Blog 549 - 04.11.2018 - Textbeschäftigungen als Landei

Beim Bearbeiten und Kürzen meiner Vorlese-Kapitel zum "Buch für die Stadt" bin ich etwas spät dran. Es ist gerade so viel anderes zu tun, dass ich die Konzentrationsarbeit gerne verschiebe. In der nächsten Woche ist aber schon der Termin, darum muss ich loslegen. Mit einer großen Tasse Tee, dem Buch und einem Stift setze ich mich an den Schreibtisch und streiche radikal für die Geschichte unwichtige Nebenschauplätze. Das geht in diesen zwei Kapiteln schneller und einfacher als ich vorher befürchte. Einige jüdische Begriffe muss ich nachschlagen - ich habe keine Ahnung, was Haganah, Halacha und Rosch Haschana sind - und eine kurze tschechische Bemerkung von Google übersetzen lassen, dann sind die Vorbereitungen abgeschlossen. Das Endergebnis ist flüssig und logisch und wird etwa 60 Minuten dauern.

Jetzt muss ich nur noch mehrfach laut lesen, um haspelfrei vortragen zu können. - Erst in diesem Moment überlege ich, ob ich tatsächlich für die Kapitel 11 und 12 zuständig bin, wie ich das irgendwie im Kopf habe, oder ob ich mir jetzt die ganze Arbeit gemacht habe und dann doch was ganz anderes lesen muss. Ups. Vorsichtig gucke ich in den Unterlagen nach: Kapitel 11 + 12. Zum Glück!

An einem Nachmittag bin ich in Köln unterwegs, wo ich in mehreren Geschäften nach verschiedenen Dingen gucken möchte und am frühen Abend meine Eltern am Bahnhof abhole. Ich laufe in der Innenstadt herum, stöbere in Regalen, fahre Rolltreppen, bewege mich in der Menge, falle äußerlich nicht auf, aber fühle mich unwohl. Nach meinen überlangen Ferien, die ich vorwiegend alleine und weitgehend terminfrei verbracht habe, ist mir Köln zu voll. Außerdem blinken die ersten Weihnachtsdekorationen, was mir völlig unpassend vorkommt, weil der Sommer doch gerade erst vorbei ist.

Es ist nicht so, dass ich mit dem Gewusel und der Stadtatmosphäre nicht klar komme, aber ich bin nicht gerne länger mittendrin. Andere aktiviert es, mich kostet es Energie. Vielleicht werde ich auch zum Landei. Ich kann mir jedenfalls überhaupt nicht vorstellen, jemals mitten in einer Stadt leben zu wollen. 

Wenn ich zwischendurch mal Zeit habe, beschäftige ich mich schon recht intensiv mit den "12 Geschworenen", dem Stück, das ich Ende des nächsten Jahres machen möchte. Ich gehe die Charaktere durch, ihre Veränderungen und die Beziehungen zueinander. Wo zieht das Spieltempo an und wo ist es langsam und entspannt? Welche der Männerrollen könnten auch Frauen übernehmen, bei wem muss ich auf wichtige Eigenschaften achten? Hach, das Stück ist so klasse! Spannend wie ein Kriminalfall, sehr gut geschrieben und raffiniert aufgebaut.

Obwohl ich schon vorbereite, ist noch nicht sicher, dass die "Geschworenen" gespielt werden. Ich muss erst abwarten, ob ich nach dem Vorstellungstermin im Dezember zwölf passende Mitspieler habe. Die Betonung liegt nicht nur auf "zwölf", sondern auch auf "passend". Es muss Männer und Frauen geben, einige müssen sanft sein, andere aggressiv brüllen können, manche müssen schon älter sein, damit es logisch zur Rolle passt und auf der Bühne müssen sie später in einer jetzt schon vorgegebenen Reihenfolge sitzen, gut gemischt in Geschlecht, Alter und Rollencharakter. Und als wäre das nicht schwer genug, müssen alle Mitspieler in den festgelegten Probewochen Zeit haben und nicht zufällig Urlaub machen wollen, denn bei den Proben sollten immer alle zwölf Darsteller anwesend sein. Noch habe ich das Gefühl, dass es klappt. Aber ich bin ja grundsätzlich optimistisch.

Damit mir zwischendrin die Texte nicht ausgehen, gucke ich schnell mal beim Bücherbasar im heimischen Krankenhaus vorbei und komme mit 48 neuwertigen Büchern zum Gesamtpreis von 20 Euro nach Hause. Darunter zwei Bücher, die ich mir demnächst sowieso kaufen wollte, einige, die ich schon länger mal lesen wollte und unerwartete Sachen, wie Biographien über Hildegard Knef und Sarah Bernhardt. Die winterlichen Lesestunden sind erstmal gesichert.   

Es ist Anfang November und draußen sitzt noch ein Admiral am Fensterrahmen und wärmt sich in der herbstlichen Sonne. Das ist einer der Gründe, warum ich lieber als Landei Endsommer auf dem Dorf als Weihnachtsgeblinke in der Stadt habe.

            
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