Blog 520 - 15.04.2018 - Federdübel, Kniegelenke und Frühschwimmen

Tischfiguren haben in der Regel am Hinterkopf eine Halterung, an der sie beim offenen Spielen auf einem Tisch bewegt werden können. Es gibt einfache Varianten, bei denen das Unterteil aus einem kleinen Säckchen besteht, das auf dem Tisch abgestellt werden kann. Aber es gibt auch Versionen mit kurzen oder langen Beinen, bis hin zu komplizierten Konstruktionen mit Hebeln, Zügen und Gelenken. Im Bochumer Figurentheater-Kolleg gibt der Puppenspieler und Figurenbauer Michael Hepe einen Kurs zum Bau einer Tischfigur. Die kann laufen und sich anmutig bewegen - sofern sie richtig gebaut ist. Auch wenn ich selber nicht vorhabe, mit Tischfiguren zu spielen, möchte ich lernen, wie sie zu bauen ist.

Der erste Tag ist voll mit Theorie. Wir betrachten alle Arten von Tischfiguren, erfahren Vor- und Nachteile, lernen physikalische Gesetze, gucken Schaubilder an und staunen, was sich alles bauen lässt. Wobei Michael Hepe nicht nur ein sehr guter Puppenbauer ist, sondern ein genialer Tüftler, der den Ehrgeiz hat, Unmögliches möglich zu machen. Er hat einen Blick dafür, übliche Werkzeuge in unüblichen Funktionen einzusetzen und zeigt, wie aus Zierkugeln aus dem Möbelbau und auseinandergebauten Federdübeln prima Kniegelenke gebaut werden können.

Am nächsten Tag geht es mit dem Bauen los. Alle Kursteilnehmer bauen eine Musterfigur, an der sich alles lernen lässt und die später selbständig in anderen Varianten gebaut werden kann. Bisher habe ich zum Puppenbauen Schaumstoff und Kleber benutzt, hier ist es viel Metall. Das bedeutet, dass ich plötzlich nicht nur über Madenschrauben, Kernlochbohrer, Sackgewindebohrer, Muffen und Federdübel rede, sondern auch Stahl säge, Schraubenköpfe abfeile, Schraubenzieherritzen in kleine Messingschrauben feile und Blei gieße. Metallarbeiten sind neu für mich, darum ist das spannend. Verblüffend, was man alles machen kann! Allerdings funktioniert das Bauergebnis später nur, wenn exakt gearbeitet wurde. Einfach mal drauf los, wie ich sonst gerne baue, ist hier nicht möglich.

Weil ich immer früh wach bin, nutze ich zum ersten Mal die Zeit vor dem Kurs und gehe zum Frühschwimmen ins nahegelegene Schwimmbad. Hach, wie vertraut! Umkleidekabinen mit Klapphebeln, orangefarbene Spinde und hallende Schwimmbadgeräusche. Vermutlich war es derselbe Architekt, der auch das Schwimmbad meiner Heimatstadt gebaut hat, in dem ich als Kind schwimmen war. Oder in den sechziger Jahren wurden alle Schwimmbäder grundsätzlich gleich gebaut. Ich hänge meinen Plastikbügel mit der Kleidung in den Spind und wurstel mir das Schlüssel-Armband ums Handgelenk. Im Schwimmbecken ist wenig los. Es sind keine schwatzenden Blumenkohl-Badekappen-Damen unterwegs, so dass ich nicht dümpeln muss, sondern wirklich schwimmen kann. Schön!   

Im Kurs geht es täglich weiter mit schrauben, schleifen, bohren und biegen. Schritt für Schritt entstehen unsere Figuren. Inzwischen denke ich schon darüber nach, ob ich nicht doch mal Tischtheater machen will. Ich schneide mir mit dem Windeisen erfolgreich ein Gewinde in mein Stahlgewicht und bohre es kurz darauf versehentlich weg. Na super! Vom ganz exakten Arbeiten bin ich dann doch noch entfernt. Aber Michael Hepe winkt beruhigend ab, gibt sofort einen seiner 10.000 Tricks raus und ich fixiere die Gewindestange stattdessen mit Muttern. Geht auch.   

Nachdem ich außerhalb des Kurses zum ersten Mal morgens im Langendreer Schwimmbad war, passt es, dass ich auch zum ersten Mal abends im nahegelegenen Veranstaltungsort "Bahnhof Langendreer" bin. "Simon und Jan" treten auf, die ich schon mal im Internet gesehen habe und interessant finde. Als ich eine Stunde vor Beginn ankomme, stehen vor dem "Bahnhof Langendreer" schon ziemlich viele Leute, die anders aussehen, als ich sie erwartet hätte. Im Schnitt um die 20, Bierflaschen, Zigaretten, zum Teil punkige Haare. Ich überlege schon, ich wirklich ein vermutlich dichtgedrängtes Stehkonzert mittendrin mitmachen möchte, oder ob ich da nicht völlig fehl am Platz bin, da stelle ich fest, dass der Pulk für einen Punk-Kinofilm ansteht. Gleich um die Ecke ist der Eingang zum kleineren Studio, vor dem sich das Publikum für das Sitzkonzert von "Simon und Jan" sammelt. Das ist im Schnitt deutlich älter als die beiden jungen Liedermacher, was ich auch nicht erwartet hätte. 

Der Abend ist sehr schön, die beiden spielen klasse und bringen nicht nur witzige Sachen und schöne Formulierungen, über die ich sehr lache, sondern haben auch klare politische Statements, die sie locker verpacken. Die Art der Texte erinnern mich manchmal an Stücke von Rainald Grebe, wobei ich dann allerdings denke, dass ich unbedingt bald mal wieder in ein Rainald-Konzert gehen sollte. Auch wenn mir bei "Simon und Jan" manche Lieder noch etwas zu ähnlich aufgebaut sind, habe ich viel Spaß und es ist kein Wunder, dass die beiden Kleinkunstpreise abräumen.

Sogar ein Beweisfoto gibt es, falls ich mal ein Alibi für den Abend brauche. Simon fotografiert den Rock'n Roll im Bahnhof Langendreer von der Bühne aus, und weil ich Teil des Motivs bin, kopiere ich es mal eben bei Facebook.

Vom Rock'n Roll geht's erst wieder zum Frühschwimmen und dann an die Feinmechanik. Wenn das mal nicht Abwechslung ist! Die kleine Figur auf dem Werkstatttisch wächst und richtet sich auf, und als sie fertig gebaut und feinjustiert ist, kippt sie auch nicht mehr um. Stehen, laufen, hinsetzen - sie macht das sehr niedlich und in weichen Bewegungen. 

Am Ende des Kurses haben alle Teilnehmer ihre Musterfigur fertig gebaut und dazu einen Block voll Notizen. Einige der Figuren sollen noch Kleidung bekommen, aber ich werde meine genau so lassen, wie sie jetzt ist. Damit ist sie ein gutes Muster, an dem ich nachsehen kann, wie ich die Gelenke und Verbindungen gebaut habe. Vielleicht mach ich ja doch mal was mit Tischfiguren.

Gut gelaunt nach diesem schönen Bauseminar bei Michael Hepe fahre ich nach Kursende schon wieder zum Schwimmbad. Diesmal zum Hallenbad Menden im Sauerland.

Schwimmen ist allerdings nicht angesagt, ich gehe stattdessen ins Untergeschoss des Schwimmbads, wo das Theater Scaramouche ist. Da war ich inzwischen schon öfter und netterweise ist es genau das Theater, in dem ich im Juni mein Froschstück spielen werde.

An diesem Abend bin ich aber als Zuschauerin da und gucke mir "Bürgerwehr" an, eine bitterböse Komödie von Alan Ayckbourn. Sehr schön gemacht und, obwohl es ein langes Stück ist, sehr kurzweilig und ein perfekter Abschluss meiner Woche.

            
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