Blog 474 - 28.05.2017 - Mit sonnig-optimistischem Blick Richtung Premiere

Sägen, bohren, streichen, kleben, nähen, proben - und alles abwechselnd und quer durcheinander. Die fünfseitige To-do-Liste ist zwar größtenteils abgehakt, aber jetzt muss ich tatsächlich ein neues Blatt beginnen, weil doch immer noch neue Sachen auftauchen. Kräuselband für die Vorhänge kaufen, an der Spielbühne Haken für die Puppen befestigen, Griffe an den Stäben der Stabpuppen schwarz streichen. 

Am liebsten würde ich nur noch proben. Aber, wie immer bei Theaterproduktionen, nehmen die letzten Arbeiten am Bühnenbild, den Kostümen und dem Kleinkram viel Zeit in Anspruch. Normalerweise verteilt sich das auf mehrere Schultern, in diesem Fall nur auf zwei: meine rechte und meine linke. Dafür liegt die Musikproduktion in den beiden Ohren meines Sohnes, der aber unvorhergesehen sehr viel andere Arbeit hat und nun doch nicht so entspannt daran arbeiten kann wie ursprünglich geplant.

In zwei Wochen ist Premiere, aber schon in einer Woche möchte ich alles durchspielen können. Mit der vollständigen Spielleiste, die ich aus Platzmangel noch nie komplett aufbauen konnte, mit Scheinwerferlicht, das noch überhaupt nicht überlegt wurde, mit Musik, die noch nicht fertig ist und alles natürlich möglichst schön gespielt, woran ich jetzt erst richtig übe. Immerhin kann ich den Text. Weitgehend. Und die Arme bleiben oben. Meistens.

Zwischen all der Arbeit, die mich früh aus dem Bett holt und den Tag über durchgehend beschäftigt, treffe ich mich mit Bodo, der nicht nur mein Puppenbau- und Puppenspiellehrer ist, sondern auch professioneller Puppenspielcoach. Er hat genau den richtigen Blick, den ich jetzt für mein Stück brauchen kann. Die erste Erkenntnis, noch ganz ohne Bodo: Mein Bühnenkram passt nicht komplett ins Auto. Da ich zum Vorspieltermin sowieso nur die Hälfte mitnehme, ist es kein Problem, aber für eine Tourneeplanung müsste ich ein größeres Auto mieten. Dass ich beim derzeitigen Stand des Stückes an eine Tournee denke, zeigt, was für ein sonnig-optimistisches Gemüt ich habe.

Ich denke kurz darüber nach, ob es eine gute Idee ist, zwei Wochen vor der Premiere vor Bodo zu spielen und nach seiner Meinung zu fragen. Es wäre durchaus möglich, dass er mir danach freundlich, aber ehrlich rät, den Premierentermin doch lieber zu verschieben, weil das Stück so nicht funktioniert oder langweilig ist oder ich viel zu schlecht spiele. Blöderweise könnte ich dann nicht "Idiot!" denken und es achselzuckend abtun, denn ich würde ihm sofort glauben. Aber OK. Das Risiko gehe ich ein. Sollte Bodo meine Vorführung als "nett, aber nicht ausreichend" beurteilen, würde ich die Vorstellungen vermutlich erstmal absagen. Wäre doof, aber immer noch besser als vor gelangweiltem oder peinlich berührten Publikum zu spielen und mich selber unsicher zu fühlen. War dann eben doch eine Nummer zu groß für mich.

Beim Vorspielen muss ich mich noch sehr konzentrieren, denn nicht nur die Haken, an denen die Puppen jetzt hängen, sind neu und völlig ungewohnt, auch die Situation ist anders als Zuhause. Ich habe mehr Platz um mich herum, meine Bühnensachen wirken in der anderen Umgebung ungewohnt und vor mir sitzt ein einzelner Zuschauer und guckt mich an. Aber noch bin ich ja im Probenmodus, so dass es in Ordnung ist, wenn der Text mal kurzzeitig stockt oder ich schnell einwerfen muss, was an dieser Stelle an Musik oder Zubehör kommen wird. Trotz der Konzentration auf Wörter, Griffe und Reihenfolge macht mir das Spielen echten Spaß. Ich vermute, wenn alles erst richtig läuft, könnte ich zwischendurch glatt vergessen, dass außer mir und den Puppen auch noch Zuschauer in der Vorstellung sind.

Am Ende setze ich mich mit Bodo hin und wir gehen seine hingekritzelten Notizen durch. Ach, wie schön! Es gibt keine wesentlichen Änderungen oder ein vorsichtiges Abraten, sondern nur einige schöne Spieltipps und kleine Vorschläge, die einzelne Szenen stärker oder aussagekräftiger machen. Die nehme ich gerne an, zumal ich sofort verstehe, was er meint. Beim Proben war ich unsicher, ob der Frosch auch mal gezielt ins Publikum gucken darf, jetzt weiß ich, dass er das unbedingt tun sollte. Hatte ich vorher noch befürchtet, dass ich auf dem Nachhauseweg geknickt oder sogar etwas mutlos sein könnte, ist genau das Gegenteil der Fall. Ich fahre sehr vergnügt und hochmotiviert zurück. Erst am nächsten Tag wird mir richtig deutlich, was für eine Sicherheit ich plötzlich habe, weil Bodo auf das Stück geguckt und mich nickend und lächelnd weiter in Richtung Premiere geschubst hat.  

Dass am nächsten Tag ein kleiner Bericht über mich und das Puppenspielen im monatlichen Regional-Magazin steht, passt. Natürlich passt es, er ist ja nicht zufällig gerade jetzt, kurz bevor ich das Stück spiele, geschrieben worden, aber es passt auch, weil ich gerade ganz tief im Puppenspielen stecke und mich riesig auf die Premiere freue.

                
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