Blog 548 - 28.10.2018 - Vorhänge, Tragetaschen und Bühnenkonzepte

Im anstehenden Theaterstück spiele ich eine religiöse, strenge Frau. Ein langes Kleid, das vorbildlich hochgeschlossen ist, habe ich, leider ist es hinten sommerlich rückenfrei. Das passt nicht ganz zur Rolle. Vermutlich werde ich auch ein den Rücken verdeckendes Schultertuch tragen, aber es könnte einen Lacher geben, wenn ich mich nach moralischen Worten umdrehe und das Tuch verrutscht. Also greife ich zu Nadel, Faden und Nähmaschine, setze ein Futter ein und schließe die Lücke mit meinem Lieblings-Vorhangstoff von Ikea. Der Rest des Vorhangs hängt in Chemnitz vor einem Fenster, aber im Kleid sieht er auch gut aus.

Weil die Nähmaschine gerade aufgebaut ist, nähe ich schnell noch den vor kurzem erworbenen, karierten Stoff zu viereckigen Gardinen für die schwarz-weiße Mini-Gäste-Toilette. Passt, und damit ist der Raum endlich komplett fertig.

Die Finger und die Hirnzellen hibbeln inzwischen herum, weil sie am Handpuppenstück arbeiten wollen, aber das geht noch nicht. Ich bin da ganz streng. Nicht nur die Theaterpremiere steht bald an und bringt gerade verstärkt Proben, auch der Vorlesetermin aus "Vienna", dem "Buch für die Stadt" ist in zwei Wochen. Ich muss nicht nur meine beiden Kapitel noch elegant auf unter 60 Minuten kürzen, ich muss den Text danach auch mehrfach laut lesen und ihn an kniffeligen Stellen mit Betonungs- und Atmungszeichen versehen. Wie soll ich mich da hingebungsvoll meinen Handpuppen widmen? Das geht jetzt nicht, aber bald.

Zwischendurch klebe ich immer mal Flyer auf Papiertüten. Dass ich die Flyer mit den Wortfehlern so gut verwenden kann, freut mich immer noch. Papiertüte alleine wäre langweiliger, Flyer alleine geht nicht wegen falscher Wörter auf der Rückseite, aber beides zusammen ist eine gute Kombination. So entsteht aus Blödheit eine schöne Tragetasche.

Beim Proben fürs Theaterstück gibt es Hürden. Nachdem mein Ehemann das Stück verlassen und mir seinen Text überlassen hat, wurde auch noch ein wichtiger Mitspieler krank. Der Ersatz-Spieler, falls der ursprüngliche Spieler nicht mehr rechtzeitig gesund wird, erkrankt kurzfristig ebenfalls. Bei der Probe holpern wir störungsanfällig herum, weil die Position des Kranken leer ist und wir darum angestrengt in die Luft starren, wenn wir vermeintlich in seine Richtung gucken, während der Text vom Zuschauerraum aus eingelesen wird. Das ist nicht nur irritierend, weil die Dialog-Sätze von der falschen Seite kommen, sie klingen auch anders und werden anders betont als vom ersten Mitspieler und vom Ersatz-Spieler. Das macht es viel schwieriger, das Stichwort und den eigenen Einsatz zu erkennen. Verstärkt wird das Problem, wenn weitere Mitspieler bei der Probe fehlen und ebenfalls eingelesen werden müssen.

Spannend bleibt, ob der ursprüngliche Spieler kurz vor der Premiere zurückkommt, was mich sehr freuen würde. Spannend bleibt auch, ob ich mal eine Probe erlebe, bei der alle da sind und keiner eingelesen werden muss. Ansonsten wird mir drei Wochen vor der Premiere immer noch viel zu wenig an den Charakteren und Szenen gearbeitet, aber da gibt es eben unterschiedliche Einstellungen. Vielleicht tut sich noch was in den nächsten Proben, oder es gehört zum Konzept. Ich bin eher die Regisseurin, die ein Stück komplett für die Bühne gestaltet, vorher viel hinterfragt, plant und schon vor der ersten Probe sagen kann, wer wann wo abtritt. Seit ich Inszenierungskurse bei Bodo Schulte gemacht habe, der Wert auf genau Vorarbeit legt und jede einzelne Szene hinterfragt, hat sich diese Tendenz noch verstärkt.

            
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