Blog 468 - 16.04.2017 - Kämpfe an der Spielleiste und das Produktionsloch

Am letzten Sonntag endet meine terminvolle Zeit der letzten drei Wochen mit dem Abschlusslesen der Lesewoche, das sehr entspannt an einem sonnigen Abend stattfindet. Am nächsten Morgen bin ich krank. Dick erkältet. In den vergangenen Tagen hatte es nur hin und wieder mal im Hals gekratzt. Kaum habe ich frei und will mich in eine endlich mal intensivere Probenzeit stürzen, denkt mein Körper, dass jetzt keine Termine anstehen und er sich hängen lassen kann.

Im Inszenierungskurs habe ich gelernt, dass jemand, der sich trotz aller Widrigkeiten und Hindernisse durchkämpft, immer wieder aufsteht und weitermacht, dem Zuschauer besonders nahe kommt. Ich habe keine Zuschauer, kämpfe aber trotzdem. Blöderweise schmerzen die Glieder und Muskeln schon beim einfachen Rumstehen, da ist es nicht schön, auch noch mit hoch erhobenen Armen an der Spielleiste Handpuppenszenen zu spielen. Aber es ist meine Probezeit und die ziehe ich jetzt durch. Zumindest so weit es geht. Zwischendurch jammern ist ja erlaubt.

Proben sind erst richtig effektiv, wenn der Text nicht mehr abgelesen werden muss. Das ist mir nicht neu, aber irgendwie hatte ich gehofft, dass mein Text, den ich ja auch selber geschrieben habe, plötzlich von ganz alleine sitzt. Es gibt Schauspieler, die spielen eine Szene zweimal durch und wissen dann, was sie zu sagen haben. Ich gehöre nicht dazu. Im Gegenteil. Ich muss lange mit dem Textbuch durch die Gegend laufen, alles laut und mit den richtigen Betonungen vor mich hin sprechen, bis es nach vielfachen Wiederholungen irgendwo im Gehirn eingebrannt ist. Dass ich beim Froschstück den Text von ALLEN Darstellern sprechen muss, macht es nicht einfacher.

Und so falle ich vom Handpuppenspiel schlapp aufs Sofa, schlafe eine Runde, lerne Text, befestige Gras an der Teichbühne, hole eine neue Packung Taschentücher, trinke Tee mit Honig - und bin am Ende der Woche deutlich hinter meinem optimistisch geplanten Probenstand zurück. Der musikalische Leiter ruft an und sagt, dass er wegen seiner vielen anderen Arbeit noch nicht an der Musik arbeiten konnte. Das passt. Zumindest zum Probenstand.

Hin und wieder fällt mir etwas ein, das ich noch machen muss. Ich greife zu einem Zettel und denke: "Ehe ich die drei, vier Sachen vergesse, notier ich sie eben." Ich brauche nicht mal eine Minute, um zwei Zettel voll zu schreiben. Und ich weiß, dass da noch nichts zu den fehlenden Bühnenteilen steht, nichts zu den Kleidungsstücken, die ich noch nähen muss, nichts zu dem kleinen Schrank, den ich noch brauche, nichts zum Vorhangstoff ... Vorsichtshalber hole ich keinen dritten Zettel, sondern höre erstmal auf. Ich muss ja keine Panikattacke auslösen. Bisher dachte ich, dass ich im beim Proben deutlich zurück liege und ahnte nicht, dass es auch beim Bauen nicht glänzend aussieht.

Obwohl ich kurz mal große Augen kriege und schlucken muss, bin ich nicht wirklich beunruhigt. Ich habe eines der normalen Löcher einer Produktion erreicht, in das ich mitten aus der Euphorie und Begeisterung falle. Jetzt denke ich: "Wie soll ich das denn noch alles bis zur Premiere schaffen?" und frage mich gleichzeitig, wie ich überhaupt auf die Idee kommen konnte, mir so ein dickes Projekt aufzuhalsen. Aus Erfahrung weiß ich, dass sich das schnell wieder ändert und nehme die Phase hin, ohne sie sehr ernst zu nehmen. Bisher hat am Schluss dann doch immer alles geklappt. Ich zieh das Tempo jetzt mal etwas an und dann werden wir das schon machen, der Frosch, der Prinz und die vielen anderen Darstelller, die mit im Team sind.

              
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