Blog 499 - 19.11.2017 - Lesen, ein Superheld und ein Baguette

"Superhero" von Anthony McCarten ist das diesjährige Buch der Stadt Köln. Auch bei mir im Ort wird das komplette Buch in sechs Teilen, an sechs Abenden, von sechs verschiedenen Vorlesern vorgelesen. Am Sonntag startet Clelia Meyer im Lechenicher Stadthaus, die wunderbar eine Einführung und Teil 1 vorträgt. Das Buch ist - gerade zu Beginn - nicht ganz einfach, aber ich weiß schon, dass es immer dichter, emotionaler und sehr berührend wird. In diesem Jahr kann ich zum ersten Mal bei allen sechs Lesungen dabei sein, was vor allem am dritten Abend gut ist, denn da bin ich selber die Vorleserin.

Mein Leben besteht in dieser Woche aber nicht nur aus Literatur und einem Superhelden, auch ein Einblick in mein Bühnenleben ist zu sehen. Im Fernsehen laufen bei Super RTL die neuen Folgen von "Woozle Goozle", und bei einigen Folgen habe ich als zweite Hand von Woozle mitgemacht. In der Montagsfolge spiele ich außerdem ein Baguette. Wow! Da hört man in Hollywood quasi die Brötchen schon krümeln.

Spielen ist vielleicht etwas viel gesagt, denn das Baguette bewegt sich nur etwas hin und her und die piepsige Baguettestimme ist nicht von mir, sondern wurde nachträglich dazu gegeben, aber die darstellende Puppenkunst ist eben ein weites Feld. Und wer jetzt denkt: "Da lernt sie so viel, um dann ein Baguette zu spielen??" - Moment! In derselben Folge spiele ich auch noch einen Kuchenteig, der um den Tisch rennt. Im Bereich der schauspielernden Backwaren scheine ich breit gefächert zu sein. Mein Sohn findet es großartig und kommentiert: "Wenn ich gefragt werde, was meine Mutter beruflich macht, sage ich: Sie spielt ein Baguette."

Am Abend findet die zweite Lesung des "Superhero" statt, diesmal in der Stadtbibliothek, vorgetragen von Ilona Gerling. Nicht allen Zuhörern gefällt der Stil des Buches. Ich finde die schnellen Sprüngen, die eingeblendeten Comicszenen und vor allem den Drehbuchstil sehr klasse. Vermutlich lassen sich manche Leute durch die zwischendurch etwas vulgäre Sprache abschrecken und erkennen nicht, wie viel Gefühl und Sanftheit sich dahinter befinden. Wer weiterliest, wird am Ende verstehen, dass alles zur Geschichte passt und wichtig ist.

In der Dienstagsfolge von "Woozle Goozle" bin ich mal Woozle-Hand, mal eine weglaufende Spritze und dann eine Arzthand, die eine Spritze hält. Auch im medizinischen Bereich bin ich also einsetzbar.

Am Abend lese ich selber in der Buchhandlung Pier in Liblar den dritten Teil des "Superhero" vor. Kurz vor Beginn mache ich schnell ein Foto von meinem Tisch, denn ich halte es für ungünstig, während der eigenen Lesung total unauffällig ein Selfie machen zu wollen.

Das Foto von der Zuhörerseite bekomme ich unerwartet am nächsten Tag nachgereicht.

Am Mittwoch werkel ich zunächst im Garten und stutze den großen Kirschlorbeer. Er selber würde das wohl eher als Gemetzel bezeichnen. Vermutlich hat er recht. Er gehört zu den Kandidaten, bei denen ich mich vor 15 Jahren freute: "Guck mal, wie gut der hier wächst!", später staunte: "Boah, der wird immer größer, wie toll!" und es irgendwann kippte: "Der wird ja riesig. Ich komme kaum noch vorbei." Jetzt war er angelangt bei: "Den muss ich dringend etwas zurückschneiden", was sich während des Schneidens änderte in: "Hier auch, hier auch und hier auch noch" bis zu: "Jetzt ist es auch egal. Weg mit dem dicken Ast!" Im Sommer wird er wieder schön aussehen und nicht mehr wie ein Gerippe, da bin ich mir ganz sicher.

Abends gibt es von Stephanie March eine schöne, sehr emotionale vierte Lesung des "Superhero" im hübschen Lechenicher "Teepünktchen". Prima finde ich, dass man zum frisch aufgebrühten Tee eine Sanduhr bekommt, die genau zeigt, wann der Tee die perfekte Ziehzeit hat und das Teesieb entfernt werden soll. Dass ich vergesse rechtzeitig auf die Sanduhr zu sehen und mein Tee schätzungsweise 5 Minuten zu lang zieht, ist mein eigenes Problem. Da mir das aber auch zuhause ständig passiert, mag ich den Tee trotzdem. Ich gucke jedoch hastig zur Seite, ob das die Teeladenbesitzerin nicht gesehen hat, denn da wäre ich ja gleich als Tee-Trampel unten durch.

Am Donnerstagvormittag räume ich den vielen Kram auf, der sich in den letzten Jahren auf und im alten Küchenschrank angesammelt hat. Alles, was keinen festen Platz hat und "erstmal" abgelegt werden muss, landet dort, bis alle Fächer und Schubladen knackevoll sind. Jetzt sind sie wieder ziemlich leer und warten auf neue Dinge, die "erstmal" abgelegt werden müssen.

Am Nachmittag bin ich bei der Woozle Goozle-Folge im Fernsehen mal kein Nebendarsteller, sondern die rechte Hand des Hauptdarstellers. Im wörtlichen Sinn, denn meine Hand steckt in der rechten Woozle-Hand und muss sich ohne vorherige Absprache möglichst natürlich zur anderen Hand bewegen. Zwei Spieler, eine Puppenseele, was nur mit guter intuitiver Kommunikation klappt. Ein Bild, wie wir eng nebeneinander unter dem Tisch hocken und gemeinsam spielen, wäre sicher witzig, gibt es aber nicht. 

Am Abend liest Mirco Leibig die fünfte "Superhero"- Lesung in der "Kirche der Versöhnung" in Lechenich. Sehr gut gelesen und ein Vergnügen beim Zuhören.

In den frühen Morgenstunden des nächsten Morgens, genauer gesagt am Freitag um kurz nach 4 Uhr, geht es für mich los nach Mainz, wo ich ab der 1. Schulstunde vier Giraffenlesungen an einer Grundschule mache. Auch wenn vier Lesungen nacheinander recht anstrengend sind, macht es mir viel Spaß und nicht nur die Frisur, auch die schöne Aufmerksamkeit der Kinder und meine Stimme hält. Am Mittag fahre ich durch herbstliche Weinberge zurück und mag das dazu passende nebelige Wetter.

Abends ist dann die letzte Lesung vom "Superhero". Teil 6 wird von Jörg Neuburg in der Buchhandlung Köhl gelesen. Es ist das traurige und sehr emotionale Ende, und wo die Tränen nicht rollen, werden sie mühsam zurückgehalten. Was für ein tolles, wunderbares Buch! Und wie schön, dass ich nicht nur als Vorleserin dabei sein, sondern auch alle sechs Vorleseabende erleben konnte.

            
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