Blog 550 - 11.11.2018 - Lesungen, Tomaten und Mauerrisse

Am Sonntagvormittag geht es gleich mit einer Matinee im Kölner Schauspielhaus los. Eva Menasse, die Autorin von "Vienna", dem "Buch für die Stadt" ist da, wird befragt, erzählt und liest vor. Nicht nur, dass die Veranstaltung eine sehr gute Vorbereitung auf die eigene Lesung ist, Eva Menasse ist auch äußerst sympathisch. Mit blitzenden Augen, morbidem Wiener Humor, intelligent und lebendig erzählt sie und kann außerdem sehr gut vorlesen, was nicht alle Autoren können. Ich finde sie sofort klasse. Noch motivierter als schon vorher komme ich nach Hause.

Das Buch wird auch in meiner Stadt komplett vorgelesen, an jedem der acht Abende zwei Kapitel. Im Sommer war ich beim Blick in den Kalender noch sicher, dass ich alle Lesungen der Kolleginnen und Kollegen besuchen kann, aber da war nicht abzusehen, dass jetzt so viele Theaterproben angesetzt sind. So kann ich leider nur die schöne Lesung von Helga Diers anhören (Kapitel 9+10), bei der ich mich über den Wiener Akzent freue, und meine eigene (Kapitel 11+12) machen. Die macht mir Spaß und klappt gut, aber ich finde es trotzdem sehr schade, dass ich so viel von den anderen Vorlesern verpasse. Es wäre runder und schöner das Projekt komplett zu erleben.

Die Proben für das anstehende Theaterstück finden jetzt sehr häufig statt. Ich halte mich widerspruchslos an die Anweisungen der Regisseure, würde einiges aber ziemlich anders machen. Bei mir gäbe es viel mehr Bewegung auf der Bühne und ich würde deutlich mehr an der Sprache und den damit zusammenhängenden Emotionen arbeiten. Auch die Nachvollziehbarkeit von Handlungen, Reaktionen und Konzept entspricht nicht dem, was ich persönlich für wichtig halte. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass auch kleinste Szenen hinterfragt sein müssen, um ein Stück logisch und rund zu machen. "Andere Regisseure legen eben Wert auf andere Darstellungsformen", sage ich mir, aber ich merke, dass ich nicht zufrieden bin, weil ich anders arbeiten will und mehr erwarte.

Zum Glück sind alle Leute nett, es ist stressfrei und wir haben als Gruppe Spaß zusammen. Trotzdem lerne ich daraus, dass ich nur noch dort mitmachen werde, wo Arbeitsweise, Ansprüche und Ziel des Regisseurs ungefähr meinen entsprechen. Das macht mir persönlich einfach mehr Freude.

Nach dem langen, heißen, trockenen Sommer gibt es jetzt einen viel zu warmen und ebenfalls trockenen Herbst. Die ersten Unkräuter - ja, ich weiß, dass man sie "Wildkräuter" nennen sollte, aber "Wildkräuter" hören sich lecker nach Salat an, während das, was in meinem Garten sitzt, zwar oft hübsch aussieht, aber den Plan hat, alles andere mithilfe springender Samen und unterirdischer Ausläufer zu überwuchern. Die "Unkräuter" also wachsen frühlingshaft im Rekordtempo und blühen kräftig, und die Tomaten und Zucchini hören einfach nicht auf, Früchte zu produzieren. Selbst an einer Weinrebe haben sich neue Traubenansätze gebildet. Im Prinzip finde ich es nett, dass es nicht so herbstlich kalt und nass ist, aber im November frischen Tomaten im Garten zu ernten, ist mir auch unheimlich.

Ich nutze das schöne Wetter, um blühende Unkräuter zu entfernen, pflanze einige Sachen um und schneide große Büsche klein. Meine Apfelbäume schiebe ich ins Frühjahr - also nicht die Bäume selber, sondern die Entscheidung welche Sorten ich nehme und wohin ich sie pflanze. Ich könnte jetzt zwei Exemplare in einer Baumschule holen und an meine ausgeguckten Stellen setzen, aber ich habe das Gefühl, dass sich beim weiteren Bearbeiten der zugewachsenen Bereiche noch andere Ideen ergeben könnten. 

Außerdem repariere ich eine Mauer. Im Baumarkt löse ich fröhliches Gelächter bei einem der älteren Fachverkäufer aus, als ich nach dem passenden Mörtel frage, um Risse in einer Mauer zu füllen. Sein Blick sagt: "Blonde Frau ohne Ahnung", und höchst amüsiert über meine dumme Idee erklärt er mir sanft, dass man die Risse nicht füllt - ha ha ha -, sondern die Mauer abreißt und neu baut. Ich warte auf: "Fragen Sie mal Ihren Mann, wie man das macht", aber das verkneift er sich.

Jetzt fällt die Mauer aber nicht wackelig auseinander, sondern hat Setzrisse, die entstanden sind, nachdem unter ihr mit viel Bohrerei eine neue Wasserleitung verlegt wurde. Übrigens nicht von mir, sondern von Männern des Wasserwerks. Freundlich sage ich dem fröhlichen Verkäufer, dass es sich nur um Setzrisse handelt, ich vermeiden möchte, dass sich im Winter erst Wasser und dann Frost reinsetzt und ich die Mauer selbstverständlich neu mauern würde, wenn sie baufällig wäre, was sie aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht ist. Er zeigt etwas überrumpelt auf einen großen Mörtelsack, ich zeige auf das Fach darüber und erkläre, dass ich nur den kleineren 10-Kilo-Sack brauche und ja, ich weiß, wie wenig Mörtel nach dem Anrühren dabei rauskommt, aber das ist genau die Menge, die ich brauche. Dann bedanke ich mich für seine Hilfe, packe den Mörtelsack unter den Arm, marschiere zur Kasse und überlege, was ich machen soll, wenn die Mauer tatsächlich mal wackelt.

Ich habe zwar schon Wände verputzt, Fliesen geklebt und Zement in Lücken gestopft, aber noch nie gemauert. Das muss aber der Verkäufer nicht wissen. Ich schließe nicht mal aus, dass ich das kann. Nicht unbedingt ganz gerade, aber bestimmt stabil. Mir fällt ein, dass ich vor etwa dreißig Jahren mal ein kleines Regal aus Ytongsteinen gemauert habe, das am nächsten Tag auseinanderfiel. Ich bin aber ziemlich sicher, das lag nur am noch nicht durchgetrockneten Kleber. Jetzt warte ich erstmal ab, wie lange die reparierten Risse halten. Vielleicht länger als der Rest der Mauer.

            
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