Blog 308 - 23.03.2014 - Betonplatten und die fünfte Jahreszeit

So ganz lässt der Garten mich nicht los. Diesmal sind es aber Baumaßnahmen. Kaum ist der vorher jahrelang zugewucherte Teil freigehauen und zum Gemüsebeet gestaltet, denke ich, dass ich jetzt unbedingt eine kleine Treppe brauche, um von dort auf den Grillplatz und zurück zu gelangen. Auf die Idee bin ich vorher natürlich nie gekommen, weil es relativ sinnfrei gewesen wäre, vom Grillplatz auf ein völlig zugewuchertes Stück Garten zu wollen.

Mein Garten ist nicht besonders groß, liegt aber am Hang, so dass jede Terrassenplatte, die ich nach oben schleppe, schwerer als die vorherige ist. Ein erstaunliches Phänomen, das die Physik noch nicht besprochen hat. Auch von zwei Säcken mit Split, die ich nach oben trage und die beide den Aufdruck 25 kg haben, ist der zweite deutlich schwerer. Immer wieder stehe ich keuchend vor der Frage: Will ich heute noch weiter an meiner Treppe bauen? Brauche ich überhaupt eine Treppe? Wieso ist eigentlich keiner da, der die Betondinger für mich trägt?? Aber natürlich ziehe ich die Bauarbeiten durch und blicke am Ende stolz auf Muskelkater in Armen und Beinen und auf eine niedliche kleine Treppe, die nicht ganz perfekt, aber stabil und trittsicher einen Durchgang schafft. Und weil es gerade passt, verlänger ich sie noch zur Seite als Sitzbank.

Auch beim Löwen geht es endlich weiter. Die Ohren werden etwas verändert, der Unterkiefer ein Stückchen zurück gesetzt und die Haare auf dem Kopf fest vernäht. Dann male ich ihn an. Etwas weiß an der Schnauze, dick schwarz um die Augen, schattiert an den Wangen. Als ich ihn danach am ausgestreckten Arm betrachte, denke ich erschrocken: "Ein Clown!" Gleich danach korrigiere ich: "Ein Löwe, der als Clown arbeitet!", was es nicht besser macht. Sofort reibe und wasche ich möglichst viel wieder ab - die Farbe geht nur sehr schwer weg - und heraus kommt ein Ergebnis, das mir gefällt. Sollte ich vielleicht immer so machen. Erst zu viel drauf, dann panisch wieder abwischen - voilà!

Am Freitag sind wir mit dem Wallacestück die Eröffnungsnummer beim Theaterfestival in Brühl. Der Vorabend unseres Auftrittes vergeht mit dem Einladen, Transport und Aufbau des etwas improvisierten Bühnenbildes, das plötzlich frei stehen muss und keine Seitenwände mehr hat. Auch die Eingangstür und das Fenster fehlen, was wir mit großer Überzeugungskraft lässig überspielen wollen. Die Bühnenbauer mussten Extra-Stunden einlegen und für die Gruppe gab es zwei Probeabende, um den Text wieder aufzufrischen. Ziemlich viel Aufwand für eine einzige Aufführung.

Die klappt dann aber sehr gut und macht allen Spaß. Dass wir als Bühnenaufgang über eine enge Wendeltreppe müssen, in der Garderobe nicht hören, an welcher Stelle gerade gespielt wird und wann wir demnach wieder raus müssen, und eine der Türen im Bühnenbild durchgehend von innen festgehalten werden muss, weil sie sonst aufschwingt, macht es nur noch spannender. Alle arbeiten als Team zusammen. Wer gerade nicht spielt und sich nicht umziehen muss, hält von innen die Bühnentür fest - natürlich nur bis zu dem Augenblick, in dem sie jemand benutzen muss, dann lässt er blitzschnell die Klinke los, um sie beim Schließen der Türe wieder zu ergreifen -, auf der Treppe wird den Eiligen Platz gemacht und während der Aufführung lachen wir immer wieder leise in den Kulissen los. Viel Arbeit, viel Aufwand, viel Schlepperei - aber das ist es trotzdem wert. Wir haben einen schönen und harmonischen Abschluss der Wallace-Zeit.

Am nächsten Abend geht es für mich vom traditionellen Edgar-Wallace-Krimi zu Rainald Grebes "Die fünfte Jahreszeit". Am Schauspiel Köln hat er ein Stück über den rheinischen Karneval inszeniert, das Einblicke in karnevalistische Abgründe und die seltsamen Sitten und Gebräuche rund um den Karneval gibt. Dabei geht es um Kostüme und den Spaß am Verkleiden, um Umkehrungen von Oben und Unten, das Vollkotzen von Dixi-Klos und das Absingen karnevalistischen Liedgutes. Die Zuschauer, die wohl größtenteils Rheinländer sind, zeigen, dass sie ohne jedes Überlegen sofort einsteigen wenn "dat Trömmelche jeht", singen berührend sanft "In unserm Veedel" und klatschen laut mit bei "Viva Colonia". Es geht wie auf Knopfdruck. Karneval in Köln, den nicht nur Kölner feiern.

Rainald Grebe wirkt fast wie ein Wissenschaftler, der eine fremde Kultur beobachten und ergründen möchte. Er verliert seine Distanz nicht, zeigt aber nicht nur Sitzungskarneval und Alkohol-Opfer, sondern auch schöne und berührende Momente. Der Karneval hat viele Facetten zwischen Dauersaufen und innigem Gemeinschaftsgefühl. Dass von einem Chor mehrstimmig gesungene Kirchenliedsätze durchaus simple Karnevalstexte haben können, ohne einen Kratzer an ihrer Erhabenheit zu bekommen, ist ein wunderbares Erlebnis. Ein schöner Abend, von dem Bilder im Kopf bleiben.