Blog 466 - 02.04.2017 - Unexaktes Sägen und exaktes Lesen

Es wird ernst, ich begebe mich an den Bühnenbau. Es gibt gute Gründe, warum ich keine Schreinerin geworden bin. Einige Voraussetzungen wären da: Ich kann anpacken, arbeite gerne mit der Kreissäge und habe keine Holzallergie. Aber ich bin zu ungenau. Ich habe einfach überhaupt keine Lust, exakt zu messen, gerade zu sägen und rechte Winkel zu beachten. Notgedrungen tue ich so, als würde ich es machen, aber sogar meine Schablone, die ich angefertigt habe, damit alle Bohrlöcher an den Leisten exakt an der gleichen Stelle sind, ist nach Augenmaß gemacht. Das kann ja nicht gut gehen.

Während ich mehrere Stücke von genau 95,6 cm von der Holzleiste absäge, rieche ich das frische Holz und wünsche mich in einen Schnitzkurs. Wieviel Freude hätte ich, wenn ich jetzt an einem Handpuppenkopf aus Holz werkeln dürfte! Stattdessen muss ich linealgerade Sägeschnitte machen, die alles andere als linealgerade sind, denn auch das Sägeblatt der Stichsäge stellt sich gerne mal etwas schräg und denkt: "Bei 95,6 cm sind drei Millimeter mehr oder weniger doch egal." Das Ergebnis ist entsprechend. Naja, kommt ja Stoff drüber.

Aus Kostengründen habe ich die sägerauhen Leisten gewählt. Vor Beginn der Arbeit denke ich noch: "Ach, das geht schon, ist auch viel billiger", nach zehn Minuten: "Is' ja doch blöd" und ziehe den dritten Splitter aus der Hand. Als das Untergestell dann aber steht, stabil wirkt und dazu noch schnell in Einzelteile zu zerlegen ist, gucke ich über die unexakten Stellen einfach hinweg und freue mich.

Endlich kann ich mit dem Proben der Teichszenen beginnen, auch wenn die obere Spielfläche noch in der Testphase ist, weil ich erst herausfinden muss, wo ich Lücken zum Spielen brauche. Wenn die Höhe vielleicht nicht stimmt, die Spielfläche zu breit oder zu schmal ist - ab jetzt muss ich genau für diese Probleme Lösungen finden. Dass ich keine üppige Ausstattung in Form von Gräsern und Blumen haben darf, habe ich schon festgestellt, als an der Testbühne aus Pappkartons die Arme der Puppen immer wieder in der Deko hängen blieben. Das Material für die hohe Spielleiste liegt auch bereit, da dort die Spielhöhe aber feststeht, brauche ich sie nicht jetzt schon zwingend zum Proben.

Ansonsten lese ich in dieser Woche viel. Die Lesung für die nächste Woche muss vorbereitet werden, und ich suche dafür aus den vielen Briefen eine möglichst abwechslungsreiche Auswahl, kürze, kombiniere neu und lese zur Probe. Außerdem bin ich Korrekturleserin für eine Uni-Arbeit, bei der ich die erste Grobfassung lese, dann die ergänzte, überarbeitete Endfassung und schließlich die zum Ausdruck vorbereitete Jetzt-wirklich-final-Fassung.

Während ich die Briefe einfach runterlesen kann, muss ich bei der Uniarbeit manche Sätze mehrfach lesen, um sie inhaltlich und themenbezogen zu verstehen. Dass ich ganz am Schluss noch einen bis dahin immer überlesenen "Stallvertreter" sehe, der schnell zum "Stellvertreter" gemacht wird, freut mich. Der "Stallvertreter" macht daraufhin allerdings noch viel Spaß. "Senora, iss habe hier eine Stall. Ssehr neu und ssehr gross." "Pedro, der Stallvertreter ist da!" 

Zwischendurch wird der alte, seit 25 Jahren das Bild des Garten prägende Kirschbaum entfernt. Es sind sowieso nur noch die Reste des inzwischen toten Baumes, aber nachdem schon zwei dicke Äste ohne Vorwarnung runterkamen, wird mir das zu gefährlich. Beim Sägen zeigt sich, dass der Stamm innen so weich ist, dass er demnächst vermutlich beim Anpusten umgekippt wäre.

            
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