Blog 486 - 20.08.2017 - Nase, Augenbrauen und Baguette

Was für eine schöne Woche! In der Werkstatt des Bochumer Figurentheater-Kollegs werkel ich gemütlich an zwei Klappmaul-Puppen herum. Ich muss nichts Bestimmtes fertig bekommen, ich möchte nur austüfteln, wie ich die Puppen bauen muss, damit ich bei der einen die Nase und bei der anderen die Augenbrauen bewegen kann. Ohne große Zug-, Hebel- und Einbaumechanik, sondern einfach mit einem freien Finger. Natürlich könnte ich den Dozenten Bodo Schulte fragen, der extra da ist, um bei Problemen die Lösung zu finden und der mir sofort passende Tipps geben würde, aber ich will es selber herausfinden. Außerdem muss das für jede Kopfform extra gelöst werden, denn nur da, wo beim Spielen ein Finger liegt, kann damit auch etwas bewegt werden.

Kaum tüftel ich los und Nase und Augenbrauen beginnen zu wackeln, lege ich alles zur Seite und fahre weg. In Hürth habe ich zwei Drehtage, an denen ich eine Puppenhand spiele. Ja, wirklich nur eine Hand. Die rechte. Die linke Hand und den Kopf spielt Martin Reinl.  

Zwei Tage lang sitze ich unter dem Tisch, verrenke mich, halte einen Arm nach oben, um eine Hand zu bewegen und finde es klasse. Ich kann ganz alleine ein einstündiges Solo-Puppenstück mit verschiedenen Puppen, Stimmen und passenden Klappmaulbewegungen spielen, aber ich fühle mich kein bisschen degradiert, hier nur eine Hand zu spielen. Alles ist Puppenspiel und alles macht großen Spaß. Außerdem übernehme ich zwischendurch noch ein Baguette, einen Teig und eine Spritze. Ein frisches Baguette mit zwei Augen vor eine Kamera zu halten, das macht nicht jeder. Sieht gut aus im Lebenslauf. "Was machen Sie beruflich?" "Ich spiele ein Baguette."

Während ich mit Martin hinter dem Tisch hocke und wir beide an der selben Puppe spielen, fällt mir ein, wie ich ihn vor sieben Jahren filmte, als sein Zirkuspferd im Probestudio bei "Cover me" war. Ich stand ihm gegenüber und dachte ständig, dass ich doch immer Puppenspielerin werden wollte. Es war kein Neid, den ich fühlte, sondern ein Bedauern, dass es jetzt wohl zu spät war. Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass ich jetzt, sieben Jahre später, Puppen baue, Puppen spiele, ein eigenes Stück habe und in einem Filmstudio neben Martin sitze und völlig selbstverständlich die zweite Hand spiele. Während von vorne der Ruf: "Es geht weiter! Aufnahme!" kommt, lächel ich gerührt vor mich hin und finde, dass ich die Zeit gut genutzt habe. Danke an "Cover me" und Martin, die das damals auslösten, und an Dirk, der sich so sehr darüber freuen würde!        

Gut gelaunt fahre ich danach wieder ins Figurentheater-Kolleg, wo ich nicht nur gemütlich werkeln kann, sondern auch mit meinen beiden Schweizerinnen Daniela und Monika zusammen bin. Wir können uns ein ganzes Jahr nicht sehen, kaum treffen wir uns, ist es, als wären wir ständig zusammen. Auch Bodo ist inzwischen mehr als der Dozent, und so ist es ein großes Vergnügen, wenn wir uns alle bei einem Kurs treffen.

Weil ich überhaupt keinen Stress habe und nichts fertig haben muss, bastel und nähe ich in aller Ruhe und merke, wie sich in mir eine tiefe Urlaubsentspannung ausbreitet. Das Jahr war in der ersten Hälfte sehr voll mit Arbeit und Anspannung, und jetzt habe ich Zeit, freue mich über das Puppenbauen in Bochum, über das Zusammensein mit Monika, Daniela und Bodo und über das Spielen im Studio.

Am Ende der Woche sind die beiden Puppen fast fertig und funktionieren, die noch nicht ganz vernähten Augen und das Kolorieren mache ich in der nächsten Woche, und ich fühle mich, als hätte ich vier Wochen tiefenentspannt am Strand gelegen. Dabei würde ich beim tatenlosen Liegen am Strand ja wahnsinnig werden.

            
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