Blog 538 - 19.08.2018 - Urgs-Grün und Spielen aus dem Koffer

Zu Beginn der Woche habe ich vor, dass ich in den folgenden Tagen einen Ausflugstag in die Eifel mache, ein bisschen mit dem Fahrrad in der näheren Umgebung herumradele und mal wieder zeichne. Das passt gut zu Sommerferien und meiner entspannten Stimmung. Doch dann entferne ich erstmal weiteren Efeu vom Schuppen, verputze schadhafte Stellen an den Wänden und schmirgel Fensterrahmen ab. Anschließend rühre ich Farbe an und streiche die Schuppenwände blau. Ein Blau zwischen taubengrau, friesisch und griechisch.

Die alte Holztür streiche ich weiß, was gut zu dem Blau passen müsste, mir aber auch nach dem zweiten Deckanstrich nicht gefällt, weil es zu hart aussieht. Hellgrau würde optisch zum Dachabschluss passen, ist mir aber zu langweilig. Warum nicht kräftiges, helles Grün? Die hellgrünen Pflanzen, die vor der blauen Wand stehen, sehen doch gut aus. Mut zur Farbe! Als ich die Tür im ersten Voranstrich dünn überstreiche, ahne ich, warum nicht kräftiges, helles Grün. Meine gute Laune sagt: "Ist doch prima!", mein künstlerischer Geschmack: "Nee, lass mal lieber!"

Am nächsten Tag streiche ich die zweite Schicht, die das Grün dunkler und satter macht, und schon gefällt es mir besser. Aber es bleibt doch ein Urgs-Gefühl. Ich komme um die Ecke, sehe den Schuppen und denke: "Urgs. Das ist aber mal ein Grün!" Mal sehen, ob ich es so lasse. Ehe ich die Fenster im gleichen Farbton streiche, muss ich sicher sein, dass ich es so haben will.

Eine der Fensterscheiben ist schon lange zerbrochen. Ich pokel die spitzen Reste raus, lasse beim Glaser eine neue Scheibe zuschneiden und guck sicherheitshalber nochmal im Internet nach, wie das mit dem Fensterkitt geht. Kleine Würste aus Kitt rollen, in die Kanten pressen, sauber abziehen. Mein Vater leiht mir sein Kitmesser und so perfekt ausgerüstet lege ich los. Will ich loslegen. Fluche ich. Mir fällt ein, dass ich vor vielen Jahren schon mal eine Scheibe mit Fensterkitt eingesetzt habe und das damals auch überhaupt nicht geklappt hat. So wie jetzt. Die Würste kann ich prima - langjährige Kindheitserfahrung mit Knetgummi -, das Pressen in die Kante läuft auch vorbildlich, aber beim sauberen Abziehen bleibt entweder zu viel stehen und matscht krumm an der Scheibe entlang, oder ich ziehe klumpenweise wieder ab, was ich gerade erst in die Kante gedrückt habe.

Irgendwann habe ich einen Stand erreicht, der ziemlich scheußlich aussieht, bei dem ich aber weiß, dass es für mich die Spitze der Kittkunst bedeutet. Bloß nicht nochmal drangehen, es kann nur schlimmer werden! Eins ist klar: Der Fensterkitt und ich werden keine Freunde. Fensterscheiben einsetzen wird nicht mein Hobby. Ich glaube, das ist dem Fensterkitt sehr recht. Aber egal. Dichtigkeit ist wichtiger als Schönheit. Allerdings spricht das Fensterergebnis dann doch wieder für die grüne Farbe auf der Tür, denn die ist so präsent, dass niemand auf die Kittränder guckt.

An einem Abend gibt es im heimatlichen Ort die Veranstaltung "FilmSchauPlätze in Nordrhein-Westfalen". Einige lokale Bands und sogar Anne Haigis geben vorher kleine Konzerte, dann wird ein Film gezeigt. Open Air im Gewerbepark und ohne Eintrittspreis. Lokale Vereine bieten Getränke und Essen an, das Wetter ist perfekt und die Zuschauer haben Decken und Stühle mitgebracht. Die Stimmung ist wunderschön, entspannt und sommerabendpassend. Mir gefällt es sehr, ich bin aber trotzdem nur zwischendurch da, weil ich an diesem Abend nach Streichen, Kitten, Baumarktbesuchen und Gartenwerkelei viel zu müde bin, um ab 22 Uhr noch einen ganzen Film zu sehen. Schade, aber alles zusammen passt gerade nicht.

Sehr überraschend und kurzfristig werde ich am Donnerstagabend als Programmpunkt für eine Familienfeier am Samstag angefragt. Das Froschpuppenstück ist zu groß, um es mal eben ohne richtige Kulissen zu spielen. Ich überlege kurz und denke, dass ich erst eine kurze Lesung des Froschbuches machen und danach einige Frosch- Puppenszenen zeigen könnte. Bis zum Samstagnachmittag habe ich noch eineinhalb Tage, um etwas auszuarbeiten und zu proben, denke ich frohgemut und sage zu.

Zehn Minuten später fällt mir ein, dass ich für den Freitag abgemacht habe, in Düsseldorf beim Möbelkauf und -schrauben zu helfen und dass ich am Samstagvormittag einen festen Arbeitstermin im Szene-Theater habe. Das wird dann doch knapp. Anstatt in Panik auszubrechen, lache ich und sehe es als Herausforderung. Da weiß ich noch nicht, dass am Freitagabend wieder mal einige Leute im heimatlichen Dorf denken, dass man nachts mit Außenlautsprechern und Gegröle eine Party machen darf, was sie mit zunehmendem Alkoholkonsum zunehmend lauter machen. Grölende Männerstimmen zu lauter Musik morgens um 1 Uhr werden von den Verursachern zwar gerne als "Spaß haben" bezeichnet, sind realistisch gesehen aber unsoziales Verhalten. Als es endlich ruhig ist, habe ich gerade noch vier Stunden Schlaf vor mir, dann geht der Wecker. Was für eine Einschränkung MEINES Lebens! Ich bin auf Seiten aller Lärmopfer. Und den blöden Spruch: "Geh einfach mitfeiern!" kann ich nicht mehr hören. "Spaß" habe ich bei ganz anderen Sachen als bei nächtlichem Gegröle zu Partymusik.

Völlig übermüdet gehe ich durch den Tag, werkel am Vormittag beim Theater, gucke mittags den Froschtext an und probiere, wie ich auf kleinstem Raum (einem aufgeklappten Koffer) Szenen aus dem Puppenstück spielen kann. Dass ich wenig Zeit zum Proben der Zusammenstellung habe, ist spannend und auch anregend. Dass ich so müde bin, weil ich nachts am Schlafen gehindert wurde, macht mich sauer. Hin und wieder denke ich schon daran, einen skurrilen Roman über ein Dorf, seine Vereine und seine inneren Krisen zu schreiben. Mit Mordopfer. Ob das ein nächtlich Grölender oder eine genervte Anwohnerin sind, ist noch nicht klar.  

Am Nachmittag bin ich am Feierort, werde herzlich aufgenommen, sitze mit im Garten, lese dann mein Buch vor, spiele aus dem Puppenstück und habe ein reizendes, sehr interessiertes Publikum. Sogar zum Abendessen werde ich noch eingeladen und fühle mich inmitten der Familienfeier sehr wohl. Nicht nur, dass ich einen schönen, entspannten Nachmittag und Abend habe, ich merke auch, dass ich unbedingt ein "kleines" Puppenstück haben möchte, das ich mit einem Tisch und aus zwei Koffern spielen kann. Aus wenig Zeug eine runde Geschichte zu zaubern, macht Spaß.

Mal sehen, ob ich es schaffe, in der nächsten Ferienwoche mal in die Eifel zu fahren, mit dem Fahrrad herumzuradeln und zu zeichnen ...

            
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