Blog 545 - 07.10.2018 - Verfall, Bekannte, Herbst, Bühne und Ferienende

Von einem chilligen Ausklingen meiner selbstgewählt letzten Ferienwoche ist nichts zu merken. Im Gegenteil. Ich habe das Gefühl, es ist immer mehr los. Am Sonntag bin ich noch in Chemnitz und mache einen Spaziergang über den städtischen Friedhof. Dort gibt es viele alte, verwilderte Grabstätten, die mir sehr gefallen. Kann ich eigentlich mal beerdigt werden und von vorneherein in eine auseinandergebrochene und eufeuüberwucherte Grabstätte kommen oder muss ich ganz langweilig, gepflegt und neu beginnen?

Zwischen den vielen sanierten Häusern in Chemnitz gibt es immer noch ganze Häuserblöcke, die leer stehen und nicht renoviert werden. Kein Wunder, denn es gibt in der Stadt viele freie Wohnungen, und Geld in die Sanierung zu stecken und die fertigen Wohnungen dann nur vereinzelt vermietet zu bekommen, ist blöd.

Aber ich mag die Atmosphäre der "lost places" und bin entzückt von vielen Bauteilen, die vermutlich mal im Schuttcontainer landen werden. "Oh, guck mal, die schönen Türen mit dem geschliffenen Glas! Und die alten Buntglasfenster! Die würde ich sofort in einen Schuppen einbauen!" Der Sohn grinst: "Da müsstest du aber eine Menge Schuppen bauen, um die vielen Fenster und Türen unterzubringen, die dir gefallen". Stimmt. Vermutlich ist es gut, dass ich die noch fest eingebauten Teile nicht einfach mitnehmen kann.

Wieder zuhause - von sehr weit rechts im Osten nach sehr weit links im Westen -, pinsel ich Farbe an die Fensterlaibungen der neu gestrichenen Hausfassadenseite. Damit bin ich beim Renovieren immerhin weiter als viele Wohnblockbesitzer in Chemnitz, habe dafür aber auch keine verklinkerte Fassade mit Mustern, Rundbogenfenstern und Bleiverglasungen.

Als ich gerade fertig gestrichen habe, fällt mir ein, dass die "Alte Bekannte" in wenigen Stunden ein Konzert in der Nachbarstadt geben. Kurzentschlossen entferne ich die Farbflecken von meinen Händen, trinke einen Kaffee und fahre ins Stadttheater Euskirchen. Dort sitze ich zufällig neben "einer Bekannten der Mutter eines der Sänger". Noch vor Konzertbeginn erzählt sie mir stolz von den Wohnorten des Sängers, seiner Eltern und weitere private Dinge. Ich denke grinsend an eine andere Veranstaltung, bei der ich zufällig neben der Mutter des damals Auftretenden saß und sie mir allerprivateste Dinge aus der Kindheit ihres Sohnes erzählte. In beiden Fällen hatten die Damen keine Ahnung, wer ich bin, dass ich die Söhne kenne und dass ich manchmal Berichte im Internet schreibe. Und in beiden Fällen hatten sie Glück, dass ich weder stalkender Fan bin, der prima nach weiteren privaten Details hätte fragen können, noch eine rücksichtslose Pressefrau, die mit unerwarteten Insider-Informationen ihren Artikel aufmotzen könnte. Es ist nicht so, dass ich sensationelle Dinge erfahren hätte, aber ich habe auch eher gebremst als nachgefragt und hoffe immer, dass freundliche, freigiebig plaudernde Damen nicht mal neben dem falschen Sitzpartner lossprudeln.

Das Konzert ist sehr schön und es "läuft" bei den Alte Bekannte, was mich freut. Der im Konzert gesungene Wise Guys Klassiker "Radio" berührt mich allerdings immer noch unerwartet heftig und bringt sofort Bilder und Emotionen hoch. Ich finde es amüsant, dass vermutlich keiner der anderen, meist mitsingenden Konzertbesucher weiß, dass die Frau, die da sentimental lächelnd vor sich hin schmilzt, vor mehr als zehn Jahren mal das Video zu diesem Lied gemacht hat. Ich sitze anonym mittendrin, bin ganz unauffällig und fühle mich wie der Geist einer Verstorbenen, die früher mal nah dabei war und heute unsichtbar und unbemerkt im Raum anwesend ist und allem zusieht. Hört sich unheimlich an, ist aber gut.

Als ich die mir alt Bekannten nach dem Konzert begrüße, sehen und erkennen sie mich aber sofort. Nur der "neue" Clemens, dem ich beim Afterglow kurz sage, dass er groß-groß-großartig singt, freut sich zwar darüber, weiß aber vermutlich nicht, wer ich bin. Ich erkläre auch nichts und entschwinde geisterhaft. Ähm, also ich schwebe nicht weg oder löse mich vor seinen Augen auf, ich drehe mich um, gehe zur Tür und dort ganz normal raus. Demnächst wird er mich schon noch kennenlernen - was keine Drohung ist.

Für den Feiertag am 3. Oktober wird kurzfristig eine Theaterprobe angesetzt, was, wie ich finde, beim Betrachten des Probestandes und des Premierentermins auch nötig ist. Als mathematische Formel ausgedrückt sähe es etwa so aus:
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Erklärung für Nicht-Theater-Mathematiker: Statisches Herumstehen (SH) durch sechs Wochen bis zur Premiere (6W) mal Textlücken (TL).

Sechs Wochen vor der Premiere verlässt mich auch noch mein Mann, also der Theater-Ehemann, weil er Terminprobleme hat. Am Tag nach der langen Extra-Probe sitze ich vor dem Textbuch und mache aus zwei Personen eine. Das geht in diesem Falle recht gut, bedeutet aber, dass ich das Ehepaar jetzt alleine vertrete und mehr Text lernen muss.

Weil ich am Sonntag einen Stand auf einem Herbstmarkt habe, stelle ich vorher im Wohnzimmer versuchsweise die Tische auf und dekoriere. Den benötigten 3 x 3 Meter Pavillon baue ich aber nicht darüber, sondern zähle nur dessen 28 Stangenteile und 9 Verbindungsstücke durch. Es reicht, dass meine Dekogirlanden aus Kinderbuchseiten quer durch den Raum hängen und überall Bücherstapel stehen. Das muss ich nicht alles noch überdachen.

Abends bin ich im Nachbarort Brühl, wo das Theater Zitadelle ein Gastspiel mit den "Berliner Stadtmusikanten III" gibt. Daniel Wagner habe ich vor kurzem erst mit der "Gestiefelten Katze" gesehen, aber dem kann ich gar nicht oft genug beim Spielen zuschauen. Zusammen mit Regina Wagner, Katze, Spatz, Kuh und Wolf geht es in eine Kriminalgeschichte mit Hund und Fuchs. Hach! Was bin ich inzwischen tief im Leben einer Puppenspielerin! Ich achte auf technische Sachen, freue mich über spielerische Details und würde am liebsten sofort auf die Bühne klettern und mitspielen. Es wird Zeit, dass ich mich ans Puppenbauen fürs nächste Stück begebe, damit ich proben und spielen kann!

Neben den jetzt vielleicht verstärkt auftretenden Theaterproben muss ich allerdings auch schnell das 400-Seiten-Buch "Vienna" von Eva Menasse lesen. Es ist das diesjährige Buch der Stadt Köln, und in vier Wochen wird es an vielen Orten öffentlich vorgelesen. Auch ich lese einen Teil und muss bis dahin natürlich nicht nur das ganze Buch kennen, sondern auch "meine" Kapitel vorbereitet und geübt haben. Um eine Stunde gut vorzulesen, muss ich schon mehrere Stunden Arbeit reinstecken. Die ersten 23 Seiten lese ich vor Beginn der "Berliner Stadtmusikanten" und finde es sehr gut. Wenn es so bleibt, wird mir das Vorlesen viel Spaß machen.

So, meine wochen- und monatelangen Ferien mit wenigen Terminen und vielen Tätigkeiten sind jetzt vorbei und ich gehe gut erholt und freudig ins normale Leben zurück.

            
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