Blog 464 - 19.03.2017 - Viel Text, Schönheitschirurgie und Standing Ovation

Kaum setze ich mich an die Bearbeitung des Spielbuches, merke ich, dass es gar nicht so gewaltige Änderungen gibt. Bei der Besprechung in der letzten Woche mit Bodo und in Erinnerung an die vielen Randnotizen kam es mir deutlich mehr vor. Oft stehen aber nur Anmerkungen wie "weniger Text", "länger ausspielen" oder "Bilder!" am Rand, was im Prinzip immer in die gleiche Richtung geht. An vielen Stellen findet Bodo, dass ich zu viel Text habe. Ich finde, dass es viel Text ist, aber nicht ZU viel. Ich komme vom Schreiben und habe Spaß an Dialogen, die sich beim Puppenspielen aber oft durch eine gespielte Szene ersetzen lassen, was Bodo in seinen Spielkursen immer sehr anschaulich zeigt. Mit diesem Gedanken gehe ich das Spielbuch durch und sehe plötzlich, wo ich auch ohne Worte auskomme und stattdessen ein einprägsameres "Bild" spielen kann. 

Aber die Dialoge sind auch typisch für mich, und so versuche ich eine gute Mischung zu finden, in der ich meinen eigenen Stil - mit Bildern UND Dialogen - wiederfinde. Und anstatt zu stöhnen, dass ich schon wieder am Spielbuch sitze, macht es mir sogar Spaß, denn jedes Beschäftigen mit dem Stück bringt wieder neue Ideen. Es ist ja auch kein komplettes Neuschreiben, sondern ein Herausarbeiten einiger dramaturgischer Punkte.

Der Dramaturgie-Experte Bodo hat außerdem eine Änderung im Verhalten des Prinzen vorgeschlagen, was bedeutet, dass ich eine wichtige Szene früher spielen muss. Das macht die ursprüngliche Szene zwar nicht mehr so berührend, die Geschichte aber deutlich spannender. Eine andere Figur streiche ich komplett, weil sie entweder öfter auftauchen müsste oder rausfallen kann. Öfter wäre kein Problem. Mir fällt schnell ein, wie ich sie mehrfach einbauen kann und das sogar lustig wäre. Allerdings befürchte ich, dass das Stück dann zu lang wird, denn ich will ja auch andere Szenen schon deutlich länger ausspielen.

Auch einen Handpuppenkopf mache ich neu. Vorher dachte ich, dass er in der Form nicht ganz stimmt und ein bisschen anders als das Original aussieht, dass das aber vermutlich niemand bemerken wird. Bodo kommentiert bei der Besprechung fast nebenbei: "Der Kopf stimmt nicht." Mist!, denke ich und grinse trotzdem amüsiert. Bodo hat zwar einen außerordentlich guten Blick für Formen, den nicht jeder Zuschauer so haben wird, aber wenn er den Unterschied gesehen hat, kann ich den Kopf nicht so lassen. Das geht mir gegen die Ehre.

Und wo ich einmal dabei bin, säge ich auch noch meine Fee in Stücke. Sie ist mir beim Fliegen zu steif und muss als Schauspielerin in dieser Rolle deutlich mehr Bewegung liefern. Das geht nur mit neuen Gelenken. Von der Orthopädin, die mit dem Cuttermesser Arme, Beine und Gelenke lockert, werde ich fließend zur Schönheits-Chirurgin, die auch noch Wangen verschmälert, Beine verlängert und den Po aufpolstert. Dass ich mal einer Fee die Beine breche und den Po runde, hätte ich bis vor kurzem nicht gedacht. Sie nimmt es mit feenhaftem Lächeln hin.

Nach fünf arbeitsreichen Tagen lasse ich alle Kleistereien und chirurgischen Eingriffe und fahre in die Kulturschmiede nach Fröndenberg, wo Purple Schulz ein Konzert gibt. Und was für eins! Die neue CD ist frisch da, und das Programm dazu ist eine perfekte Mischung aus alten und neuen Songs, ist mal berührend, mal mitreißend und mal sehr, sehr lustig. Markus Winstroer sitzt fast unauffällig mit auf der Bühne und begleitet auffallend virtuos mit Gitarre und Geige, und Purple nimmt die Zuschauer durch seinen "Sing des Lebens" bis zum Ende des Programmes mit, wo sie brodelnd, lautstark und voller Begeisterung Standing Ovation geben. Große Klasse! 

Erst um 2 Uhr bin ich wieder Zuhause und finde: Das hat sich gelohnt!

           
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