Blog 475 - 04.06.2017 - Die Vorpremiere vor der Premiere

Für die Premiere liege ich gut in der Zeit. 10. Juni, das ist passend. Leider habe ich geplant, das Stück schon vorher testweise vor einigen Freunden zu spielen. Mit komplett aufgebauter Bühne, an der ich sehe, ob die geplanten Wege und der Ablauf überhaupt funktionieren. So eine private Vorpremiere nimmt mir viel Stress von der eigentlichen Premiere. Dafür habe ich den Stress jetzt, denn ich bin noch gar nicht so weit.

Ich stehe vor der Frage, ob ich lieber probe oder fertig baue. Ich entscheide mich für beides, denn ohne Proben geht nichts, ohne fertiges Zubehör aber auch nicht. Habe ich gedacht, dass ich in den letzten Wochen schon viel gearbeitet habe, merke ich jetzt, dass ich tatsächlich noch mehr schaffe. Ich befinde mich damit allerdings am Limit, sogar darüber, und würde das nicht über eine längere Zeit in dieser Intensität machen können. Ich arbeite von früh morgens bis spät abends fast durchgehend und es ist wirklich stressig.

Endlich probe ich vor der Videokamera und sofort fällt mir auf, dass ich jetzt noch zwei Wochen intensiv proben sollte. Besser drei. Da gibt es recht viel, das ich spielerisch ganz anders haben möchte. Hier zappelt die Figur zu viel, da guckt sie in die falsche Richtung, und dort ist die eine zwar schön bewegt, dafür hängt die andere wie tot daneben. Schnell entscheide ich, dass bei der Vorpremiere gar nicht perfekt gespielt werden darf und auch nicht alles fertig sein muss, denn sonst gibt es ja keine Steigerung zur richtigen Premiere. Aus diesem Grund versuche ich auch gar nicht erst, in irgendwelchen Nachtschichten die benötigten schwarzen Stoffbahnen zu nähen und zu kräuseln, sondern pieke den Stoff einfach mit Reißzwecken an die Spielleiste. Für die Vorpremiere ist das völlig in Ordnung. 

Zwischendurch koche ich auch noch Schaumstoff, der wie Rote-Beete-Suppe aussieht, aus dem ich aber noch die Zungen für einige Klappmaulpuppen schnippel. Ginge auch mit schnell ausgeschnittenem Filz, aber ich sehe Chancen, das ich es noch schaffe. Nach einem langen Probentag ziept es plötzlich im Daumengelenk, als ob sich eine Sehnenscheidenentzündung im Anmarsch befindet. Ein überlastetes Gelenk würde mir jetzt gerade noch fehlen! Also fahre ich das Probenprogramm etwas herunter und baue stattdessen etwas mehr. Blöderweise treffe ich beim Heißkleben meinen Daumenballen mit heißem, dampfendem Kleber und habe sofort eine dicke Brandblase. Auch nicht besser.

Zum Glück habe ich vor der privaten Vorpremiere einen ganzen Aufbau- und Probentag. Endlich steht mal die ganze Bühne, auch wenn ich einiges wegen der baulichen Hindernisse im Theaterraum anders anordnen muss, als ursprünglich geplant. Aber es ist schon ein schönes Gefühl, dass alles passt und stabil ist. Und zum allerersten Mal kann ich das Stück komplett proben, mit allen Spielleisten, Tischen und den richtigen Laufwegen, die natürlich wegen des anderen Aufbaues ganz anders sind.

Ich hatte mir vorher gedacht, dass ich Texthänger haben könnte, dass mir Zubehörteile fehlen oder dass ich im Dunkeln nichts finde. Das hält sich aber alles in Grenzen. Gar nicht daran gedacht habe ich, dass an schwülen Sonnentagen in dem Raum gefühlte 60 Grad herrschen, die in der Realität vermutlich immer noch 45 sind. Die Hitze ist nicht das eigentliche Problem. Schon nach wenigen Minuten bin ich so verschwitzt, dass die Unterarme leicht feucht sind und der Stoff der Puppen auf der Haut bremst. Ich bekomme die Puppen nicht locker auf den Arm und nach einer Spielszene nur mit Schwierigkeiten wieder runter. Eine der Handpuppen wirkt nach einer längeren Szene sogar wie festgeklebt auf der Hand und ich muss unterbrechen, um sie mithilfe der zweiten Hand überhaupt abziehen zu können.

Oh je, damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet! Und jetzt? Bei einer Vorpremiere ist es ja vielleicht noch witzig, wenn es Spiellücken gibt, weil die Puppenspielerin die Puppen nicht wechseln kann, aber wirklich lustig ist es nicht. Vor allem erfordert es von mir viel Konzentration und Energie, die ich lieber ins spaßvolle Spielen stecken würde. Auch die Heftkleber des kleinen Bügel-Mikrofons lösen sich schnell mal von der feuchten Haut und beenden damit die Tonverstärkung. Die langen Ärmel meiner schwarzen Bühnenkleidung, die meine hellen Unterarme verdecken sollen, krempel ich sowieso schnell hoch, weil ich das Gefühl habe, meine Körpertemperatur steigt damit auf über 100 Grad. Na, da muss ich jetzt durch. Irgendwie. Und danach nur noch bei unter 20 Grad spielen. Andere Künstler verlangen zehn Kisten Champagner, einen Cadillac und einen persönlichen Fußkrauler, da sollte ich kein Problem sein, wenn ich rumzicke, weil die Temperatur nicht stimmt.

Nach einem langen Aufbau- und Probetag mit Hitze, Schlepperei, hoher Konzentration, klebenden Puppen und Detailarbeit, bin ich am Abend völlig geschafft. Ich bleibe trotzdem optimistisch. Vielleicht ist es heute bei der kleinen Vorpremiere deutlich kühler und es gibt keine Probleme. Oder es macht allen Zuschauern großen Spaß, dass ich die Einsätze verpasse, weil ich minutenlang an klebenden Puppen zerre und zwischendurch immer wieder das Mikrofon verliere. Dann bekomme ich noch den Comedypreis für die gelungene Darstellung einer überforderten Puppenspielerin. Den würde ich dann auch annehmen.

Abgesehen von den Problemen ist es übrigens schon ganz nett. "Es hat schon viel Schönes", würde ich sagen, auch wenn ich natürlich kritisch sehe, wo es noch besser werden muss. Eine Redakteurin des Kölner Stadt-Anzeigers, die zu Beginn des Tages dabei ist, hat Spaß. Da ich bisher vorwiegend vor Leuten gespielt habe, die konzentriert auf Dramaturgie- und Spielfehler achten, ist es richtig schön, mal lockeres Zuschauergelächter zu hören. Mal sehen, wie die Reaktionen bei der Vorpremiere sind. Ich selber kann das alles gar nicht mehr beurteilen. 

                
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