Blog 478 - 25.06.2017 - Letzte Vorstellung und neue Wahrnehmung

Die letzte Vorstellung steht an. Es sind ein wolkenloser Himmel und Temperaturen von 33 Grad angesagt, aber dann gibt es doch so viele Wolken, dass der Theaterraum bei weitem nicht so hoch aufgeheizt wird, wie es hätte sein können. Ich habe das unbestimmte Gefühl, dass Dirk Bach oben alle Wolken, die er finden kann, über dem Spielort zusammenschiebt, damit ich die letzte Vorstellung ordentlich spielen kann. Und ich habe gar keine Lust, darüber nachzudenken, ob das möglich wäre. Auf jeden Fall hätte er sich sehr gefreut, dass ich ein eigenes Puppenstück spiele, und schon allein, dass ich das weiß, lässt ihn dabei sein.

Es ist schade, dass es schon die Dernière ist, aber es kommen einige liebe Freunde und es ist schön, dass genau solche Leute mit dabei sind. Weil es so warm ist, dauern einige Puppenwechsel etwas länger, aber bis auf kleine Textimprovisationen und die üblichen Momente, in denen ich denke: "Das hattest du schon mal besser drauf", läuft alles schön.

Hach, was bin ich froh! Selbst wenn ich das Stück wider Erwarten nie wieder spielen sollte, hat sich der ganze Aufwand gelohnt. Ich habe es geschafft! Ich kann ein knapp einstündiges Puppen-Theater-Solostück spielen, das den Zuschauern sehr gefällt und das ich mit großer Freude aufführe. Vor vier Wochen probte ich noch, fühlte mich schon fast wie eine Puppenspielerin, wollte aber die Aufführungen abwarten, ehe ich danach vielleicht überzeugt sagen könnte, dass ich Puppenspielerin BIN. Jetzt sind die Vorpremiere und vier Vorstellungen vorbei, und ohne jeden Zweifel BIN ich Puppenspielerin und es fühlt sich an, als wäre es schon immer so gewesen.

Gleich am nächsten Tag mache ich, was ich seit Monaten immer wieder hinauszögerte: Ich melde mich als Puppenspielerin bei der UNIMA an, einer internationalen Vereinigung für das Puppenspiel. Vorher fühlte es sich falsch an, sogar vor drei Wochen noch, jetzt ist es wie selbstverständlich. Seltsam, dass sich in meiner eigenen Wahrnehmung nur durch die gelungenen Vorstellungen so viel geändert hat. Als wenige Tage später der Mitgliedsausweis kommt, grinse ich breit. Und dann noch breiter, als ich die beiliegende Zeitschrift der UNIMA sehe. Es ist zufällig genau die Ausgabe, in der ein Bericht von Bodo Schulte steht, den ich in der Entstehungsphase schon durchgelesen habe und in dem nicht nur mehrere meiner Fotos abgebildet sind, sondern ich auch als Mitarbeiterin bei einem Workshop erwähnt werde. Da bin ich gerade erst UNIMA-Mitglied geworden und schon im Sonderheft zu finden. Passt doch. 

Erstaunlich schnell ist im Theater alles abgebaut, in Kisten verstaut und an der Wand gestapelt. Auch mein Wohnzimmer ist schnell puppentheaterfrei. Allerdings stehen alle Bau- und Nähsachen jetzt vor meinem Arbeitszimmer herum, denn das muss ich erst aufräumen, ehe ich den ganzen Kram dort wieder einordnen kann. Blöderweise habe ich jetzt noch mehr Stoff, Zubehör und Hartschaumplatten als vorher. Außerdem einundzwanzig weitere Puppen, was ungünstig ist, denn schon vorher war alles übervoll und ich wusste nicht, wohin damit.

Das Aufräumen des Arbeitszimmers verschiebe ich erstmal auf später und genieße die freie Zeit. Nicht rumsitzend, sondern mit entspanntem Gärtnern, mit den ersten Himbeeren, von denen täglich neue reif sind, mit dem Leerräumen eines kleines Schuppens, in dem ich die Bühnenteile unterbringen kann, und mit Tee und Kaffee und einfach mal keine Termine haben. Ich falle nach der Spielzeit nicht mal in ein Loch. Am liebsten würde ich zwar noch an den nächsten Wochenenden spielen, weil ich jetzt gerade richtig drin bin, aber es ist auch nicht schlimm, es nicht zu machen. Der Anfang ist gemacht, der Rest wird kommen.

Nach der vielen Arbeit der letzten Monate ist es wunderbar, früh morgens im hochsommerlich-trockenen Garten zu stehen und die Pflanzen zu gießen, feinen Sprühnebel abzubekommen, das Abperlen der Tropfen auf den Blättern zu sehen, die Vögel zu hören, kühl-nasse Füße zu haben und auf eine Katze zu blicken, die sich demonstrativ einen Meter neben dem Wasserstrahl ins Gras legt, völlig davon überzeugt, dass ich sie nicht mitgieße. Bisher hat sie Recht.

                
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