Blog 552 - 25.11.2018 - Spieltexte, Charaktere und Namensprobleme

Frei! Nach den vielen abendlichen Probeterminen der letzten Zeit kann ich es doppelt genießen, zufällig nicht nur tagsüber terminlos zu sein, sondern auch an den Abenden einfach rumsitzen zu dürfen. Vor allem, weil eine Erkältung schon im Hals kratzt. Kein Wunder, nach den vielen Stunden, die ich eng gedrängt mit 13 Leuten in einer kleinen Garderobe saß, von denen mindestens fünf husteten und schnieften. Bei der Sonntagsaufführung war es zudem sehr kalt. Jetzt trinke ich heißen schwarzen Tee mit Milch, Honig und viel frischem Ingwer und versuche die Viren damit abzuschrecken. "Erkältungstee Latte" - ziemlich lecker!

Für den sogenannten "Casting"-Termin Mitte Dezember für "Die 12 Geschworenen" bereite ich einen Leseausschnitt vor und beschäftige mich ausgiebig mit den Rollen. Die zwölf Charaktere sind unterschiedlich angelegt, und ich muss nach dem Treffen schnell und sicher entscheiden können, welche Spieler in welchen Kombinationen für welche Rollen einsetzbar wären. Nicht jeder Spieler kann überzeugend cholerisch oder glaubhaft ungebildet oder kühl analytisch rüberkommen. Für das Stück ist es aber wichtig, dass die Charaktere und ihre Gegenspieler stimmen.

Auch den Spieltext überarbeite ich. Aus der ursprünglichen Männer-Besetzung wird ein gemischtes Ensemble, - was Änderungen in Anreden und Formulierungen verlangt -, das Rauchen, - in den 50er-Jahren völlig selbstverständlich und im Stück ein Zeichen für männliche Lässigkeit -, streiche ich komplett, und Begriffe wie "Sing-Sing", ersetze ich durch "Knast", weil ich das passender finde. Auch den "Schwanzclub" als frühere Bezeichnung für einen Sportverein, der an hinterer Stelle der Tabelle steht, finde ich heutzutage sehr missverständlich und nicht im Sinn des Autors. Als ich durch bin, lese ich den kompletten Text laut vor. Alle zwölf Rollen, im geschätzten Spieltempo, inklusive Geschrei, Gesprächspausen und mit Stoppuhr.

Es zeigt sich, dass der erste Teil etwa 80 Minuten dauern wird, was zu lang ist, der zweite dafür nur knappe 40 Minuten, was zu kurz ist. Aber die gewählte Stelle für die Pause ist dramaturgisch perfekt und an der Gesamtlänge von zwei Stunden auch nichts auszusetzen, darum lasse ich es genau so. Im Prinzip könnte ich mit der ersten Probe beginnen. Es gibt nur noch keine Mitspieler.

Ebenfalls noch keine Mitspieler gibt es beim neuen Handpuppenstück "Ein Drache für die Königin". Auch dort bearbeite ich die letzten kleinen Textdetails, dann ist es fertig geschrieben. Fast. Denn nach dem Rauswurf des typischen "Kasperle" hat die Hauptfigur noch keinen neuen Namen. Sie hatte einen, aber den streiche ich beim Überarbeiten, weil er mir doch nicht gefällt. Stattdessen finde ich einen neuen Namen passend, den es aber, wie ich kurz danach feststelle, schon bei einem Puppenstück gibt. Nicht komplett, aber als Nachname. Nee, dann will ich den nicht. Ich sitze vor einem Zettel und überlege Namen, aber bei keinem bin ich spontan begeistert. "Tim Buktu" oder "Tim Tonic" sind nur schräg, aber nicht für meinen Puppendarsteller geeignet.

Von Aussehen der Figur weiß ich nur, dass sie nicht so erwachsen wie der Kasperle sein soll. Charakterlich schon ähnlich, dann aber doch jünger und anders. Es soll irgendwie ein netter, frecher, unabhängiger, vielleicht sommersprossiger, auf keinen Fall rothaariger Junge sein. Wenn ich seinen Namen hätte, wüsste ich auch, wie er aussieht. Am besten schnitze ich einfach mal los, denke ich, dann ergibt sich beim Schnippeln vielleicht das passende Gesicht und der Name kommt von ganz alleine.

Wenn nicht, habe ich demnächst vielleicht dreißig Rohformen für Handpuppenköpfe in der Kiste, die mal in anderen Stücken mitspielen können.

Am Samstagabend läuft die erste der beiden Wochenend-Theateraufführungen. Diesmal habe ich mir extra eine Jacke und einen Schal in die Garderobe mitgebracht, um nicht zu frieren, aber diesmal ist es warm. Es wird auch kaum noch gehustet und geschnieft. Stattdessen wird auf der Bühne ein bisschen mit dem Text jongliert, was hin und wieder zu kurzer Schnappatmung führt, aber über Schlenker und Umwege dann doch immer klappt.

Während ich wartend in der Garderobe sitze, fällt mir plötzlich ein Name für den Puppenhauptdarsteller ein: Tim Mütze. Kurz, nett, kindgerecht. Ja, den finde ich spontan ziemlich gut. Mal sehen, ob es dabei bleibt und ob es bald einen passenden Kopf dazu geben wird.

            
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