Blog 463 - 12.03.2017 - Spielkurs und der Dramaturgieblick des Dozenten

Die ganze Woche bin ich im Bochumer Figurentheater-Kolleg, wo der Dozent Bodo Schulte einen Spielkurs für Fortgeschrittene gibt. Diesmal wird nur mit von unten gespielten Figuren wie Hand-, Klappmaul- und Stabpuppen gearbeitet. Marionetten und Tischfiguren dürfen nicht mitmachen, weil die hinten oder oben gehalten werden. 

Nicht nur der Dozent hat kofferweise Figuren angeschleppt, auch die Teilnehmer haben viele Puppen mitgebracht. Von der simplen, auf einen Stock gesteckten Schaumstofffigur bis hin zur sehr beweglichen, von zwei Leuten gespielten Livehand-Puppe ist fast alles dabei, was von unten und darum meistens an einer hohen Spielleiste gespielt wird. Was für ein Fundus zum Kennenlernen, Ausprobieren und Lernen! 

Bodo erklärt Unterschiede, Möglichkeiten und Grenzen der verschiedenen Figurenarten, und wir üben Haltung, Blicke, Gänge, spielen kurze Szenen, sprechen sie durch, lernen, lachen - und fallen abends geschafft und müde in die Betten. Je leichter das Puppenspielen aussieht, desto mehr Arbeit steckt dahinter.

Es ist fast ein Geschenk, dass ich gerade jetzt, wo die Probearbeit für mein Stück beginnt, noch einen so intensiven Spielkurs mitnehmen kann. Ich konzentriere mich wieder auf die wesentlichen Sachen, die für ein schönes Spiel wichtig sind. Die beste Voraussetzung, um was draus zu machen.

Dass ich nach einem langen Spielkurstag sogar dem Dozenten mein Stück - in einer sehr, sehr, SEHR groben Version - vorspielen kann, ist großartig. Er kennt das Spielbuch, er kennt mich und er hat genügend Erfahrung, sich trotz meines Gewackels und des Textablesens vorstellen zu können, wie es werden soll. Sanft blickt er darüber hinweg, dass die Szenen ungeprobt sind und guckt vor allem mit seinem Dramaturgieblick zu.

Normalerweise wäre es mir peinlich, meinem "Lehrer" ein ungeprobtes Stück vorzuführen, aber bei Bodo kann ich das. Es macht mir auch keine Sorge, dass ich während des Spielens sehe, wie er Notizen macht, die vermutlich nicht jedes Mal heißen: "Super! Eins mit Sternchen. Besser hätte ich es auch nicht gekonnt." Bei ihm fühle ich mich gut aufgehoben, weil ich weiß, was für einen guten Blick er für Inszenierungen und das lebendige Spielen hat. Egal, wie gut ich mein Stück selber machen kann, wenn Bodo drauf sieht und Tipps und Anregungen gibt, wird das Ergebnis auf jeden Fall besser, davon bin ich überzeugt.

Als er seine Notizen und Anmerkungen mit mir durchspricht, gibt es Stellen, bei denen ich das schon geahnt habe und selber noch nicht sicher war, ob sie drin bleiben werden, und andere, bei denen ich dann doch überrascht bin. Nicht überrascht bin ich davon, was er alles sieht und wie genau er darauf zeigen kann. Es ist auf keinen Fall so, dass ich grundsätzlich alles ändern würde, nur weil Bodo es sagt, aber ich erkenne bei vielen Anmerkungen sofort, was er meint und weiß, auf was ich da achten muss oder dass ich es verbessern kann. Ich sehe es als Chance, fühle mich nicht persönlich kritisiert, sondern beim Stück unterstützt, was ich mit großer Freude annehme.

Anstatt also in der nächsten Woche intensiv mit dem Proben zu beginnen, werde ich jetzt tatsächlich die Dramaturgie nochmal überarbeiten. Es kann sein, dass dabei sogar ganze Szenen und fertig gebaute Figuren komplett rausfallen. Mal sehen. Wenn ich eine Szene ändere, hat das Auswirkungen auf die anderen und ich bin gespannt, was sich daraus ergibt. Und wenn ich einmal dabei bin, baue ich vielleicht sogar die Klappmaul-Prinzessin neu. Davon hat Bodo zwar nichts gesagt, aber manchmal denke ich, sie könnte graziler aussehen.

Dass im Garten der Frühling angekommen ist, erfreut mich sehr. Ich mache die Kräuterecke frei, räume winterlich vertrocknetes Zeug weg, schleppe Äste und freu mich, dass ich demnächst zwischen feinmotorischem Puppenspiel und kräftigem Hacken hin und her wechseln darf.

           
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