Blog 465 - 26.03.2017 - Stoppuhr, Peter Alexander und die Ministerpräsidentin

Die Woche ist so abwechslungsreich, dass ich, wenn ich sie nicht selber erlebt hätte, denken würde: "Das sind ja wohl ein bisschen sehr viele Themen für nur eine Woche." Sie beginnt mit einer fünfeinhalb-Stunden-Fahrt nach Chemnitz, bei der ich viel Gepäck und den Sohn befördere, dort in seiner Wohnung übernachte und am nächsten Tag noch vor Sonnenaufgang starte, um fünfeinhalb Stunden zurück zu fahren. Eigentlich wollte ich gerne mal drei Tage bleiben und mir ein paar Sachen ansehen, aber beim momentanen Terminplan geht das nicht.

Kaum bin ich Zuhause angekommen, schreibe ich den Bericht über den Spielkurs im Figurentheater-Kolleg Bochum fertig, stelle ihn auf die Homepage (zu finden bei "Klappmaulpuppen"), werkel etwas im Garten und gehe zu einer Besprechung für das im nächsten Frühjahr anstehende Jubiläum von "Szene 93". Das ist der Verein, auf dessen Bühne ich im Juni mein Puppenstück spielen werde. Ich bin im Orga-Team für die Jubiläumsfeier, liebevoll "das Fest-Komitee" genannt.

Am nächsten Tag spiele ich mein Puppenstück einmal komplett durch, um Zeitangaben für die einzelnen Szenen zu haben. Es gibt nach der Überarbeitung etwas weniger Text, dafür länger ausgespielte Szenen, und der musikalische Leiter, der die Musik für das Stück machen wird, braucht möglichst genaue Angaben, um mit der Arbeit zu beginnen. Beim Spielen bleibe ich auf einer Stelle stehen, lese ab, habe keine Kulissen und ersetze die noch fehlenden Puppen und Kleinteile mit irgendwelchem Zeug, aber ich spreche im Originaltempo und versuche das Spieltempo einzuhalten. Netterweise ist der musikalische Leiter mein Sohn, und er hat auch schon die Musik für meine "Menschen-Theaterstücke" gemacht. Bei ihm ist die Aufgabe in besten Händen. Oder Ohren.

Dass während des Durchspielens neben dem Text ein Hörbuch liegt, von dem mich Hape Kerkeling lächelnd anguckt, ist zwar Zufall, wird von mir aber freudig registriert. Vor zehn Jahren habe ich während seiner Lesung plötzlich gewusst, dass ich jetzt sofort mit meinem ersten Kinderbuch anfangen werde. Den Weg bin ich konsequent weiter gegangen und stehe nun vor der Premiere meines Puppenstückes. Natürlich darf Hape jetzt zusehen wie ich meine Puppen schwenke, mit verstellter Stimme jammer und piepse und selber Spaß habe. Wenn ich zum Cover rüberblinzel, meine ich zu sehen, dass er noch ein bisschen mehr als vorher lächelt.

Am Abend gehe ich in eine Peter-Alexander-Show. Ja, ich weiß, Peter Alexander ist schon gestorben, aber es gibt ihn immer noch. Tatsächlich. Singend, tanzend und charmant mit den Augen klimpernd.

Na gut, es ist Toni Pfister von den "Geschwister Pfister", die in der Kölner Volksbühne am Rudolfplatz ihr Programm "Servus Peter - O là là, Mireille!" spielen. Wobei natürlich auch die Volksbühne nicht ganz echt ist, weil sie eigentlich das Millowitsch-Theater ist. Und Toni Pfister heißt auch ganz anders. Immerhin ist Peter Alexander bis in den kleinsten Hopser so echt, dass ich seit dem ersten Besuch der Show denke, dass ich ihn wirklich live gesehen habe. Dass auch Mireille Mathieu, Roy Black und sogar Anneliese Rothenberger auftreten, katapultiert mich in meine Jugendjahre. Da höre ich sogar Lieder gerne, die ich früher nicht mochte. Die Geschwister Pfister sind - wie immer - großartig und ich bin mal wieder sehr entzückt und sowieso ein großer Fan ihrer Shows.

Am nächsten Tag denke ich sofort wieder an mein eigenes Showprogramm und baue eine Raupe für das Froschstück. Sie wird eine stumme Statisten-Rolle übernehmen, aus der sie mit etwas Schauspieltalent aber etwas machen kann. Danach sitze ich lesend und mit einem Bleistift in Büchern streichend am Küchentisch, denn am Abend findet schon wieder eine Besprechung statt, diesmal zur Lesewoche in Erftstadt. Die hatte ich für dieses Jahr abgesagt, bin aber aushilfsweise eingesprungen, als eine andere Teilnehmerin kurzfristig absagen musste. Jetzt sitz ich da mit zwei Büchern, aus denen ich mir eine interessante, kurzweilige Lesung zusammenstellen muss. Will.

Wie viele Stunden für die Bearbeitung drauf gehen, habe ich vorher zwar gewusst, aber verdrängt. Schon wieder drücke ich auf die Stoppuhr, lese laut und schreibe meine Zeiten auf. Wie so oft, geht mir der Satz meines Dozenten Bodo Schulte durch den Kopf: "Zu einer guten Inszenierung gehört auch, dass man genau auf die gewünschte Zeit kommt." Ich habe 2 Bücher mit insgesamt etwa 120 Abschiedsbriefen für 50 Minuten Vorlesezeit. 2 x 120 : 50 = 4,8. Was in diesem Fall gar nichts aussagt und mir auch nicht hilft. Ich will es nur mal erwähnen.

Kaum ist veröffentlicht, dass ich im Juni in der Kleinen Bühne von "Szene 93" Premiere habe, kommt Hannelore Kraft, die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen vorbei und guckt sich den Theaterraum an. Ich fühle mich schon etwas geschmeichelt, denn das macht sie bestimmt nicht bei allen Puppenspielern. Weil es weltpolitisch gesehen etwas seltsam wirken könnte, wird es offiziell als ein Besuch ausgegeben, bei dem sie sich über die kulturelle Arbeit von "Szene 93" erzählen lässt. Damit das überzeugend wirkt, sind die SPD-Landtagsabgeordnete Dagmar Andres aus Erftstadt dabei und Helga Kühn-Mengel, MdB. Außerdem Presse, Mitarbeiter und Personenschutz. Vor der Tür steht sogar die Polizei, was vorübergehende Schüler begeistert vermuten lässt: "Ein Banküberfall!", mich aber grinsen lässt, denn ich weiß ja, warum es den Aufwand gibt. 

Selbstverständlich wird kein Wort über den Frosch gesprochen. Ganz Profi zuckt Hannelore Kraft nicht mal, als sie an der Theke vorbeigeht, auf der meine Frosch-Flyer ausliegen. Auch als sie mich begrüßt, - ich werde ihr, damit es nicht sofort auffällt, als "Anette Dewitz, Kinderbuchautorin" vorgestellt -, bleibt sie völlig beherrscht, blinzelt mir nicht verschwörerisch zu und quakt auch nicht leise und wie zufällig. Allerdings wählt sie einen Platz am Bühnenbereich, von dem aus sie quasi aus der Froschperspektive zu den späteren Zuschauerplätzen sieht. Vielleicht will sie spüren, wie er sich fühlen wird, der Frosch, wenn er demnächst auf dieser Bühne seine Geschichte spielt.

Es ist eine lockere, kleine Runde, in der die Tätigkeiten von "Szene 93" vorgestellt werden. Die Atmosphäre ist zwanglos und unverkrampft, es wird nachgefragt, geantwortet, gelacht und zu einer kurzen Rap-Einlage auch mitgeklatscht. Danach wird bei Obstsalat entspannt über Jugend- und Kulturarbeit und die dafür so wichtigen Ehrenamtler geredet. Hannelore Kraft fühlt sich sichtlich wohl, und ich habe das Gefühl, dass sie sich dem kleinen, etwas improvisierten Theaterraum mit der halbfertigen Bühnendekoration, dem schrägen Beamerbild, dem einfachen Stuhlkreis und der Atmosphäre von Kreativität und Aktivität näher fühlt als großen Empfängen in glitzernden Sälen. Wie bodenständig und sympathisch.

Meine Woche endet mit mehreren gezeichneten Entwürfen für die Teich-Bühne, die mich aber alle noch nicht überzeugen und jeweils neue Spielprobleme versprechen. In der nächsten Woche muss ich mich für eine Variante entscheiden, damit ich sie endlich bauen und daran proben kann. Im Garten pflanze ich Johannisbeeren um, stapel Holz, rupfe Unkraut aus und freue mich über die Sonne und die Bewegung. Hatte ich nicht mal fest beschlossen, dass ich im Frühjahr keine großen Termine habe, damit ich fast nur im Garten sein kann? Klappt ja prima. Ich gehe rein und beginne mit dem Bau eines weiteren Frosches für den Teich.

           
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