Blog 547 - 21.10.2018 - Rundgang, Wortdrehungen und Theaterproduktionen

Am Sonntag lerne ich meinen Wohnort kennen, in dem ich seit über 25 Jahren lebe. Der Historiker und Stadtarchivar Dr. Frank Bartsch zeigt bei einem Rundgang, wo der im Dorf geborene Komponisten Bernd Alois Zimmermann seine Kindheit verbrachte. Dazu gehört nicht nur ein Blick auf dessen Geburtshaus, er erklärt auch anschaulich, wie das Dorf vor zweihundert Jahrten aussah, wie zu Zeiten von Zimmermann und wo unter Denkmalschutz stehende Häuser abgerissen wurden, um viereckig-praktische, seelenlose Häuser dazwischen zu setzen.

Ich lerne über Giebel- und Traufseiten, über vor Fachwerk gemauerte Ziegelfassaden und sehe einen als Fundament verwendeten, steinernen Ablauf, der früher genau an dieser Stelle der untere Teil des Dorfbrunnens war und an dem ich immer vorbeigelaufen bin, ohne ihn zu erkennen. Von der sachkundigen Führung bin ich sehr begeistert. Danach melde ich sofort Interesse an weiteren Führungen in der Umgebung an. Es ist ein Geschenk, einen Stadtarchivar zu haben, der Interesse an allen Details hat und mit Spaß und Energie darüber erzählt.

Das Herbstwetter spielt Sommer, ich spiele mit und werkel im Garten. Kaum bin ich beschäftigt, kommt die Katze an, lässt sich fallen und schläft ein. Auch wenn ich manchmal überlege, ob mein Arbeitstempo zu langsam ist, freue ich mich, wenn sie da ist. Im Prinzip gefällt der Katze gemeinsames Gartenwerkeln ebenso gut wie mir, es sieht bei ihr nur anders aus. Außerdem schnarcht sie dabei leise.

Weil ich dringend neue Buch-Flyer brauche, setze ich mich schnell an den Rechner und arbeite eine alte Flyer-Version auf. Die Bilder etwas heller, das Grün etwas grüner, auf den "Tim" einen neuen i-Punkt. Zack, fertig und ab zur Druckerei. Wie prima, dass das so schnell geht. Als die fertigen Flyer ankommen, werfe ich nach dem lächelnden ersten einen erstarrten zweiten Blick darauf und seufze tief. Von den vielen auf dem Rechner abgelegten Dateien habe ich ausgerechnet die gewählt, die einen Wortdreher hat. Hatte ich damals nicht alle falschen Dateien konsequent gelöscht? Anscheinend nicht.

Jetzt habe ich einen Karton Flyer, auf denen nicht der Frosch zum Prinz, sondern der Prinz zum Frosch wird. Und leider habe ich niemanden, der es schuld ist. Ja, klar, es war die Grafikerin von gurkentee, aber als gute Chefin mache ich daraus jetzt kein Drama. Lohnkürzung oder Urlaubsabzug gibt es nicht. Es gibt ja nicht mal Lohn oder Urlaub.

Mit so einem Wortdrehfehler kann ich die Flyer aber nicht verteilen, auch wenn es den meisten Leuten vermutlich nicht mal auffallen würde. Gerade als ich den kompletten Packen ins Altpapier geben will, kommt eine Blitzidee. Ich habe doch gerade erst grüne Papiertüten für meine Kinderbücher gekauft. Der erste Entwurf für einen übergroßen Stempel, mit dem ich den Schriftzug "gurkentee" darauf stempeln möchte, ist schon gemacht. Aber passt das Grün des fehlerhaften Flyers nicht genau zur grünen Papiertüte und könnte ich nicht einfach den Flyer mit der falschen Rückseite auf die Tüte kleben und würde das Ergebnis nicht dann wie genau so geplant aussehen, ohne dass jemand den Fehler sieht? Gedacht, getan. Ich klebe, gucke, grinse - passt. Da werde ich demnächst abends vor dem Fernseher wohl Tüten kleben. Sorgfältig überlegte, aufwendig designte und perfekt abgestimmte Papiertüten mit gurkentee-Flyer-Bild. Bei gurkentee wird nichts dem Zufall überlassen.

Bevor ich mit dem Tütenkleben beginnen kann, geht es ab ins Sauerland zum Requisitenbauen. Mein Puppenbaulehrer Bodo Schulte fragt an, ob ich spontan helfen kann, denn eine Puppentheater-Premiere steht an und es ist noch viel zu tun. Nicht nur, dass ich prinzipiell gerne in seiner Werkstatt bin und ihn bei vielen Sachen ohne große Erklärungen selbständig unterstützen kann, ich lerne auch jedes Mal Neues dazu. Für mich ist es so etwas wie ein "abwechslungsreiches Theaterbau-Seminar unter Realbedingungen". Diesmal klebe ich Wimpern, nähe Klee, rühre Kleister, zupfe Papier, kaschiere Steine, schmirgel Schmetterlinge, heißklebe Plüsch, schneide Schaumstoff und spachtel Flüssigkleber auf große Teile, die verbunden werden müssen. 

Während ich drei Tage lang konzentriert und gut gelaunt Theatersachen zusammenbaue, bekomme ich riesengroße Lust, auch endlich für MEIN nächstes Stück zu bauen. Es geht mir beim "Fremdbauen" keine Energie verloren, ich komme sogar hochmotiviert nach Hause.

Nicht nur, dass ich jetzt bald mein Handpuppenstück machen und sofort danach mit dem aufwändigeren Klappmaulstück beginnen möchte, ich will auch probieren, ob ich vom Froschstück eine kleinere Version machen kann, die keinen geliehenen Sprinter für den Transport der Bühnenteile und Requisiten braucht. Nachdem ich letztens einige Frosch-Szenen "aus dem Koffer" gespielt habe und das nicht nur unerwartet gut funktioniert, sondern mir auch unerwartet viel Spaß gemacht hat, ist das eine Überlegung wert. Ein einzelner Koffer wird nicht reichen, aber wenn nachher alles in mein eigenes Auto passt, wäre es schon super.

            
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