten nicht viel darüber nachzudenken.

Aus gutem Grund lade ich einige Freunde nicht zum Zusehen ein, weil ich weiß, dass sie genau die Inszenierungsbrüche sehen, die ich auch sehe. Aber ich akzeptiere, dass andere Zuschauer vom Stück und vor allem von der Energie der Spieler begeistert sind. Manchmal komme ich mir wie ein arroganter Weinkenner vor, der zusieht, wie Wein aus dem Tetrapack getrunken wird und die Leute: "Mmh, lecker!" sagen hört. Der nickt dann auch höflich und denkt: "Meine Freunde vom Weinverkosten lade ich lieber nicht ein." Aber auch im Tetrapack ist Wein und manchen reicht der eben wirklich und es fehlt ihnen nichts im Aroma. Während ich beim Wein vermutlich mit dem Tetrapack zufrieden wäre, möchte ich es beim Theater feinaromatischer haben. Ist halt so.

Neben Tim Mütze ist jetzt auch die Prinzessin da und es fehlt nur noch die Königin. Da weiß ich bisher nicht, ob sie herrschsüchtig oder eher naiv-blöd ist. Beides ist möglich. Ich tendiere gerade zu blöd.

            
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